„Unter den Studio-Drummern war ich die Nummer eins. Weil ich pünktlich war.“

29.10.2019 | Menschen

Name:
Willy Ketzer

Geboren:
1951

In Köln seit:
1972

Beruf:
Schlagzeuger und Bandleader

Lieblingsort:
Schlagzeughocker

Raten Sie mal, wer jeden Sonntagabend bei der Titelmusik des ARD-Tatorts Schlagzeug spielt … Wir verraten’s Ihnen: Willy Ketzer. Die Kölner Schlagzeug-Legende hat in seiner langen Karriere für Tom Jones, Liza Minnelli, Paul Kuhn, Klaus Doldinger, Helge Schneider, Heino, Howard Carpendale und viele weitere Musikgrößen die Drumsticks geschwungen. In seinem Buch und Hörbuch Am Grab gibt’s keine Steckdose versammelt er seine lustigsten und skurrilsten Anekdoten aus rund fünf Jahrzehnten im Musikbusiness. Ein paar davon sowie einige, die er noch nicht aufgeschrieben hat, erzählt er uns hier.

Übrigens:
Wer das weich swingende, auch nach fünf Jahrzehnten in Köln noch immer hessisch gefärbte Idiom des gebürtigen Bad Kreuznachers live erleben möchte, hat am Freitag, 31. Oktober 2019, ab 20 Uhr in der Kulturkirche Ost in Köln Gelegenheit dazu. Willy Ketzer liest und macht Musik, unterstützt von Keyboarder Tobias Sudhoff. Eintritt: frei!

„Kürzlich hatte ich mit meiner Big Band einen Auftritt in Berlin, bei dem auch ein Video aufgezeichnet wurde. An meinem Schlagzeug-Spiel sah irgendwas komisch aus. Der Kameramann fragte sich: Was ist das für ein dicker Klumpen? Der Klumpen, das war mein Daumen. Ich hab‘ beim Baguette-Schneiden reingesäbelt. Musste mit sieben Stichen genäht werden. Ohne Daumen Schlagzeug-Spielen geht eigentlich gar nicht. Ich mach‘ jetzt also besser erstmal Pause.

Willy Ketzer Kölnbeste Koelnbeste Kulturkirche Ost Köln GAG

Geboren und aufgewachsen bin ich in Bad Kreuznach. Aber schon seit Anfang der 70er Jahre bin ich in Köln und Umgebung zuhause. In Nippes habe ich meine erste Frau kennengelernt. 1992 war das. Wir haben geheiratet und uns zehn Jahre später scheiden lassen. Wir haben einen Super-Sohn zusammen. Er ist Anfang 20 und spielt in einer Rockband. Ich kann ihm aber nicht wirklich raten, Profimusiker zu werden.

Die Musikindustrie hat einen beispiellosen Niedergang erlebt. Keiner kauft mehr Platten oder CDs, alles wird nur noch übers Internet gestreamt. Aber so oft kann ein Song von dir fast nicht gestreamt werden, damit du deine Miete davon bezahlen kannst. Das Wichtigste für einen Musiker, um zu überleben, ist deshalb heutzutage das Livespielen. Das immerhin ist eine positive Entwicklung. Aber mein Sohn macht jetzt erstmal eine Lehre zum Medienkaufmann.

Alles klar, den nehmen wir!

Ich musste mich als junger Kerl auch mit meinem Eltern arrangieren. Ich habe zuerst Volkswirtschaft studiert, damit zuhause Ruhe ist. 1972 habe ich mich dann an der Kölner Musikhochschule beworben. Die Aufnahmeprüfung war ein Witz. Als ich drankam, hatten sie von 30 Bewerbern schon 29 nach Hause geschickt – lauter Rocktypen, barfuß und mit langen Haaren. Ich war immerhin schön angezogen, hatte aber meine Schlagzeugstöcke vergessen. Der zuständige Professor wollte mich deshalb gar nicht erst vorspielen lassen, aber sein Chef mochte anscheinend meine Krawatte und sagte: Geben Sie dem jungen Mann mal ihre Stöcke! Der Prof zog eine Riesenfresse, aber tat wie geheißen. Er spielte vor, ich spielte nach. Nach ein paar Takten sagte der Direktor: Alles klar, den nehmen wir!

