„Unsere Wohnung muss nicht perfekt sein“

10.07.2019 | #zohus bei

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SILKE UND IRMA MÜLLER

„Ding Dong!“ Wir drücken gegen das Tor und laufen über einen wunderschön begrünten Hof in Köln-Pesch mit Rasenflächen, die zum Turnen, Kicken oder Picknicken einladen. Ein großer Sandkasten mit Spielzeug darin sieht aus, als würde er häufig genutzt werden. So ist es auch, denn die Räume dieser ehemaligen Gutsanlage wurden zu Wohnungen umgebaut und sind nun Lebensraum vieler Familien. In einer dieser Wohnungen lebt Silke Müller (37) mit ihrer sportlichen Tochter Irma (10). Irma verabschiedet gerade noch ihre beste Freundin, die auch hier auf dem Gelände wohnt, als wir Mama Silke durch den kleinen Flur in die große Wohnküche folgen.  „Wir wohnen nun schon seit sechs, sieben Jahren hier“, sagt Silke. „Anfangs kam es mir sehr groß vor, und das nicht nur, weil die Decke so wahnsinnig hoch ist.“ Außer der Küche, Essecke und der Sofa-Kuschel-Leselandschaft finden sich in diesem einen Raum auch noch Silkes Schlafzimmer – allerdings eine Etage höher auf der Empore.

„Mein erster Eindruck von Köln war schlimm“

„Eigentlich wollte ich gar nicht nach Köln, das war zufällig„, erzählt uns die Gesamtschullehrerin. Geboren ist Silke in Grevesmühlen an der Ostsee. In Rostock hat sie Germanistik und Anglistik studiert. Das Referendariat brachte sie nach Köln. „Mein erster Eindruck von Köln war schlimm, weil ich direkt an Karneval umgezogen bin. Ich hatte zwar mal davon gehört, kannte das Phänomen aber überhaupt nicht. Eine Truppe Brokkoli sprach mich an, als was ich denn gehen würde? Als Sozialarbeiterin?“ erzählt Silke und lacht.

Inzwischen mag Silke aber den Karneval und macht auch mit. „Aber nach einem Tag bin ich schon platt.“

Silke und Irmas Vater trennten sich, als Irma zwei Jahre alt war. Deshalb kam es Silke sehr entgegen, als ihr diese Wohnung angeboten wurde. „Es ist zwar etwas weit draußen, aber wir genießen die Ruhe hier.“ Da Silke an der Gesamtschule in Chorweiler unterrichtet und ihr Job von enormer Lautstärke geprägt ist, ist sie froh darüber, hier abschalten zu können. „Anfangs fand ich es hier seltsam, weil man den Nachbarn so nahe ist. Ich fühlte mich unter dem sozialen Druck, sich immer unterhalten zu müssen. Aber das war Quatsch. Und für die Kinder ist es hier einfach toll.“

„Das stimmt!“, bestätigt Irma, die sich gerade zu uns in die Essecke gesellt. „Wir können überall rein und rauslaufen, wie wir gerade Lust haben.“ Silke nickt und erzählt weiter:

„Meine Eltern fanden es schrecklich, wenn wir viele Kinder bei uns Zuhause waren, deshalb versuche ich, es nun bewusst anders zu machen„.

„Irma hat Glück, dass wir uns alle so gut verstehen“

Wir entdecken eine weitere Bewohnerin: Venta, die 13-jährige Katzendame, reckt neugierig ihr Köpfchen und begrüßt uns mit einem Mauzen. „Eigentlich gehört Venta meinem Mann“, erzählt Silke. Diese Familienkonstellation ist etwas ungewöhnlich, denn Silke hat sich nach der Trennung von Irmas Vater wieder verliebt und geheiratet. Jedoch ohne mit ihrem Liebsten zusammenzuziehen; er wohnt in Nippes. „Als wir geheiratet haben, war uns nicht klar, warum wir das mit zwei Wohnungen ändern sollten. Schließlich funktioniert es ja so.“ Silkes Mann ist an bestimmten Tagen in der Woche sozusagen zu Besuch. Katze Venta hingegen ist komplett eingezogen. „Sie liebt, wie ich, die Fußbodenheizung und dass meistens jemand hier ist“, sagt Silke.

„Wir leben in einer Patchworkfamilie. Das ist eine Herausforderung, bietet aber auch viele Vorteile“, sagt Silke. Irmas Vater hat ebenfalls wieder geheiratet und weitere Kinder bekommen. „Irma hat Glück, dass wir uns alle so gut verstehen. Es freut mich sehr für sie, denn so ist sie doch noch in den Genuss von Geschwistern gekommen. Das ist eine sehr große Bereicherung für sie.“ Außerdem findet Silke, dass es für Kinder wichtig ist, verschiedene Bezugs- und Vertrauenspersonen zu haben. „So bekommt sie verschiedene Sichten auf die Welt und gleich vier Bezugspersonen.“

„Kommt, ich zeig euch mal mein Zimmer“, ruft Irma und flitzt um die Ecke. Wir folgen und treten in ein schönes, helles und großes Kinderzimmer. Die Wände sind himmelblau gestrichen und mit rosa Lampenblüten verziert. Es gibt eine Schreibtisch-Ecke mit großer Weltkarte, an einer anderen Wand steht ein Spiegeltischchen. In den Regalen stapeln sich Brett- und Gesellschaftsspiele. Hier und da sitzen etwas verwaist wirkende Puppen und Kuscheltiere herum. „Am liebsten turne ich“ sagt Irma. „Auch hier im Kinderzimmer!“ Zum Beweis zeigt sie uns einen Handstand. Ganz großer Fan ist Irma von Lina Larissa Strahl. An den schrägen Wänden hängen gleich zwei Poster von ihr – eins sogar mit Unterschrift vom Teeny-Star. „Ich habe sie auf einem Konzert getroffen und sie hat unterschrieben.“ Irma deutet auf die rechte Ecke des Posters. „Ich wollte eigentlich die andere Seite vom Poster aufhängen, aber dann würde man das Autogramm ja nicht sehen.“

