Willkommen in Babylonien #6: Partisanentraining

21.06.2017 | Leben | 2 Kommentare

Das Kind wird bald zwei Jahre alt. Zeit für eine Ausbildungsstelle. Wir schicken die Bewerbungsunterlagen an zwei Kindertagesstätten und erwarten gar nichts. Aber siehe da: Wenige Tage später ist die erste Einladung da! Von wegen Arbeitsplatzmangel – hah! Teil 1 unserer Suche nach einem Kita-Platz.

Freudestrahlend verkünden wir dem Kind die frohe Botschaft: „Ab Januar darfste arbeiten gehen und Mama und Papa rausholen aus diesem Elend. Streng Dich an, sonst wird nie was aus uns!“

Selbstbewusst stellen wir uns in der katholischen Bildungseinrichtung vor. Der Master of the Universe hat leider keine Zeit, wir müssen wir uns notgedrungen mit dem Bodenpersonal begnügen. Wir werfen einen Blick in die Gehege und erfahren Wissenswertes über die Einrichtung. Das Kind scheint sich wohlzufühlen.

Man hat Fragen an uns: „Haben Sie sich mit den Grundsätzen der Montessori-Pädagogik befasst und, wenn ja, stimmen Sie damit überein?“ Der Mann und ich schauen das Kind erwartungsvoll an. Es ignoriert die Frage und pupst laut, was die etwas förmliche Stimmung ungemein auflockert. Wieder einmal bewundere ich die intuitive Art des Mädchens, gekonnt mit schwierigen Situation umzugehen. Ich erwähne diese positive Eigenschaft und betone, wie wichtig solche Fähigkeiten für die Bewältigung von Krisensituationen in einer Gruppe sein können.

Meine Bemerkung wird von Seiten des Personals allerdings nur unzureichend gewürdigt. Aber ich will nicht kleinlich sein. Wir erfahren, dass man als Montessori-Mitarbeiter ein spezielles Diplom benötigt, und fragen uns, ob das Kind das noch vor Januar schaffen kann. Ungeachtet dessen erhalten wir zwei Wochen später eine Zusage und freuen uns wie Hulle.

Wenn sie sich unter den Achseln kratzt und „Chhitarra“ murmelt, spielt sie Gitarre

Kurz darauf geschieht das Unglaubliche: Auch die zweite Einrichtung, bei der sich Livia beworben hat, meldet sich. Eine Mitarbeiterin des italienisch-deutsch-katholischen Kindergartens teilt uns mit, dass das Kind eventuell im August eine Stelle bekommen könne. Näheres würden wir bei einem so genannten „Kennenlernentreffen“ erfahren.

In unserer Eigenschaft als ambitionierte Frühförderer bereiten wir uns auf den Termin gewissenhaft vor. „Wie heißt du?“ fragen wir das Kind immer wieder. Nach zwei Wochen vorgebeteter Antworten („Livia Scandale“) erhalten wir erstmals eine Anwort: „Schkandale“, auch wenn das bei ihr unglaublicherweise eher klingt wie „Banane“. Um die Aussprache zu verbessern, engagieren wir den besten Logopäden der Welt: YouTube. Das hat den Vorteil, dass das Mädchen gleichzeitig Internetkompetenz erwirbt.

Immer beim Frühstück hören und sehen sich der Mann und die Kleine Singer/Songwriter-Lieder an. Lauthals singt das Kind mit und imitiert die Instrumente. Wenn sie sich unter den Achseln kratzt und „Chhitarra“ murmelt, spielt sie Gitarre. Wenn sie Klimperbewegungen imitiert und dazu „Forte“ kräht, spielt sie Klavier. Ich schlage vor, auch Oboenunterricht hinzu zu nehmen, weil irgendwie exotischer. Der Mann beschränkt sich aber lieber auf das italienische Partisanenlied „Bella Ciao“.

Die beiden Worte hat Livia schnell drauf. Sie winkt beim Refrain freudig in der Gegend herum und verteilt Kusshände. Ich finde das unpassend. Es handelt sich immerhin um einen Partisanen, der in den Untergrundkrieg zieht und nicht weiß, ob er je zu seiner Liebsten zurückkehren wird. Das ist doch keine Klamauknummer!

Beim Versuch, ihr die Hintergründe deutlich zu machen, stoße ich jedoch auf völlige Ignoranz. Zur Strafe zwicke ich sie fies in die Seite, wir haben schließlich nicht die Zeit, um unterschiedliche Interpretationen des Liedes zu diskutieren. Der Mann fällt mir in den Rücken und faselt was von „künstlerischer Freiheit“: besser ein fröhliches „Bella Ciao“ als gar keinen Spaß am Singen. Und überhaupt wisse ja jeder, dass das faschistische Italien am Ende den Kürzeren gezogen habe.

„Alaaf!“

Sicherheitshalber bringen wir dem Kind ein katholisches Kunststückchen bei. Wir müssen von der Tatsache ablenken, dass es ungetauft ist. Statt des gewohnten „Piep, piep, piep! Wir ham uns alle lieb! Guten Appetit!“ fassen wir das Kind bei Tisch feierlich bei den Händen und sagen: „Liebes Jesuskindchen, vielen Dank für den leckeren Brokkoli mit Pasta. Bitte lass es uns immer gut gehen, damit wir diese leckere Speise noch ganz lange mit viel Parmiggiano Reggiano essen können, und den Broccoli nie im Aldi, sondern weiterhin bei ALNATURA kaufen können. Danke, liebe Grüße.“ Und dann gucken wir dem Kind beide fest in die Augen und sagen „AMEN!“ Wie es sich für ein kölsches Mädchen gehört, streckt das Kind die Hände zum Himmel und ruft laut „Alaaf!“.

Ich verstehe gar nicht, wieso der Mann mir einen vorwurfsvollen Blick zuwirft. Uns bleiben immerhin noch drei Tage und neun Mahlzeiten bis zum Assessment Center. Willkommen in Babylonien!

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Text Ilka Dischereit
Illustration Livia Scandale

2 Kommentare

  1. Yvonne sagt:

    Herrlich, wir hatten leider einen härteren Kampf um einen Kita -Platz. Allerdings mussten auch wir von der Tatsache ablenken nicht getauft zu sein… gar nicht so einfach ????

  2. Frauke sagt:

    Auch diesmal, liebe Ilka, sitze ich lachend auf dem Sofa…… Insbesondere, weil ich beim Lesen deine Stimme genau im Ohr habe und mir Livia vorstelle, wie sie statt „Amen“ „Alaaf“ kräht. Aber mein Favorit sind diesmal die Gitarrenriffs livian style. Riesenkompliment, Liebelein ????

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