Später während des Studiums habe ich mich mit dem Prof super verstanden. Ich rufe noch heute an jedem Geburtstag seine Witwe an. Ich merke mir immer die Geburtsdaten der Menschen, die mir wichtig sind, und gratuliere.

In meinem Leben habe ich ungefähr 60.000 Stücke aufgenommen. Das heute bekannteste ist wahrscheinlich die Titelmelodie vom Tatort. Aber ich habe zum Beispiel auch die Sendung mit der Maus eingespielt, 35 Heino-CDs oder Hello again von Howard Carpendale. Und für die Bläck Fööss, de Höhner, die Paveier und Marie Luise Nikuta getrommelt.

Die Studioszene der 70er und 80er Jahre, die gibt es so nicht mehr. Es war eine Goldene Zeit, und ich war unter den Studio-Drummern die Nummer eins. Und weißt du, warum? Weil ich pünktlich war.

Als junger Kerl glaubt man immer, es geht um tolles Spielen, um irgendwas Besonderes, um Höher-Schneller-Weiter. Tatsächlich geht’s um Flexibilität, Loyalität, Freundlichkeit und eben Pünktlich-Sein. Der Studiomanager war knallhart: Wer einmal zu spät kam, war raus. Das Handwerk war selbstverständlich. Egal, was sie dir gaben, von Volksmusik bis Fusion-Jazz – du musstest alles sofort vom Blatt spielen können. Und das konnte ich auch.

Ich war noch Student, als mein Kumpel und Bassist Dieter Petereit in einem Musikmagazin eine Anzeige fand: Der große Klaus Doldinger suchte eine Rhythmusgruppe für seine neue Band. Wir besaßen also die Frechheit, beim Doldinger vorzuspielen und ihm zu erzählen, wie dick wir angeblich im Geschäft wären. Wir hatten überhaupt nicht die Erwartung, dass er sich für uns entscheiden könnte, und dementsprechend überhaupt nicht darüber nachgedacht, was das für unser Leben bedeuten würde.

Ich erstmal: mittlerer Schweißausbruch.

Bis dann eine Woche später im Studentenwohnheim das Telefon klingelte. Am Apparat: Klaus Doldinger. Ich bekam erstmal einen mittleren Schweißausbruch. Dann haben Peter und ich alle Platten vom Doldinger gekauft, die wir kriegen konnten, und haben geübt bis zum Umfallen.

Von 1977 bis 1980 spielte ich in seiner Band Passport. Wenn du Schlagzeuger beim Doldinger warst, gingen alle Türen auf. Plötzlich standen Geschichten über mich in den Musikmagazinen, ich bekam das feinste Schlagzeug-Equipment umsonst. Es war meine Eintrittskarte in den Job.

Und dann klingelte wieder das Telefon. Der große Bandleader Paul Kuhn bestellte mich ins Café Wahlen, eigentlich so ein Laden, in dem alte Omas ihre Torten essen und Eierlikör trinken. Als der Kellner kam, bestellte Paul Kuhn ein Glas Milch und ein Malbuch. Mir sagte er, er wolle eine neue Band aufbauen, und ich sollte dabei sein.

Das war das Beste, was mir je passiert ist. 33 Jahre lang, bis zu seinem Tod, haben wir zusammen Musik gemacht. Wir wurden dicke Freunde, sind zusammen in den Urlaub gefahren. Die Kombi aus Studiomusiker und Paul Kuhn war ideal für mich. Für Passport hatte ich keine Zeit mehr.

