„Ich folgte ihm in die Wildnis“

16.12.2019 | Menschen | 2 Kommentare

Name:
Stephanie Pauly

Geboren:
1951

In Köln seit:
1968-1996, 2015-heute

Beruf:
Autorin und Weltenbummlerin

Lieblingsort:
Markt am Sudermannplatz

In Trier bin ich geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur habe ich mich nach Köln aufgemacht, um Biologie und Chemie zu studieren. Danach unterrichtete ich 19 Jahre lang an der Gesamtschule Holweide. Ich war gerne Lehrerin. Ich mag die Herausforderung, Menschen für ein Thema zu begeistern und zu fesseln. Früher habe ich das in der Schule gemacht, heute mit meinen Vorträgen über fremde Länder, in denen ich gelebt oder die ich besucht habe.

Mit 45 Jahren habe ich mir ein Sabbatjahr genommen und wollte unbedingt allein in der Natur sein, um Wale zu beobachten. Mein Ziel war Argentinien. Doch dort bin ich nie angekommen. Ein Freund bat mich, einen Stopp auf der Osterinsel einzulegen und Fotos für ihn zu machen. So landete ich auf der kleinen, isoliert gelegenen Insel im Südostpazifik. 3.526 Kilometer von der chilenischen Küste entfernt, 4.421 Kilometer vor Tahiti.

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Hanga Roa ist der Hauptort. Hier kam ich privat bei Freunden von Freunden unter. Hier, am Ende der Welt, lernte ich meine große Liebe kennen. Das war nun wirklich überhaupt nicht meine Absicht gewesen, aber so war’s! Karlo hieß er. Ein wunderschöner, stattlicher Maori-Mann.

Obwohl er als Bildhauer lange in den USA und auf Tahiti gelebt hatte, hatte er sich entschieden, nur noch für die Kultur seines Volkes zu arbeiten und einsam in der Wildnis zu leben. Ganz bewusst ohne Elektrizität und Internet. Karlo war so eine Art Schamane, mit Naturwissenschaften hatte er nichts am Hut. Für mich als Biologin natürlich schwierig. Sollte ich mich wirklich auf so jemanden einlassen? Mein Herz sagt: ja! Dafür musste ich meinen Beamtenstatus, meine Sicherheit, mein ganzes bisheriges Leben hinter mir lassen. Es gab nur: entweder oder. Ich folgte ihm ins Nirgendwo und bliebt 19 Jahre dort.

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Die ersten Jahre lebten wir in einer Plastikkonstruktion direkt am Meer. Am Strand haben wir für unseren Alltag so einiges gefunden:  Eine halbierte Boje war zum Beispiel unsere Waschschüssel. Wir hatten kein fließendes Wasser. Holzsammeln und Feuermachen gehörte zur Tagesordnung. Mein Rücken war oft blutig vom Holztragen, aber ich lernte mich zurecht zu finden. Und Spanisch.

„Warum bin ich hier?“

Irgendwann stellte ich mir dann aber doch die Frage: Was soll ich hier? Ich fasste den Entschluss, eine Botschafterin zwischen den Kulturen zu werden. Ich begann,  alles über das Leben auf der Osterinsel aufzuschreiben – mit Tinte in ein Heft.  Eines Tages hatten wir Besuch von einem reichen Holländer. Er fand mein bisheriges Manuskript so gut, dass er mir 5.000 US Dollar für eine Solaranlage und einen Computer überließ. So war das Schreiben wesentlich einfacher. Ich hatte noch nie ein Buch geschrieben, aber ich machte es einfach.

Ich fand sofort einen guten Verlag. Damit begann ein neuer Abschnitt in meinem Leben. 2002 erschien das Buch. Ich wurde auf Lesereise und in Talkshows geschickt. Auf einmal erkannten mich Menschen in der Straßenbahn und sprachen mich an. Das war natürlich ein totaler Widerspruch zu meinem Leben in Einsamkeit. Ich wurde sogar zu einer Lesung aufs ZDF-Traumschiff geschickt. Das war schon irre. Zum Abschied schenkte mir die Crew – mit einer großen roten Schleife drumherum – zwei Matratzen. Nach all den Jahren auf Stroh und kahlem Boden war das richtig toll.

Mein Buch lief gut. Mit meiner Rückkehr auf die Insel brachte ich genug Geld mit. Wir konnten unser altes Quartier verlassen. Karlo und ich bauten uns im Landesinneren ein Haus. Nicht groß, 70 Quadratmeter, aber aus Stein und mit richtigen Zimmern. Wir legten Gärten und Felder an, pflanzten und malochten in einer Tour. Es fruchtete. Avocados, Mango, Süßkartoffeln – wir hatten alles in unseren Gärten. Herrlich!

„Jetzt war ich auch Fotografin!“

Einmal im Jahr gab es in Hanga Roa einen Fest. Es heißt Tapati und da wird die Inselkönigin bestimmt und gekürt. Ich machte Fotos. Ganz spontan und intuitiv, so wie ich auch mit den Schreiben begonnen hatte. Ich verkaufte ein paar Fotos für 15 Euro das Stück und war jetzt also auch Fotografin. Eine alte Rapa-Nui-Frau wollte unbedingt, dass ich die Fotos öffentlich zeige, die ich von ihr und ihrer Familie gemacht hatte. Ich zeigte meine Bilder im dortigen Museum. Die Ausstellung war ein Erfolg. Ich überlegte mir: So oft fotografieren Männer Frauen und stellen die Bilder aus. Ich mache das jetzt mal umgekehrt. Eine gute Idee: Die schönen und stolzen Maori-Männer begeisterten die Besucher.

