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„Ich bin das Gesicht der StadtRevue.“

11.03.2019 | Menschen | 3 Kommentare

Name:
Walter Hoischen

Geboren:
8. Januar 1950

In Köln seit:
1972

Beruf:
Zeitungsverkäufer

Lieblingsort:
in der Abenddämmerung am Decksteiner Weiher

„Aufgewachsen bin ich in Ostwestfalen auf einem Bauernhof. 1972 kam ich nach Köln zum Studium, Sport und Sozialwissenschaften waren meine Fächer. Mitte der 70er bis Anfang der 80er Jahre machte ich meine ersten Erfahrungen im Zeitschriftenvertrieb, mit der „Kommunistischen Volkszeitung“. 1981/82 endete diese politische Erfahrung samt meinem ersten Engagement im Zeitungsvertrieb.

Vielen Kölnern bekannt wurde ich aber erst als StadtRevue Verkäufer, mittlerweile seit 36 Jahren, zunächst tagsüber auf der Schildergasse und abends in Kneipen und Restaurants, seit 2002 aber nur noch im Abendvertrieb. Begonnen habe ich damit im Kwartier Latäng, dem Studentenviertel rund um die Zülpicher Straße. Jede Woche war ich an drei bis sieben Tagen und jeden Abend unterwegs. Der Verkauf entwickelte sich gut, es gab lockere Gespräche, Wiedersehensfreude, Neugierde in wohlwollender Stimmung.

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In den nächsten Jahren habe ich den Handvertrieb der StadtRevue weiter aufgebaut. Es gab acht Vertriebspunkte an den Kölner Hochschulen, nachmittags in der Innenstadt weitere zehn Punkte und abends dann den Vertrieb von Nippes bis zur Südstadt. Das war ein gutes Zubrot für viele Studierende. Diese starke Präsenz in der Stadt hatte einen enormen Werbeeffekt und brachte einen rapiden Anstieg des Verkaufszahlen der StadtRevue.

Damals war die StadtRevue im „Besitz“ der Belegschaft, wie das bei den meisten der Stadtmagazine in Deutschland damals auch der Fall war. Sie ist es auch heute noch, die einzige in Deutschland! Ich war Teil des Kollektivs. Mein Motiv für meine Arbeit war, dass durch die Auflagensteigerung der Verlag mehr Geld verdiente, somit für die Festangestellten und freien Mitarbeiter auch mehr Lohn bezahlt werden konnte.

Die Schildergassenzeit war auch immer wieder für Überraschungen gut

Nach den ersten Vertriebstagen habe ich dann selbst auf der Schildergasse noch an weiteren Tagen die StadtRevue verkauft. Schildergasse Ecke Neumarkt, das war mein Hotspot, wie man heute sagen würde. Es ging dort wirklich heiß her: vor allem an den verkaufsoffenen Samstagen in der Adventszeit, Ladenöffnungszeiten bis 18 Uhr, das Stadtmarketing zählte den Strom der Kauflustigen, der auf der Hohe Straße gar ins Stocken geriet und am Neumarkt/Schildergasse 80- bis 100.000 Menschen zählte, kein Vergleich mehr zu heutigen Samstagen! Noch heute treffe ich im Abendvertrieb immer wieder Menschen, die mich von der Schildergasse her kennen, was immer ein herzliches Erinnern und Hallo auslöst.

Die Schildergassenzeit war auch immer wieder für Überraschungen gut: Die Taschendiebe kannte ich schon. Wenn sie auftauchten, rief ich manchmal laut: „Vorsicht Taschendiebe“, was mir böse Blicke einbrachte. Einen Jackendieb mit seiner Beute erwischte ich nach einer Verfolgung auf dem Neumarkt und brachte Dieb und Beute zurück zum Laden.

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Schon zu Beginn meiner Kölner Zeit habe ich mich politisch betätigt, zunächst in der Studentenschaft der Sporthochschule, dann links außen im Kommunistischen Bund Westdeutschland, auch in der Stadt. Nach 19 Jahren politischer Abstinenz habe 1999 einen ersten Schritt gemacht, mich in die Stadtpolitik einzubringen, ich kandierte als Einzelkandidat bei der Wahl zum Oberbürgermeister. Anlass dafür war meine Unzufriedenheit über einige handfeste Skandale in der Kölner Politik. Ich bekam 1% der Stimmen, Einblicke in die Tiefe des Kommunalen Sumpfes, unbezahlbare Erfahrungen, die ich dann 2004 bei der Gründung des Kölner Bürger Bündnisses (heute Freie Wähler) einbringen konnte. Heute habe ich mich vollständig von der Politik emanzipiert.

Seit über zehn Jahren bin ich als Sonnenblumen“gärtner“ in verschiedenen Kölner Stadtteilen unterwegs. In der ganzen Stadt sind es etwa 150 Sonnenblumen. Ich ziehe sie zu Hause vor, pflanze sie aus, pflege, wässere, dünge sie. Bis zur Ernte im Herbst sind das etwa 250 Stunden im Jahr, alles zur Freude vieler Menschen, mit vielem Dank belohnt. Dann habe ich auch noch die „Walter-Tafel“: Einmal in der Woche fahre ich Lebensmittel aus einem Lindenthaler Bio-Laden zu Bedürftigen.

Seit 2018 bin ich auch Prädikant, also Laienprediger, in der evangelischen Kirche in Weiden. Der Weg dahin hat mich vom ausgetretenen Katholiken über den Atheismus geführt. In einem Container habe ich eine Lutherbibel gefunden, die bis heute meine Bibel ist. Das alles, aber vor allem, das ich noch immer abends als Zeitungsverkäufer unterwegs bin, ist ein wahrer Jungbrunnen für mich. Ich bin agil, ich komme herum in dieser Stadt. Ich bin das Gesicht der StadtRevue. Wer mich einmal erleben möchte, hält am besten in Köln die Augen offen oder kommt zu einer meiner Predigten.“

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Fotos: Klaudius Dziuk
Text: Johanna Tüntsch

3 Kommentare

  1. Robert sagt:

    Der außerordentlich angenehme Zeitgenosse Walter. Immer freundlich und hilfsbereit. Er pflanzt nicht nur seit Jahren die fast schon berühmt gewordenen Sonnenblumen in diversen Kölner Stadtteilen und verschönert damit das Leben von uns allen. Auch seine philosophische Ader ist bemerkenswert und ich mag diesen wunderbaren Menschen. Wer Walter bereits begegnet ist kann sicherlich nachvollziehen was ich meine. ***** Hoch lebe Walter! Keep up the good work.

  2. Harald Leinweber sagt:

    Walter ist immer freundlich, ein freier Geist und ein begnadeter Menschenfischer. Jemand, den zu sehen immer eine Freude ist und der sich stets die Zeit nimmt, einen Blick oder ein paar Worte zu wechseln.

    Möge er uns noch lange erhalten bleiben!

  3. Renate Kalthoff geb. Ernst sagt:

    Hallo Walter,
    ich freue mich auf unser Klassentreffen und auf Dich.
    liebe Grüsse aus Hückehoven Baal

    Renate Kalthoff (Ernst)

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