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Zollstock. Schutzmannshausen war einmal.

Wie ein leckeres Stück Torte liegt Zollstock zwischen Volksgarten und Grüngürtel. Immer mehr junge Leute und Familien geben dem Veedel nach und nach ein neues Gesicht. 

Wer mag den Benz wohl so zugerichtet haben? Die Reifen zerstochen, das silberfarbene Blech zerbeult, die Fensterscheiben rissig und aufgeplatzt von wütenden Hieben mit, vermutlich, einem Baseballschläger. Da war aber jemand sauer. Der offensichtliche Totalschaden steht vor einer Autowerkstatt in dem von zahllosen Handwerksbetrieben und Kunstwerkstätten bestimmten Off-Areal zwischen Höninger Weg und Paul-Nießen-Straße. In dieser Nachbarschaft befindet sich auch die Halle Zollstock, in der die Objektkünstlerin Ellen Muck ihr Atelier hat. Sie ist eine der treibenden Kräfte des 2011 gegründeten, zurzeit knapp 70 Mitglieder starken Vereins ZollstocKULTUR, der seit einigen Monaten durch seinen allwöchentlich anberaumten „Kultursonntag“ (immer von 14 bis 18 Uhr in der Halle Zollstock, Gottesweg 79) über die Veedelsgrenzen hinaus viel Aufmerksamkeit auf sich und seine Künstler zieht.

„Ich hatte immer den Ansatz, einen Ort zu schaffen, an dem Kunst und Kommunikation möglich ist“, sagt Muck in ihrer über und über mit Klein- und Kleinstteilen gefüllten Werkstatt. Für ihre Vereinskollegin Barbara Lücke hat sich dieser Wunsch bereits erfüllt: „So ein Ort als freies Kulturzentrum ist in Zollstock einmalig.“

Initiativen wie diese steigern die Attraktivität des rund 23.000 Einwohner großen Stadtteils, der den Kölnern jahrzehntelang wegen der vielen in den Genossenschaftssiedlungen lebenden Beamtenfamilien als „Schutzmannshausen“ bekannt war. „Es wohnen mittlerweile spürbar mehr Familien mit Kindern hier als Anfang 2000, als ich in das Viertel gekommen bin“, stellt Muck fest. Die angrenzenden Grünanlagen – Volkgarten, Vorgebirkspark, Grüngürtel – eignen sich hervorragend, um Kinderwägen hindurch zu schieben.

Tatsächlich hat Zollstock mehr zu bieten als der etwas schmucklose, da arg pragmatisch gestaltete Höninger Weg auf den ersten Blick offenbart. Von Nord nach Süd, vom Volksgarten bis hinunter zum Südfriedhof, über die Haltestellen Herthastraße, Gottesweg und Zollstockgürtel der Stadtbahnlinie 12 zieht sich die Hauptverkehrsader des Stadtteils. Links und rechts der Straße bilden Supermarkt- und Bäckerei-Filialen, Klamottendiscounter, Imbisse und die heutzutage offenbar unvermeidlichen Handy-, Optik-, Hörgeräte- und Wett-Franchisen den gegenwärtig für Innenstadt-nahe Veedel typischen Angebotsmix. Dazwischen, wie Inseln im Meer der Filialisten, die Einzelhändler, die bis heute durchgehalten haben: das Sanitätshaus Callies beispielsweise, die Buchhandlung Weyer oder „Blumen Moskopp“.

„Niemand braucht 27 Wettbüros und 18 Nagelstudios.“

Eine dieser Inseln ist der „Wolladen Ziebeil“, den Marga Knott vor neun Jahren übernommen hat und nun abgibt: „Ich gehe in Rente. Ich freu mich – endlich komm ich mal wieder dazu, selbst was zu stricken!“ Ihr Laden ist ein brummendes Beispiel dafür, dass auch in diesen amazonischen Zeiten Einzelhandel vor Ort funktionieren kann. „Hier muss man nicht viel ändern“, glaubt Knott, „die Kunden kommen ja. Im Internet kann man die Wolle nicht anfassen, bevor man sie kauft.“

 

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Verena Beith (l.) und Marga Knott im „Wolladen Ziebeil“.

 

Verena Beith, ihre Nachfolgerin, gibt ihr grundsätzlich Recht, ein paar Ideen aber hat sie doch – zum Beispiel für ein neues Ladenschild: „Südstadt-Wolle“ soll das Geschäft künftig heißen. Stricken und Häkeln liegen im Trend wie seit Jahrzehnten nicht mehr, Beith will ihn unter anderem mit Strickcafés bedienen. „Früher war Handarbeit eine einsame Tätigkeit, heute kommen die Leute an Orten wie diesem zusammen und machen das gemeinsam.“ Ihr Wollgeschäft soll ein Beitrag zur Vielfalt des Zollstocker Einzelhandel sein, denn: „Niemand braucht 27 Wettbüros und 18 Nagelstudios.“

Schon gar nicht Karl Scholten und Ulrich Schönfeld, seit 1997 Inhaber der Veedelskneipe Refugium (hier ein Beitrag aus der Kneipenserie auf koeln-beste.de). In dieser Zeit erlebten sie den Wandel des einstigen Arbeiter- und Beamtenstadtteils zum heutigen bunt gemischten Studenten-, Künstler- und Familienviertel mit, der sich noch heute allabendlich in ihrer Kneipe nachvollzieht. Wenn das „Refugium“ nachmittags öffnet, kommen vor allem die Alteingesessenen, für die ein Kölsch nach Feierabend zur alltäglichen Routine gehörte. Nach der „Tagesschau“ übernehmen dann die Jüngeren die Barhocker, treffen sich am Billardtisch, am Dartbrett oder zum Schocken.

Aller Anfang war schwer für die beiden langhaarigen Vollbartträger. „Wir mussten mehr Leute rausschmeißen, als wir reinlassen konnten, weil wir denen mit unserer Art nicht gepasst haben“, erinnert sich Schönfeld. „Inzwischen aber ist Zollstock unsere Heimat geworden.“ Und das nicht nur, weil er in einer der beiden Wohnungen über der Kneipe wohnt – direkt neben seinem Wirtskollegen. „Zu uns kommen vor allem Leute aus dem Veedel – weil sie sich bei uns wohlfühlen.“

Fotos Thilo Schmülgen
Text Sebastian Züger

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