„Köln ist nicht Deutschland“

07.01.2020 | Menschen | 7 Kommentare

Name:
Wim Cox

Geboren:
1938

In Köln seit:
1961

Beruf:
Fotograf

Lieblingsort:
unter seiner Zeder im Garten

Ich bin ein Kellerkind. Meine Kindheit habe ich während des Zweiten Weltkriegs viel im Keller verbracht. Damals in den Niederlanden, im Grenzgebiet um Venlo, gab es dicke Stahlbetonwände unter der Erde, wo wir uns vor den Bomben versteckten. Bis heute haben mich der Krieg und die Räume in der Tiefe nicht losgelassen.

Einmal – ich war vier Jahre alt – hatten wir einen Flüchtling versteckt. Wir saßen in der Küche, während Soldaten unser Haus nach jüdischen Flüchtlingen durchsuchten. Sie sagten uns: Wenn wir jemanden finden, erschießen wir ihn und Euch auch. Die Angst, die ich damals hatte, spüre ich bis heute. Mein Opa, ein Zeitungsverleger, hat mir beigebracht, mich in meine Phantasie zu flüchten. In Gedanken kann man überall hin. Das half mir, solche Situationen zu überstehen. Vielleicht haben diese Erlebnisse sogar meinen Glauben an die eigene Kraft und das positive Denken gestärkt.

„Der Dom war ein erstes positives Symbol für uns“

1961 kam ich nach Köln. Ich war nicht gleich ein großer Fan dieser Stadt. Meine damalige Freundin, meine heutige Frau, und ich waren von der schlechten Stimmung zwischen Niederländern und Deutschen genervt. Krieg hatte das Verhältnis zwischen den Nachbarn total vergiftet. Da dachte ich mir: Schauen wir uns den Feind doch mal aus der Nähe an. Der Dom war ein erstes positives Symbol für uns: Wer so etwas Herrliches baut, kann nicht so schlecht sein. Und nun sind wir schon seit mehr als fünf Jahrzehnten hier. Trotzdem bin ich bei den Menschen hier immer wieder an Grenzen gestoßen. Manchmal fühlte ich mich richtig diskriminiert. Zum Beispiel hörte ich häufiger: Ach, der kann das nicht wissen, der ist Holländer. Dabei bin ich Niederländer!

Aber: Humor hilft immer weiter. Deshalb kam ich mit den Rheinländern gut zurecht. Wenn man irgendwo ankommen will, muss man sich anpassen und integrieren. Das habe ich getan. Es hat funktioniert. Übertriebene Heimatsehnsüchte habe ich nicht. Ich fühle mich dort wohl, wo ich verstanden werde oder ich die Menschen verstehe, und wo ich Luft zum Atmen habe. Besonders lieb ist mir unser kleiner Garten. Dort steht eine riesige Zeder. Die gibt viel Sauerstoff zum Atmen. Das ist mein liebster Platz in Köln.

Köln lässt sich kaum mit einer anderen Stadt vergleichen. Ich finde, Köln ist ja auch eigentlich nicht Deutschland. So wie New York nicht Amerika ist. Es steht irgendwie für sich. Köln ist bunt und in seiner Eigenart übertrieben. Hier feiert man das Anderssein regelrecht. In der Domstadt tummeln sich viele Nationen. Ich habe hier Freunde aus mehr als 40 Ländern. Köln ist ein Schmelztegel der Kulturen und Sprachen. In unserer Familie sprechen wir allerdings fast nur Niederländisch, mit unseren drei Kindern ebenso wie mit den Enkeln. Über die Sprache bleiben wir mit der alten Heimat verbunden.

In der Anfangszeit in Köln habe ich zuerst bei Foto Lambertin und danach als Fotografen-Meister bei Schmölz und Ullrich, dem Nachfolger und Schwager des Architektur-Fotografen und Köln-Chronisten Karl Hugo Schmölz gearbeitet. 1971 habe ich das Atelier und das Archiv von Hugo und Karl Hugo Schmölz sowie von Oscar Ullrich übernommen. Gott sei Dank konnte ich den Angeboten widerstehen, alles in die Hände des Stadtarchivs zu geben. Sonst läge es heute auf dem Grund der Grube. Die Arbeiten von Schmölz sind ein riesiger Schatz, den ich mit meinem Sohn Maurice aufarbeite und betreue. Das Archiv ist so umfangreich, dass ich selbst nicht sagen kann, wie viele Aufnahmen in den Pappschachteln aufbewahrt sind. 90 Jahre Fotogeschichte lagern dort: Die ältesten Fotos stammen aus dem Jahr 1926. Meine Frau hat sieben Jahre im Keller verbracht, um alles zu katalogisieren.