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Ich bekam immer mehr Kontakte und reiste mit meinen Ausstellungen um die Welt. In Prag lernte ich einen Kunstkritiker kennen, der mir anbot, ein Jahr in Paris zu leben und dort auszustellen. Karlo sagte damals: Mach! Doch ich wollte nicht. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, ihn und meine Tiere so lange zurück zu lassen. Wir hatten nämlich inzwischen vier Hunde, Pferde und Hühner auf unserem Grundstück. Ich blieb also lieber auf der Insel und wurde Touristenführerin. Da konnte ich meine Leidenschaft, Wissen zu vermitteln, wieder voll ausleben.

Außerdem kaufte ich eine Videokamera und produzierte mit Karlo eine DVD: „Die Weisheit der Alten“. Ein Jahr lang haben wir alte einheimische Frauen auf der Osterinsel interviewt, im Jahr darauf die Männer. Und im folgenden Jahr beide zusammen. Ich habe von diesen Menschen so viel gelernt! Als ich auf die Osterinsel kam, war ich Atheistin. Ich ging als überzeugte Animistin. Im Animismus ist alles beseelt: Steine, Tiere, Wind. Die Menschen leben respektvoll mit anderen Lebewesen, ihren Toten und der Umwelt.

„Das Geschenk meines Lebens!“

Die Rapa Nui sind im Einklang mit der männlichen und weiblichen Energie. Sie sind überhaupt sehr körperbewusst. Mein Karlo hatte nicht nur einen tollen Körper, er konnte auch vorzüglich kochen und Wäsche waschen. Er hat mir sehr viel abgenommen. Die Rapa Nui-Männer können alle kochen. Sie wollen den Frauen Arbeit ersparen, damit sie im Bett nicht müde und erschöpft sind. Das kam mir sehr entgegen. Karlo war wirklich das Geschenk meines Lebens. Bis er in meinen Armen starb.

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Ich versuchte mich ohne ihn durchzuschlagen. Aber es war zu hart allein als Frau in der Wildnis. Unsere reichen Gärten weckten Begehrlichkeiten bei Kriminellen. Ein Jahr hielt ich durch. Doch als sie meinen letzten Hund vergiftet hatten, packte ich meine paar Habseligkeiten zusammen und machte mich auf den Weg zurück nach Deutschland.

Dort angekommen hatte ich erst mal einen Kulturschock. Ich hatte sehr entwicklungsreiche Jahre in Europa verpasst. Zunächst kam ich bei einer alten Freundin in Köln unter. Man kennt sich, man hilft sich. Das war wirklich so. Ich stand häufig auf dem Balkon und wunderte mich, was ich da alles beobachtete: Die Autos piepsten und die Leute stiegen ein, ohne einen Schlüssel zu benutzen. In den Straßen liefen auffällig viele Männer mit kahl geschorenen Köpfen herum, die keine Nazis waren und Babys vor ihren Bäuchen trugen.

In großen Menschenmassen fühle ich mich unwohl. Zum Einkaufen nutze ich gern den Markt am Sudermannplatz im Agnesviertel, weil es dort nicht so voll ist und man immer frische Sachen bekommt. Irgendwann wünschte ich mir wieder einen Ort für mich allein. Ich bewarb mich bei der GAG Immobilien AG und konnte in das Seniorenhaus Schiefersburger Weg in Bilderstöckchen einziehen. Wieder so ein Geschenk vom Leben. Ich fühle mich aber noch viel zu jung zum Ausruhen. Ich war 2015 ehrenamtliche Lehrerin in der Flüchtlingsunterkunft Escher Straße, habe dann eine Zusatzausbildung gemacht und war drei Jahre lang Lehrerin an einer Integrationsschule.

Ich bin auch immer noch unterwegs. 2017 bin ich zwei Monate lang durch Kolumbien gereist, 2019 war ich sechs Wochen in Georgien. Dann entstand die Idee, über meine Erlebnisse auf der Osterinsel und über meine Reisen Vorträge zu halten. So lassen sich zwei meiner Leidenschaften vereinen: die Welt erkunden und mein Wissen weitergeben!“

Wenn Sie mehr über Steffi Pauly und ihr Leben auf der Osterinsel erfahren möchten: Ihr Buch ist bei Hoffman und Campe erschienen.

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Fotos: Costa Belibasakis
Text: Jana Mareen Züger

2 Kommentare

  1. Eine starke Frau, ihr Leben prägnant dargestellt, lesenswert. RRC

  2. Zeltinger Dorle sagt:

    Liebe Steffi,
    Ich habe dich gefunden!
    In Singapur , wo ich lange lebte, habe ich durch Zufall deinen Bericht in der Bunten über deine Zeit in der Siüdsee gelesen, aber keinen Kontakt gefunden.
    Ich bin Dorle geb. Dier, wohne in Bonn und würde dich sehr gerne treffen.
    Hoffentlich finden wir Kontakt
    Glg Diorle

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