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Willkommen in Babylonien #7: Randale!

26.07.2017 | Leben | 2 Kommentare

Am Bewerbungstag sind wir guter Dinge. Die Nummern sitzen. Mit lediglich 15 Minuten Verspätung erreichen wir die Kita „Casa Italia“. Teil 2 unserer Suche nach einem Kita-Platz.

Die Bude ist rappelvoll, die Decke niedrig. Soviel steht schon fest: Dank unserer geringen Körpergrößen passen der Mann, das Kind und ich hervorragend in diese Einrichtung!

Wir sitzen in einem Stuhlkreis. Manch ein Elternkollege kann sich mit der Kniescheibe an der Nase jucken. Zwischen uns sitzen zwei possierliche Erzieherinnen älteren Datums, denen ich mein Kind sofort anvertrauen würde. Die Leiterin erklärt die allgemeinen Jobbedingungen. Ich gucke mir andere Eltern an.

Das Mädchen verliert schnell die Geduld. Es hüpft von meinem Schoss und stellt sich in die Mitte des Kreises, winkt und ruft „Ciao!“ Sie scheint sich ihrer Anstellung schon sehr sicher zu sein. Ich finde dieses Verhalten ein wenig überheblich und gucke streng.

„Wenn sie im August in den Kindergarten kommt, kann sie mir dann im Januar in der Toskana schon mein Essen bestellen?“

Jetzt dürfen wir Eltern Fragen stellen, zum Beispiel: „Wir sind rein deutschsprachig, aber möchten unserer Angelina die Chance geben, zweisprachig aufzuwachsen. Ohne Druck. So ganz natürlich. Wie läuft das hier ab?“ Jede Gruppe habe eine deutsche und eine italienische Erzieherin, erklärt die Leiterin, der Spracherwerb finde also beiläufig und ohne Unterricht statt. Die Fragestellerin hakt nach: „Wenn sie im August in den Kindergarten kommt, kann sie mir dann im Januar in der Toskana schon mein Essen bestellen?“ Die Leiterin runzelt die Stirn. „Schon möglich. Aber nicht im toskanischen Dialekt!“ Ich schaue Angelinas Managerin aus zusammengekniffenen Augen an. Die hat’s ganz offensichtlich auf eine leitende Stellung für ihr Balg abgesehen!

Eine Mutter mit Wir-sind-bei-Wind-und-Wetter-immer-an-der-frischen-Luft-und-schwitzen-dabei-nie-Jacke meldet sich zu Wort: „Wie kann ich mein Kind beim Erwerb der italienischen Sprache zuhause unterstützen?“ Die Leiterin antwortet: „Gar nicht. Bitte sprechen Sie Deutsch mit Ihrem Kind. Entweder, es lernt die Sprache von selbst, oder gar nicht. Bitte erinnern Sie sich daran, dass wir eine Einrichtung in Deutschland sind und nicht die italienische Botschaft!“

Das beruhigt mich. Wo sind hier eigentlich die Italiener unter den Eltern? Da! Ein Vater hebt nicht den Finger, bevor er spricht, sondern grätscht sauber dazwischen: „Mein ärste Tochter is nischt angenommen worden, jetzt die zweiter aber schon. Das ist sär ansträngänd. Gibt es eine Möglischkeit, die erste Tochter auch irgendwie reinzukriegen?“ Auch diese Frage läuft die Leiterin routiniert ab, sogar auf Italienisch: „Da sprechen wir später alleine drüber. Kommen Sie in mein Büro!“

Voll mein Ding: diese wunderbare Symbiose aus Kölschem Klüngel und italienischer Familienkultur. Während sich eine Mutter nach dem Einsatz von Süßigkeiten als Mittel der Erziehung erkundigt, zieht das Kind einem anderen Kind einen Holzklotz über den Kopf. Es dreht sich, winkt und ruft: „Randale, Randale!“ Leider wissen nur der Mann und ich diesen Ruf richtig zu deuten: Die Kleine möchte sich höflich vorstellen. Ich ziehe sie zu mir und singe ihr doofe Lieder ins Ohr. Das mag sie nicht und läuft weg. Die Fragestunde ist noch nicht vorbei.

Überhaupt: besser katholisch als evangelisch!

Ein Vater möchte wissen, wie es denn um die religiöse Erziehung bestellt sei, schließlich handele es sich ja um eine katholische Einrichtung. Mir ist das unangenehm, deshalb höre ich konzentriert weg. Ich finde die katholische Kirche nämlich doof und bin nur noch wegen dem Kindergartenplatz dabei, auch wenn sich das irgendwie falsch anfühlt. Ich überzeuge mich mit der Vorstellung, dass das Kind in einen Grimm‘schen Kindergarten geht, in dem jeden Tag lustige, grausame und schöne Geschichten erzählt werden. Und überhaupt: besser katholisch als evangelisch! Da wird wenigstens noch einiges an Dramaturgie geboten: abgeschlagene Jungfernhäupter, gegrillte Heilige. Also, mich hat das als Kind sehr fasziniert.

Inzwischen hat das Kind ein ganzes Regal leergeräumt. Wo sind eigentlich die anderen Blagen? Das Kind kommt mit einer Handvoll Weinkorken zurück. Wer hat die denn alle gezwitschert? Ich schaue die Erzieherin neben mir fragend an. Sie lächelt und sagt, dass die Kinder damit basteln würden. Ich verspreche ihr, dass wir mindestens zehn Weinkorken pro Woche beisteuern würden.

Die Leiterin entblößt ein Flipchart und gibt die Gruppen bekannt. Langsam dämmert mir, dass ALLE Kinder angenommen wurden. Nicht nur unser wunderschönes, eloquentes Supertalent! Das Kind kommt in die Pinguingruppe. Uns wird nahegelegt, sie erst ab Januar zu schicken, weil sie bei weitem die kleinste sei und die anderen Kinder dazu neigen würden, sie als Maskottchen zu missbrauchen.

Wir verschweigen besser, dass das Kind mit seinen genetischen Anlagen auch im Januar kaum größer sein wird. Wir könnten es nicht ertragen, wenn unsere Kleine als einzige nicht zum Recall eingeladen werden würde. Willkommen in Babylonien!

Text Ilka Dischereit
Illustration Livia Scandale

Babylonien gag ilka dischereit

2 Kommentare

  1. Handy Hülle sagt:

    Das ist ja mal ein informativer, sorgfältig mit Liebe zum Detail geschriebener Artikel. Vielen Dank! 🙂

  2. Frauke sagt:

    Endlich! Endlich bin ich dazu gekommen, den siebten Teil mit Muße zu lesen….. Und wieder bin ich begeistert und mega unterhalten… Ilka, Du bist die einzige Person, von der ich mir so sehr einen Alltags-Blog wünsche. Über alles…. Über Elternschaft, Bahnfahrten, Arbeit und Büro, unsere gemeinsame Sekte in Horrem, über Liebe, Zorn, Angst und jedwede andere Emotion…. Über wirklich schlicht alles… Ilka, ich würde Dir so doll followen, dass es an Stalking grenzte…. Ehrlich gesagt finde ich Blogs eigentlich unfassbar doof. Überbewertet und in den meisten Fällen vollkommen uninteressant. Aber Deine Schreibe passt da meiner kleinen Meinung nach so unglaublich gut….. Und Du bist so unglaublich gut darin. Bitte denk drüber nach. Dein Fan Frauke

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