Südstadt. Paris-Kreuzberg

08.11.2017 | Leben

Kaum ein Kölner Stadtteil macht es Besuchern von außerhalb so leicht, sich in Nullkommanix zuhause zu fühlen. Auch Gentrifizierung und verheerende Baupannen haben am Charme der Südstadt bisher kaum gekratzt.

Das böse Wort von der Gentrifizierung, gab es das auch schon vor 40 Jahren? Als Tommy Engel und seine Bläck Fööss 1977 „Et Südstadt-Leed“ sangen, meinten sie jedenfalls genau den damit bezeichneten Strukturwandel:

„… dä Kiosk vun dä Frau he nevvenan
Kann nit blieve, denn laut Plan do es hä dran
Och dä Lade wo mer dich mem Name jröß
Dä muß fott, hä steit dem Fortschritt en de Fööss …
… Wat soll die Stroß un die Stadtbahn,
die han he keine Senn
Un an der Stadtrand do kritt uns keine Deuvel hin.“

Unwahrscheinlich, dass die zahllosen Pendler und Passanten, die allmorgendlich am Chlodwigplatz in die Züge drängen, tatsächlich auf ihre KVB verzichten würden, um Engels Traum von der unberührten Südstadt zu erfüllen. Wahrscheinlich hat er selbst recht schnell die Vorzüge einer fußläufig gelegenen Stadtbahn-Haltestelle zu schätzen gelernt.

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Straßencafé in der Kölner Südstadt

Immerhin lässt sich auch im Jahr 2017 feststellen: Die Südstadt hat sich von dem Charme, den die Bläck Fööss einst besangen, trotz grassierender Mietsteigerungen und zahlreicher Baustellen viel erhalten. Das zeigt sich besonders in diesen letzten Sommertagen, an denen die Sonne nach vielen wechselhaften Wochen nochmal Gas gibt. Bis spät in die Nacht treffen sich die Südstädter in den Parks und am Rheinufer, in den Biergärten und Cafés, mit denen der Stadtteil zahlreich gesegnet ist. Rund um die Alteburger Straße macht sich mediterranes Flair breit, die hauptsächlich von Radfahrern frequentierten Kreisverkehre erinnern an Paris, die Alleen an Kreuzberg.

Bei uns leben viele Leute, die gerne Gastgeber sind

„Bei uns leben viele Leute, die gerne Gastgeber sind“, sagt Andreas Moll, als Initiator und langjähriger Mitarbeiter des 2010 gegründeten Online-Magazins „Meine Südstadt“ ein bunter Hund im Veedel. „Ich mag diesen Trubel.“ Mit seiner Kneipenreihe „Die große Show des kleinen Unglücks“ und als Mitveranstalter der Südstadt-Safari, die im vergangenen Mai zum zweiten Mal stattfand und mit einem üppigen Kulturprogramm mehr als 35.000 Besucher anlockte, trägt Moll seinen Teil zu dieser Gastlichkeit bei.

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Andreas Moll, bunter Hund

Er ist aber auch, wenn man so will, selbst ein Opfer der Attraktivität der Südstadt. Sieben Jahre lang beobachtete er von seinem Büro in einem lichtdurchfluteten Ladeneck in der Annostraße das Leben im Stadtteil, nun geht er raus. „Das tut schon weh“, gibt er zu, „aber es ist wirklich nicht billig hier. Und ich will künftig mehr die Möglichkeit nutzen, dass man mit dem Laptop überall arbeiten kann.“ Denn: „Nach mehr als 20 Jahren Südstadt freu ich mich immer auch über gute Grunde wegzufahren, um dann umso gestärkter in mein Dorf zurückkehren zu können.“

Ein Gefühl, das Molls Schwester Gaby DeMuirier so nicht teilen kann. „Früher vielleicht, als das noch ein echtes Studentenviertel war. Aber die Studenten von damals sind heute alt und beschweren sich über die jungen Leute.“ Die vierfache Mutter wohnt bei der GAG in Ossendorf und kommt hauptsächlich zum Arbeiten in die Südstadt – als Mitarbeiterin von Meine Südstadt oder, so wie heute, um bei Obs un Jemös mit anzupacken.

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Jochen Richrath, Obs un Jemös

Ihr Chef Jochen Richrath, der meinungsfreudige Inhaber des kleinen Viktualienhandels in der Severinstraße, ist ein absolutes Südstadt-Original. Nur wenige wissen, dass er allmorgendlich aus Erftstadt pendelt. „Ich hab’ zwei Töchter und zwei Hunde, die brauchen Platz“, erklärt er. „Das Haus mit Garten, das ich da draußen habe, würde hier Millionen kosten.“ Eine Geschichte, wie sie auch die arbeitende Bevölkerung in Sylt oder Venedig erzählt.

Man hat uns gesagt, vom U-Bahnbau kriegt Ihr gar nix mit, das läuft alles unterirdisch

In 15 Jahren Severinsviertel hat Richrath viel erlebt und kam sich dabei oft – so viel Offenheit muss sein – „verarscht“ vor. „Man hat uns gesagt, vom U-Bahnbau kriegt Ihr gar nix mit, das läuft alles unterirdisch.“ Stimmte bekanntermaßen nicht so ganz: Außer dem Einsturz des Stadtarchivs legte sich der Kirchturm von St. Johan Baptist schräg, und Richraths Häuschen zeigte gefährliche Risse. „Solche Schäden traten nicht nur bei mir, sondern massenhaft auf und sind nie ordentlich reguliert worden“, schimpft er.

Doch davon abgesehen sieht er die Entwicklung der Severinstraße grundsätzlich positiv – trotz chronischer Parkplatznot rund um sein Lädchen: „Es kommen mehr Leute, und es gibt weniger Leerstände.“ Gaby DeMuirier lobt die „tolle Ausstattung an Spielplätzen“, doch für Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren gebe es kaum Angebote. „Zu wenig Hallen, Bäder, Plätze – und das bei dieser Masse an Kindern!“

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Josef Noé, Urgestein

Vielleicht schafft ja der aktuelle Aufschwung der ehrwürdigen Institution im Westen der Südstadt Abhilfe: Die Fortuna hat sich nach Jahren des Darbens offenbar gefangen, der Anbau des Vereinsheims ist fast fertig und die erste Mannschaft spielt in der 3. Liga oben mit. „Ein Aufstieg würde uns gut tun“, sagt Josef Noé (69), der in seinen mehr als vier Clubjahrzehnten schon fast jedes Amt vom Schatzmeister bis zum Trainer innehatte.

Unsere Hauptaufgabe ist es, die Kinder von der Straße zu holen

Aber Spitzensport ist nicht alles rund ums Südstadion: „Klar geht’s auch bei uns um Erfolg. Aber unsere Hauptaufgabe ist es, die Kinder von der Straße zu holen.“ Beispielhaft dafür steht der Fußball-Kindergarten für die Vier- bis Sechsjährigen, den Noé Anfang der 80er Jahre mitbegründete und der bis heute Bestand hat. Auch seine Söhne und Enkel erlernten hier das Kicken: „Alles echte Fortunen. Das ist normal. Die Fortuna ist für alle Südstädter eine echte Familie.“

Fotos Thilo Schmülgen
Text Sebastian Züger

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