„Analoge Fotos sind eine intime Angelegenheit.“

Fotografieren ist eine fantastische Sache. Dabei meine ich natürlich das analoge Fotografieren, das ist Kultur. Ich finde es zwar großartig, wie sich die Technik verändert hat, aber der Denkprozess wird beim digitalen Handy-Knipsen verhindert. Analog hat man immer erst eine Vision und versucht dann, diese fotografisch zu verwirklichen. Man achtet auf viel mehr: Brennweite, Standort, Zeit, Licht, Papiersorte, Entwicklung. Man erlebt die Geburt eines Fotos ganz anders. Intensiver. Es ist eine intime Angelegenheit. Ein Foto gibt preis, was der Fotograf gesehen hat.

Ich bin kein Sammler, aber ich werfe auch nichts weg. Deshalb hat sich in unseren vielen Kellerräumen unter dem Atelier einiges angesammelt. Ich bin und bleibe eben ein Kellerkind. Ich wollte immer gern Museumsdirektor werden, aber leider hat mich nie jemand gefragt. Deshalb habe ich mir selbst im Alter ein kleines Museum im Keller eingerichtet: Das Museum für Analog-Photographie. Das hat sich rumgesprochen. Ich bekam oft Kameras, Fotos und Zubehör aus Nachlässen geschenkt. Auf Anfrage mache ich auch kleine Führungen. Ich finde es wichtig, diesen Erfahrungsschatz und die haptischen Eindrücke an Jugendliche weiterzugeben, damit sie die Entwicklung verstehen. Früher war es nicht nur ein Klick aufs Handy, um ein Foto zu bekommen, sondern richtig Arbeit.

Im Kellerraum nebenan habe ich Exponate ganz anderer Art: Salz- und Pfefferstreuer. Das ist ein bisschen verrückt, ich weiß. Es ist schrecklich, aber ich muss immer welche mitnehmen, wenn ich irgendwo bin. Angefangen hat das, als ich mit einem Freund zum Essen verabredet war und wir uns verquatscht haben. Ich hatte mich mit der Zeit total verzettelt. Meiner Frau hatte ich versprochen, schon längst Zuhause zu sein. Deshalb wollte ich ihr als Entschuldigung etwas mitbringen. Da standen diese Salz- und Pfeffer-Streuer auf dem Tisch …

„Warum soll man nicht auch mal Quatsch machen?“

Seitdem bekomme ich häufig welche mitgebracht oder zum Geburtstag geschenkt. Der Raum wird immer voller. Bald muss ich expandieren. Ich finde es so faszinierend, wie die menschliche Kreativität immer wieder andersartige Streuer entstehen lässt. Es gibt diesen Alltagsgegenstand in so vielen Variationen. Wahnsinn! Mir macht das so einen Spaß. Ich weiß, normal ist das nicht, aber warum soll man nicht auch mal Quatsch machen? Viele halten mich deshalb für etwas verrückt, aber das habe ich ganz gern.

Früher habe ich die Kellerräume Künstlern für ihre Ausstellungen zur Verfügung gestellt. Der „Kunstkeller Klingelpütz“ und die „Coxkellerie“ waren stadtbekannt. Ach, was haben wir hier alles erlebt! Manchmal hat es auch reingeregnet, weil die Kellerräume undicht waren. In vielen Galerien sind ja oft die Räume schöner als die Bilder. Bei uns war es genau andersherum.

„Über Rente brauche ich nicht sprechen, ich kriege nämlich keine!“

Damals habe ich Tag und Nacht gearbeitet. Ich habe viel für ein Kunst- und ein Reisemagazin fotografiert. Ich war überall auf der Welt unterwegs. Meine Frau hat mich immer sehr unterstützt, um das Geschäftliche brauchte ich mich nie kümmern. Das hat alles sie gemacht. Ich konnte mich voll und ganz auf die Fotografie konzentrieren.

2003 hat mein Sohn Maurice, der ebenfalls Fotograf ist, alles übernommen. Jetzt bin ich im Ruhestand, oder besser: im Unruhestand. Ich bin immer noch in Bewegung, ständig in Veränderung und kann das Arbeiten einfach nicht ganz lassen. Über Rente brauche ich nicht sprechen, ich kriege nämlich keine. Ein Mensch muss alles vermeiden, warum er faul wird. Bleib, wie du bist, lautet ein gängiger Abschiedsgruß. Dazu kann ich nur sagen: Auf gar keinen Fall!“

 

Fotos: Costa Belibasakis
Text: Jana Mareen Züger

7 Kommentare

  1. Walter Stupp sagt:

    Wer Wim Cox kennt, weiß um seine Offenheit, seine Ehrlichkeit sowie seinen unerschütterlichen Humor, der ihn auch brenzlige Situationen ertragen ließ. Das fotografische Schaffen aber ist immer wieder neu. Da gibt es keine Idee, die er schon hatte und hundertfach reproduziert hätte, auch keine ‚Handschrift‘ an der man seine Kreativität erkennen könnte. Er ist immer wieder gut für eine Überraschung. Von den ‚Wiederholungstätern‘ haben wir unter den Kreativen leider zu viele.