Wir schauen uns weiter um: Aus zwei Tischen unterschiedlicher Höhe ist ein Schreibtisch-Eck entstanden. Zwei dicke Wörterbücher bringen die Arbeitsflächen auf Augenhöhe. Jetzt passt es. „Ich habe es zwar gerne schön, aber es muss nicht perfekt sein. Gemütlichkeit und Charme sind der 37-Jährigen wichtiger als „Schöner Wohnen“-Perfektion. „Den Fernsehschrank habe ich vom Antikmarkt am Rhein. Er ist eigentlich ein altes Nähkästchen.“ Dort verstaut die Lehrerin ihre Briefe. Davon hat sie einige. „Meine beste Freundin lebt in Athen und wir mögen es total, uns aus der Ferne Briefe zu schreiben. Eine sehr schöne Art mit Menschen in Kontakt zu bleiben und seine Gedanken zu sortieren. Außerdem ist es toll, auch mal was anderes als Rechnungen im Briefkasten zu haben“, sagt Silke. „Ich liebe Papier in allen Variationen.“ So sammelt die Wahlkölnerin auch Postkarten aus Kneipen, Notizzettel, Zeichnungen und außergewöhnliches Papier. „Ich pinne es gerne einfach so an die Wand – für Schubladen ist es mir zu schade.“

Silke und Irma Mueller GAG Immobilien AG Koeln Beste Pesch Chorweiler zohus Sisters in mindImmobilien AG Koeln Beste Pesch Chorweiler zohus Sisters in mind

Das Krutscht-Eck der Wohnung ist eindeutig die Treppe zur Empore. „Dort landet alles, was keinen Platz findet. Und irgendwie ist es auch nicht meins, wenn alles sortiert ist.“

Beim Lieblingsplatz in der Wohnung sind sich die Bewohnerinnen einig. „Wir liegen super gerne zusammen auf dem Teppich im Wohnzimmer“, erklärt Irma. „Mama liest mir da immer was vor. Allerdings liegt Venta da auch ganz gerne und man ist nachher immer voller Katzenhaare.“

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Bücher spielen in diesem Haushalt eine große Rolle. „Ich finde es immer seltsam, wenn man in Wohnungen kommt, in denen es keine Bücher gibt“, sagt Silke.

Wenn man da so auf dem Teppich sitzt, hat man einen schönen Ausblick auf das Bild, das über dem Sofa hängt: mehrere Ballett-Tänzerinnen beim Training. „Das hat mir eine Freundin geschenkt, weil ich selbst seit einiger Zeit tanze.“ Diese neue Leidenschaft hat Silke erst vor einigen Jahren entdeckt. Sie litt an starken Rückenschmerzen und wollte nicht mehr auf Schmerzmittel angewiesen sein. Ein Orthopäde gab ihr den Tipp, es mit Ballett zu versuchen. „Seitdem bin ich schmerzfrei. Ich kann es jedem nur empfehlen! Auch wenn der Körper nicht mehr so ganz frisch ist, macht es riesigen Spaß.“

Wichtig in der Wohnung sind auch die Küche und der Essbereich. Der Tisch stand früher bei Silkes Opa in der Werkstatt. „Die war riesig. Wenn man etwas brauchen konnte, nahm man es einfach mit.“ So lässt sich wohl ihr Einrichtungsstil erklären. „Bei uns gibt es ganz viel Ikea, aus Studentenzeiten. Der Rest ist meistens von meinen Großeltern.“

Das ist nachhaltig gedacht, denn in ihrer Eigenschaft als Mutter und Lehrerin macht sich Silke Gedanken um die Zukunft der folgenden Generationen. „Ich finde die Fridays-For-Future sehr wichtig und unterstütze Irma dabei.“

Auch in der Küche geht es nachhaltig zu. Silkes Mann ist leidenschaftlicher Koch. „Ich bemühe mich eher“, sagt Silke. Wann immer es geht, kochen sie aber gemeinsam und versuchen Verpackungsmüll zu vermeiden. Saisonales Gemüse findet den Weg auf ihre Teller. Und seit Irma Vegetarierin ist, wurde der Fleischkonsum der gesamten Familie stark reduziert. „Ich liebe Tiere – außer Spinnen vielleicht“, sagt Irma. „Dass Lebewesen leiden, ist für mich unerträglich, deshalb esse ich sie nicht.“ Seitdem sie so lebt, sortiert sie alle Karnevalssüßigkeiten aus, die tierische Bestandteile enthalten. „Schweine sind meine Lieblingstiere“ erklärt sie. „Trotzdem gibt’s genug Süßes, das ich essen kann.“

Beim Abschied fällt unser Blick noch einmal auf die Wohnungstüre. Dort hängt ein Exemplar aus Silkes Postkartensammlung, auf dem in englischen Lettern steht: „Kein Ort für Rassismus, Faschismus, Sexismus, Homophobie und jede andere Art von A-Löchern.“

Dass für Intoleranz bei Irma und Silke kein Platz ist, spürt man. Offenheit, Kreativität und Liebe hingegen haben bei diesen beiden Power-Frauen umso mehr ein Zuhause.

Fotos: Costa Belibasakis
Text: Jana Mareen Züger

 

Übrigens macht Silke zusammen mit der Fotografin Miriam Dierks einen besonders für Mädchen und junge Frauen sehens- und lesenswerten Blog „Sisters-in-Mind.com“.

 

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