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„Alles in meiner Wohnung hat eine Geschichte“

12.04.2019 | #zohus bei Leben | 2 Kommentare

#zohus bei:
INGA OSBERGHAUS

„Ding Dong!“ Der Türöffner summt und wir treten in den sonnengelben, in Neunziger-Jahre-Wischtechnikgetünchten Hausflur. Die Wohnungstür steht schon offen, als wir im vierten Stock des Hauses in Nippes ankommen. Wer hier wohnt ist unschwer zu erkennen: OSBERGHAUS prangt über der Wohnungstür. Dahinter taucht Inga auf: Sie ist Jahrgang 1972, alleinerziehende Mama von zwei Teenagern. 1993 ist sie von Gummersbach nach Köln gekommen.

Sie empfängt uns strahlend. „Kommt rein!“ Heute hat sie sturmfrei, die Kinder sind ausgeflogen. Wir folgen ihr durch einen breiten Flur, von dem links und rechts Zimmer abgehen und der in einer großen Wohnküche mündet. Rechts: die Küche und ein kleiner, aber gemütlicher Balkon mit Blick aufs Veedel. Links: ein langer Ess- und Arbeitstisch, Sofa und Näh-Ecke. Inga erinnert sich noch lebhaft an ihren Besichtigungstermin. „Als ich unten reinkam und den Flur sah, dachte ich: Oh Gott, lass wenigstens die Wohnung schön sein!“ 2005 zog sie samt Mann und Kindern in den zweiten Stock, 2009 dann mit den beiden Kindern zwei Treppen höher.

„Ich kaufe nichts, nur weil es praktisch ist.“

Das Familienleben spielt sich hauptsächlich in der Wohnküche ab. Gedeckte Farben, weiße Wände, viele Bilder an der Wand – ein Raum voller Liebe zum Detail. „Alles in meiner Wohnung hat eine Geschichte“, sagt Inga. „Entweder ich hab‘ es vom Flohmarkt und aufgearbeitet oder geschenkt bekommen oder selbst gemacht.“

Überall gibt es was zu gucken. „Ich verwende gerne alte Sachen oder zweckentfremde Gegenstände. Ich kaufe so gut wie nichts im Möbelhaus. Deshalb sind meine Kinder oft genervt von mir und nennen mich Öko-Tussi“, sagt Inga und lacht. „Tja, da müssen sie halt durch. Für mich kommt nichts ins Haus, nur weil es praktisch ist. Es muss auch schön sein und etwas ausstrahlen.

„Der muss bei mir einziehen“

In einer Suppenschüssel auf dem Balkon sprießt Waldmeister, in einer Kaffeekanne vom Flohmarkt grünt ein kleiner Baum, den sie in ihrem letzten Korsika-Urlaub adoptiert hat. In einem alten Waschbecken an der Wand bewacht Gartenzwerg „Jürgen“ die Botanik. „Den sollte ich für meinen Onkel Jürgen auf dem Flohmarkt verkaufen, aber ich wusste: Der muss bei mir einziehen.“

Flohmärkte sind Ingas Ding – meist als Käuferin, oft aber auch als Verkäuferin. „Ich kaufe aber nur was, wenn mir der Besitzer sympathisch ist“, erklärt die 46-jährige. „Sonst müsste ich immer, wenn ich den Gegenstand sehe, an blöde Leute denken.“

Die Kaffeekannen und die Kaffeefiltersammlung erzählen von ihrer Schwäche für das schwarze Heißgetränk. Und sie lassen ihre Leidenschaft für die Moden der 50er und 60er Jahre erkennen.

„Schwedenkrimis sind herrlich entspannend!“

Ingas allerliebster Platz in der Wohnung ist vor ihrer Nähmaschine. Fast täglich schneidert sie hier nach ihrem Bürojob bei einer Unternehmensberatung für ihre eigene Modemarke „Van Herrenlos“. Auf ihrem Tablet laufen dazu Schwedenkrimis. „Herrlich entspannend“ findet sie das. „Nur leider habe ich die Mediatheken schon alle leer geguckt.“

Mit den guten Stücken verdient sich Inga ein paar Euro dazu. Momentan erweckt sie alte, abgelegte Herrensakkos zu neuem Leben, indem sie daraus Gürtel, Taschen und Portmonees fertigt. Dingen, die nicht mehr gebraucht werden, einen neuen Sinn zu verleihen, macht Inga glücklich – und ihre Kunden auch. „In den Herbst- und Wintermonaten verkaufe ich meine Sachen auf Designer-Märkten, das ganze Jahr über in einem Nippeser Up-Cycling-Laden und über meine Social-Media-Seite.“

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Die wunderschöne Nähmaschine ist ein Geschenk von Tante Liesel.  „Ich liebe diese alte Teil. Meine Tante hat sie sich von ihrem ersten Gehalt gekauft. Ich würde sie nie gegen was Modernes eintauschen.“

Wie wichtig Tante Liesel und Handgemachtes für Inga sind, zeigt auch ein Tattoo auf ihrem Unterarm. Als wir nämlich mehrere Strick-Liesel-Figuren unter einer Glas-Glocke entdecken, klärt uns Inga auf: „Die Strick-Liesel steht für meine Tante. Sie hat mich sehr stark in meiner Frauen- und Mutterrolle geprägt. Deshalb habe ich nach einem Motiv gesucht, das mich immer an Tante Liesel erinnert.“

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„Immer eine schöne Erinnerung“

Ingas Sofa sieht gemütlich aus. „Wenn man die Augen zu macht, klingt der Regen wie Applaus“ steht auf einem Kissen – natürlich selbstgemacht. „Die Bezüge sind aus Jute-Taschen, die ich mir auf Konzerten gekauft habe“, erklärt Inga. „So habe ich immer eine schöne Erinnerung“. Da werden wohl noch einige dazu kommen. Seit drei Jahren ist Inga ehrenamtliche Türsteherin bei Veranstaltungen in der Kulturkirche Nippes. Außerdem ist sie Presbyterin in der evangelischen Gemeinde. „Das ist ein großer Segen für mich. Ich engagiere mich und erlebe nebenher noch wunderschöne Konzerte.“

Es klingelt an der Tür. „Ach, das sind bestimmt die Möbel, die ich für einen guten Zweck ergattert habe. Eine Nippeser Nachbarin hat sie der Gemeinde gespendet und lässt sie mir nun vorbeibringen.“ Die betagten Schränke und den Schreibtisch wird Inga in den nächsten Tagen aufbereiten. „Mir geht es so gut. Es macht einfach Spaß, wenn man auch mal was zurückgeben kann.“

Zwar reist Inga gern, aber sie kommt genauso gern immer wieder in ihr Veedel zurück. „Wenn das Dörfliche aus Nippes eines Tages verschwinden würde, wäre ich raus“, sagt sie. „Aber das wird hoffentlich nie passieren. Die tolle Nachbarschaft ist ein Grund, warum ich nur in Köln leben möchte. Außerdem gibt’s in Gummersbach keine Büdchen.“

Fotos: Costa Belibasakis
Text: Jana Mareen Züger

 

2 Kommentare

  1. Ute Cornelia Liesdorf sagt:

    einfach genial! vielen Dank für die lebenslustigen Anregungen.
    Cetu

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