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„Et kütt wie et kütt gibt’s nur in Köln“

13.12.2016 | Menschen

Name:
Sergej Malt

Geboren:
1976 in Dnipropetrovsk (heute Dnipro), Ukraine

In Köln seit:
1999

Beruf:
Projektleiter des Magnet e.V.

Lieblingsort:
Kalk Kapelle

Als wir 1999 übersiedelten, gab es nirgendwo eine Anlaufstelle für russische Erwachsene. Dazu muss man wissen, dass die Menschen, die wie wir aus der Ukraine oder den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken nach Deutschland kamen, meistens ziemlich gebildete Leute waren, also so was wie Ingenieure, Lehrer oder Professoren. Mein Vater zum Beispiel ist Doktor der Metallurgie, einer sehr speziellen Ausrichtung des Ingenieurwesens. Aber wegen fehlender Sprachkenntnisse fand er hier damals keinen Job. Und als sein Deutsch besser war, hatte die Wissenschaft in der Zwischenzeit einen solchen Sprung gemacht, dass er nicht mehr reinkam.

Meine Mutter, Mariya Savelyeva, hatte nicht nur einen Doktor in Chemie, sondern auch eine gute Idee. Mit einigen Gleichgesinnten gründete sie 2001 einen Verein, das Deutsch-Russische Kultur- und Integrationszentrum MAGNET e.V., das dabei helfen sollte, dass die Neuankömmlinge sich besser in Deutschland zurechtfinden. Bis heute ist sie die ehrenamtliche Vorsitzende. Seit 2006 sind wir als gemeinnützig anerkannt. Ich bin seit 2011 hauptamtlicher Projektleiter.

Seit einigen Jahren sind wir hier in der Sigrid-Undset-Straße in Vingst in Räumen, die uns die GAG zur Verfügung stellt. Das Projekt dazu ist gerade ausgelaufen. Das war eine Zusammenarbeit mit der Aktion Mensch e.V. Dabei ging es dann nicht mehr nur um Erwachsene mit osteuropäischer Herkunft, sondern um alle Kinder und Jugendlichen von 1 bis 27 Jahren, die hier wohnen und aufwachsen, unabhängig von ihrem familiären Background.

Unser Angebot ist ziemlich umfangreich. Montag bis Donnerstag gibt es eine Hausaufgabenbetreuung, dazu Dienstag bis Samstag unter anderem Malen und Basteln, musikalische Früherziehung, HipHop, Tanz, Theater und Comedy. Wir haben zusammen Ausflüge gemacht und zahlreiche Auftritte auf der großen Bühne organisiert.

Das hat mich jetzt in den vergangenen Jahren total beschäftigt und dazu motiviert, unbedingt weitermachen zu wollen. Gerade ist ein bisschen Pause zum Krafttanken und Anträge-Schreiben für neue Projekte. Es gibt nämlich eine ganze Menge zu tun. Es sind viele Neuankömmlinge hier, zum Beispiel aus Syrien und Tunesien, für die wollen wir Deutschkurse anbieten und auch unser Tanz- und Kulturprogramm. Gemeinsam mit Carinia Kuß und Bernd Gräber von der GAG schmieden wir große Pläne und hoffen jetzt auf Unterstützung von der Stadt und potenziellen Geldgebern.

Ich weiß, wie das ist, wenn man neu ist.

Ich weiß, wie das ist, wenn man neu ist. Erstaunlich, was seit unserer Ankunft 1999 alles passiert ist. Nach unserer Zeit im Auffanglager in Unna-Massen waren wir ein halbes Jahr in Leverkusen-Opladen. Eigentlich wollten wir danach nach Düsseldorf ziehen, weil da schon Verwandte von uns lebten. Aber dann sind wir auf dem Weg dorthin versehentlich in den falschen Zug gestiegen und plötzlich am Dom vorbei in den Kölner Hauptbahnhof eingefahren. Uns war sofort klar: Hier sind wir richtig. Basta!

Für viele Menschen bestimmen ganz konkrete Sachen ihre Identität: mein Dom, mein Haus, mein Veedel. Für mich gibt es diesen einen Ort oder dieses eine Ding, was Köln ausmacht, eigentlich nicht. Für mich ist es eher diese spezielle Identität. Diese „Et kütt wie et kütt“-Lebenseinstellung kenn ich so nur aus Köln, oder ganz vielleicht noch aus Griechenland.

Seit 2000 wohne ich in Kalk, nahe der Haltestelle Kapelle. Mir gefällt’s da ohne Ende. Es gibt zwar zu viele Drogenabhängige, aber ich fühl mich trotzdem total zuhause.

Früher bin ich noch recht oft in die alte Heimat gefahren. Es gibt dort besondere Orte, die für mich magisch sind, zum Beispiel am Fluss Samara. Da konnte ich hin und Energie tanken. Aber das ist irgendwann immer weniger geworden. Mit meinen beiden Töchtern Sonja (5) und Mascha (7) fahr ich heute im Urlaub lieber nach Mallorca. Das sind zwei sind echte kölsche Mädels, die Mascha ist sogar am Rosenmontag geboren. Und ich bin selber ziemlich kölsch geworden, ich trinke auch gar kein anderes Bier mehr. Und ich interessiere mich sehr für die Geschichte der Stadt, das ist ein Hobby von mir. Wenn Besuch kommt, dann mach ich mit denen Köln-Touren.

Eine Verbindung in die alte Heimat habe ich allerdings noch: Ich schreibe Witze fürs ukrainische Fernsehen. Die werden immer wieder gerne genommen. Ich engagiere mich seit Jahren für den KVN, zu Deutsch „Club der Witzigen und Schlagfertigen“. In Osteuropa kennt den jeder, in Deutschland ist das alles noch ganz am Anfang. Spannende Sache. Und, ach ja, wenn du demnächst heiraten solltest, kannst du mich als Moderator buchen. Trau dich!

Zur Website des MAGNET e.V.

Fotos Patrick Essex
Text Sebastian Züger

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