Teil I: Die Vermessung der Vergangenheit

20.07.2020 | Leben | Ein Kommentar

Nachstellung von historischen Fotoaufnahmen

In den 1920er und 1930er Jahren fotografierten Hugo Schmölz und Werner Mantz die damals entstandenen GAG-Siedlungen. Ein Jahrhundert später macht sich ihr Kollege Ralf Berndt daran, einige der damaligen Architekturaufnahmen in die Gegenwart zu holen.

Er wird rund 12 ausgewählte historische Aufnahmen aus den 1920er und 1930er Jahren in die Gegenwart transportieren und sie genau nachstellen. Dabei sind lediglich diejenigen relevant, auf denen nicht nur die Architektur zu sehen ist, sondern auch Menschen, die über die Straße gehen oder sich an Plätzen aufhalten. Die damals von Hugo Schmölz und Werner Mantz fotografierten Leute werden dabei von gecasteten Laien-Models nachgestellt, die sich an der exakten Position des historischen Vorbildes positionieren.

Ein fotografischer Testlauf

Doch bevor es richtig losgeht, muss Ralf Berndt vor Ort viel recherchieren und vermessen. “Dieses Projekt ist wie für mich gemacht. Ich kenne das auch von meiner Arbeit im Studio, wenn ich dort beispielsweise Produkte fotografiere. Je genauer man plant, technische Details vorher checkt und vor allen Dingen ein sicheres Gefühl für Fotografie an sich hat, desto präziser und schöner sieht das Endergebnis aus. Meine Erfahrung hilft mir beim Umgang mit den historischen Fotos enorm.”

Historisches Bild der Rosenhofsiedlung in Köln-Bickendorf

Zu den nachgestellten historischen Fotos soll die Rosenhofsiedlung in Bickendorf mit den spielenden Kindern zählen. Die von den Architekten Wilhelm Riphan und Caspar Maria Grod erbaute GAG-Siedlung hat heute keinen Sandkasten mehr an dieser Stelle. Doch das stört die zentrale Aussage des Bildes für Berndt nicht: “Grundsätzlich haben Schmölz und Mantz versucht, in der Architektur Alltagsszenen fotografisch zu erzählen. Die sind so präzise arrangiert, dass ich nicht an Zufälle glaube. Die Kinder sind bestimmt angesprochen worden, sich an bestimmten Stellen im Bild zu positionieren. Die beiden Fotografen wollten den Lebensraum darstellen.”

Auf der Suche nach dem Aufnahmepunkt

Nachdem Ralf Berndt eine aktuelle Situationsprüfung gemacht und unter anderem geprüft hat, ob die bildwichtigen Stellen nicht verbaut sind, geht es an das Vermessen. Um den Original-Aufnahmepunkt in der Rosenhofsiedlung zu finden, sucht er zunächst nach Fixpunkten wie Mauervorsprüngen. Außerdem orientiert er sich an den Fluchtpunkten der Häuserzeilen. “Und dann muss ich noch die Aufnahmehöhe bestimmen. So erarbeite ich mir ein Koordinatensystem, das mich genau an das Ausgangsmotiv heranführt. Das ist eine Art fotografisches Detektivspiel”, erklärt Berndt.

: Der Fotograf beginnt mit der Vermessung für die Nachstellung historischer Bilder in Köln.

Das Motiv wird durchorganisiert

Neben dem Aufnahmewinkel und der Perspektive ist auch die Qualität der Lichtstimmung wichtig. Die ergibt sich aus der Tages- und Jahreszeit, die Berndt anhand der Vegetation und des Schattenwurfs ermittelt. “Wenn bei mehr oder weniger direktem Sonnenlicht fotografiert worden ist, kann ich hier wie bei einer Sonnenuhr ähnliche Schattenwürfe vergleichend hinzuziehen. Und da kann ich genau festlegen, ob der aktuelle Schattenwurf mit dem damaligen identisch ist.”