  2. ein wunderbarer bericht über einen wunderbaren menschen und fotografen und salz- und pfefferstreuer-sammler 😁😁😁❤️❤️❤️
    liane

  3. Inge und Rainer aus Wettringen im Münsterland sagt:

    Ein toller Bericht! Er spiegelt Wim genau so wieder, wie wir ihn und seine Frau Yvonne vor 2 Monaten zufällig auf Zypern kennengelernt haben. Seine hellen und wachsamen Augen strahlen Außergewöhnliches aus, das seine Wahrnehmung der Umwelt in seinen Fotos wiederspiegelt. Nach wenigen Tagen unserer Zufallsbegegnung hat Wim es geschafft, uns für das Fotografieren zu begeistern. Wir haben mit ihm und Yvonne viele humorige gemeinsame Stunden miteinander verbracht und es hat sich eine „Westfälisch-Kölsche“ Freundschaft entwickelt. Wim gibt sich nicht auf und hat immer noch neue Zukunftspläne. Die starke Frau an seiner Seite, Yvonne , wird ihn sicherlich dabei unterstützen. Mögen all seine Zukunftspläne „effes“ in Erfüllung gehen.
    Das wünschen Inge und Rainer aus Wettringen
    („effes“ bleibt ein Geheimnis zwischen Yvonne, Wim und uns)

  4. René Böll sagt:

    Ein sehr schöner Bericht, der viele Erinnerungen an eine gemeinsame Reise nach China, eine Ausstellung im Kunstkeller und viele Begegnungen mit Yvonne und Wim wachruft!
    Euch beiden Alles Gute!
    Carmen Alicia und René

  5. Der kurze Lebensbericht von Wim Cox beschreibt ihn genauso wie er ist und ich ihn kennenlernte. Die analoge Fotografie interessierte auch mich schon vor mehr als 50 Jahren. Als Ingenieur benötigte ich für technische Werbeprospekte die eine oder andere spezielle Aufnahme. Die Fotografie umfasst nicht nur Technik sondern auch künstlerisches Handeln, von dem ich seinerzeit wenig verstand. Über meine Frau und ihrer ART AGENTUR KÖLN lernte ich Wim Cox kennen. Was macht nun einen guten Fotografen aus? Deshalb habe ich Wim gebeten, mich für einen Tag als „Lehrling“ in sein Tätigkeitsfeld aufzunehmen. Es ging um die Fotografie eines Innenraums einer Kölner Kirche. Mit einer nach den optischen Gesetzen selbst gebastelten Winkel- und Abstandsmessvorrichtung konnte ich zwar die notwendige Objektivbrennweite für den Innenraum vorausbestimmen, wie aber leuchtet man den großen Innenraum möglichst gleichmäßig aus? Neben der großen Fachkamera mit Bild- und Objektivstandarte wurden auch Gestelle und große Mehrzweckklappleitern herangekarrt. Peinlich war mir als „Lehrling“, als die Bildstandarte aus der Hand rutschte und zu Boden viel, während der „Meister“ auf der hohen Klappleiter stand und probeweise mit einer Fotolampe händisch die Kirchendecke ausleuchtete. Der Schreck und die schwingende Handbewegung brachten auch die Leiter in eine kritische Bewegung. Reflexartig konnte ich die Leiter wieder stabilisieren und den nahenden Absturz verhindern. Am Abend haben wir bei einem Glas Rotwein in seinem Atelier die Situation noch einmal ventiliert. Wim war froh, nicht von der Leiter gestürzt zu sein, ich war froh, dass die Bildstandarte noch ganz war. Auf meine Frage: „Warum hast Du eigentlich die Lampe so wirr zum Ausleuchten der Kirchendecke bewegt?“, Wims Antwort: „Ein bisschen Show muss schon immer dabei sein!“.

  6. Martine und Jürgen Weghmann sagt:

    Ach, Wim, deine Worte zu lesen ist ein Vergnügen. ich hörte deine Stimme dabei ! und dein Mundharmonika, das du aus deiner Tasche herausziehst, wenn es Dir gut geht . Du bedeutest uns so viel ! dein Humor ist ansteckend und herzerwärmend. Dir ging es nie um geld. Menschen sind dir wichtig. Vor allem deine Familie. Bis bald ! deine Martine und Jürgen

  7. Uwe Dreyer sagt:

    Auch ich war zuerst bei Foto Lambertin und bin vor Wim zu Schmölz und Ullrich gewechselt, um dort meine Fotografen-Lehre zu absolvieren.
    Dann kam Wim dazu !
    Mit ihm und mit den anderen Lehrlingen, z.B. Hermann-Joseph-Baus, Karl-Heinz Metzner, Udo Jahnke, begannen die schönsten, unbeschwertesten Jahre meines Lebens – Lebenslust, Sinn für Unsinn und Kreativität pur ! Seit dieser Zeit haben Wim und Yvonne für immer ein Platz in meinem Herzen und dem meiner Frau Kirsten !
    Wir lieben Euch !

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