Wenn man den ganzen Tag mit anderen Musikern im Studio hockt oder in der Weltgeschichte unterwegs ist, passieren ständig lustige oder absonderliche kleine Geschichten. Ich habe eines Tages, irgendwann vor 30 Jahren, damit angefangen, sie aufzuschreiben. Einfach auf irgendwas gekritzelt, was gerade zur Hand war – einen Bierdeckel, die Rückseite von einem Einkaufzettel oder was auch immer. Diese Schnipsel habe ich in eine Kiste geworfen. Wieso ich das gemacht habe? Keine Ahnung, ich hatte kein Ziel damit.

Dann habe ich vor ein paar Jahren beim Aufräumen im Keller mal in die Kiste geschaut und beim Schmökern gedacht: Das ist ja wirklich saulustig. Da muss man ein Buch draus machen. Tatsächlich fand ich mit Peter Demant einen Co-Autoren, der mir beim Schreiben half, und mit dem Quadratkreis Autorenverlag einen kleinen Verlag in Rösrath, bei dem ich das rausbringen konnte.

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Zurzeit arbeite ich an meinem zweiten Buch. Arbeitstitel: Mit dem Namen kann ich auch nicht Papst werden. Wollte ich zum Glück auch nie, obwohl ich als Bub ein braver Messdiener war. Meine Vorfahren mussten im 17. Jahrhundert aus Italien abhauen, weil sie Glaubensabtrünnige waren. Ketzer eben. Daher mein Nachname. Ich wühle mich gerade mit meinem Bruder und einem Stammbuch-Forscher in Bingen am Rhein durch altes Archivmaterial. Hochinteressant!

Durch das Buch haben sich ganz neue Jobs für mich ergeben. Vor Publikum zu stehen, ist für mich ja nichts Neues, aber plötzlich muss ich stundenlang erzählen. Da musste ich mich erstmal rein finden, aber inzwischen kriege ich das hin. Auch ein Hörbuch habe ich mittlerweile eingelesen. Ich dachte, ich geh‘ da mal ein paar Stunden ins Studio und fertig ist die Laube. Aber von wegen: Jedes Atmen, jedes Schlucken, jedes Rascheln wird mit aufgenommen und du kannst nochmal von vorne anfangen. Man muss sich unglaublich konzentrieren. Und trotzdem entspannt bleiben.

Paul Kuhn war der entspannteste Typ der Welt.

So wie Paul Kuhn, das war der entspannteste Typ der Welt. In der Pause eines Konzerts fragte ihn eine Zuhörerin, ob er nicht New York, New York spielen könne. Er antwortete freundlich, dass das leider nicht möglich sei. Wenn ein Song weltweit mehr als 80.000 Mal gespielt worden sein, werde er automatisch aus dem Verkehr gezogen. Die Dame zog traurig ab: Ach, schade …

Köln ist zwar nicht New York, aber seit einigen Jahren zum Glück wieder eine Stadt, in der in Sachen Jazz was los ist. Das freut mich sehr. Weniger erfreulich finde ich die vielen Baustellen, wenn ich von Rösrath reinfahre. Ich frage mich oft, warum es Jahre dauert, um ein paar Pflastersteine auszutauschen. Es ärgert mich, wie verantwortungslos hier teilweise mit öffentlichen Geldern umgegangen wird.

Zum Glück hat bei uns jeder die Freiheit, was dagegen zu tun, wenn ihm was stinkt. Ich hab‘ mich sehr über Paul McCartney geärgert, der gegen den Brexit ist, aber an der Abstimmung nicht teilgenommen hat. Was bist du nur für ein Dummkopf?, hab‘ ich mich gefragt. Demokratie lebt vom Mitmachen, und das fängt bei jedem einzelnen von uns an: bei dir selbst!

Fotos: Patrick Essex
Text: Sebastian Züger

Das von Willy Ketzer selbst eingelesene Hörbuch zu „Am Grab gibt’s keine Stechdose ist wie das gleichnamige Buch im Quadratkreis Autorenverlag erschienen.

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