Die Nachstellung erfordert neben Genauigkeit also auch Geduld, da die Aufnahmen nur zur exakten Tages- und Jahreszeit von damals nachgestellt werden können. Berndt darf diese Zeitfenster nicht verpassen. Sonst heißt es: ein Jahr lang warten.

Der Fotograf bereitet sich auf die Nachstellung historischer Bilder vor.

Historisches Bild mit Kindern in Köln-Bickendorf

Am Brunnenhof in Bickendorf befindet sich der Aufnahmewinkel des historischen Originalfotos in einem Torbogen. Doch die parkenden Autos der Anwohner verhindern den Blick auf das Motiv. Deshalb müssten für den Tag der Aufnahme Halteverbotsschilder aufgestellt werden. Parkende Autos sind generell eine Herausforderung bei der Nachstellung der Bilder: Denn wo sich früher Vorgärten befanden, sind heute häufig Parkplätze zu finden.

Neben den Autos ist aktuelle Baumbestand in Bickendorf eine Herausforderung, der sich seit damals leicht verändert hat. “Aber trotzdem wird das Motiv hervorragend funktionieren, denn die Bildaussage bleibt”, sagt Berndt.

Der Pixelüberschuss kann weg, aber nicht die Bäume

Der Kölner Fotograf arbeitet mit einer digitalen Kleinbildkamera. Hugo Schmölz und Werner Mantz hingegen benutzen Fachkameras, die speziell für Architekturaufnahmen gedacht waren und zum Beispiel verhinderten, dass die Bildlinien stürzen. Ralf Berndt verwendet zusätzlich ein so genanntes PC Tilt- und Shift-Objektiv, das auch stürzende Linien verhindert. So braucht er seine Kamera nicht zu neigen, wenn er für seine fotografischen Testaufnahmen zur Leiter greifen muss.

An der Alpener Straße in Ehrenfeld testet Ralf Berndt gleich mehrere historische Motive. Von der Siedlung, die die Architekten Wilhelm Kamper und Helmuth Wirminghaus Ende der 1920er Jahre erbauten, gibt es verschiedene Fotos mit Menschen, die an den Gebäuden entlanggehen. “Die Architektur hat sich bis heute kaum verändert. Nur die Bäume standen damals noch nicht vor den Bauten in der Alpener Straße”, erklärt Berndt.

Historisches Bild von einer Straße in Köln-Ehrenfeld

Zwar kann er überflüssige Pixel am Rand des Bildes im Nachhinein digital entfernen. Doch die im Laufe der Jahre gepflanzten Bäume behindern die Nachstellung des Originalfotos. Deshalb kann Berndt solche Motive nur im Winter nachstellen, wenn die Bäume kein Laub tragen und die Sicht auf die Fassaden frei geben.

Demnächst beginnt Ralf Berndt damit, die ersten historischen Fotos nachzustellen. Dazu sucht die GAG weitere Kölner, die bei dem Foto-Projekt mitwirken wollen, um Teil dieser außergewöhnlichen Zeitreise zu werden. Mit dem Projekt möchte die GAG dokumentieren, wie sich der Lebensraum in Köln verändert hat und wie relevant der Denkmalschutz ist.

Unter www.koeln-beste.de/gesichter kannst Du Dich als Model bewerben.

Text: Claudia Cosmo
Fotos: Ralf Berndt und Claudia Cosmo

Einen Kommentar für “Teil I: Die Vermessung der Vergangenheit”

  1. Im Auftrage der GAG habe ich für das leider beendete Bildportal “Bilderbuch Köln” vor ca. 10 Jahren die Originale von Mantz und Schmölz sortiert, archiviert und zum größten Teil auch verortet. Sie wurden dann mit Erklärungen im o.a. Bildportal veröffentlicht.
    Da ich die Bilder genau kennengelernt habe und auch aus Interesse an Architektur habe ich selbst, ohne die Originalperspektiven anzustreben, in verschiedenen Siedlungen fotografiert. Bei Interesse kann ich Ihnen z.B. eine Serie von Fotos der Naumannsiedlung und des Baublocks Zollstock Hönninger Weg zusenden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*