Seit vier Generationen auf dem gleichen Spielplatz

10.05.2020 | Leben | Ein Kommentar

Zu Gast bei Margareta Müller-Wolf

Seit ihrem dritten Lebensjahr ist Margareta Müller-Wolf in der Rosenhofsiedlung zu Hause. Das will etwas heißen, denn die ehemalige Mitarbeiterin des Bundesministeriums für Wirtschaft ist heute 95 Jahre alt. Zum Umzug der Familie, die ursprünglich aus dem bergischen Waldbröl stammt, kam es 1927, weil Vater Müller in Köln eine Arbeit gefunden hatte. „In der Anfangszeit lebte er allein in Köln, aber dann wollte er, dass meine Mutter und ich nachkamen“, erinnert sich die fröhliche Dame, deren Haar so schneeweiß ist wie ihr Seidenhalstuch und die Perlenohrringe. Trotz ihres hohen Alters hat sie es sich nicht nehmen lassen, für ihre Besucher den Kaffeetisch zu decken und einen „bunten Teller“ vorzubereiten, auf dem Wurst- und Käsebrote liebevoll mit Gürkchen und Eiern garniert sind. In einem Schälchen stehen außerdem Käsewürfel, alle sorgsam auf Zahnstocher aufgespießt.

Margareta Müller Wolf in ihrer Wohnung in der Rosenhofsiedlung.

„Der runde Teller, der gehört bei uns dazu“, erzählt Michael Stolley, mit Anfang 50 der älteste Enkel von Margareta Wolf. Mit seinen Eltern und seinem Bruder ist er von Kindheit an häufig in der 2-Zimmer-Wohnung im Akazienweg gewesen: heute, um die Großmutter zu besuchen, früher, um die Urgroßmutter zu sehen. Die bereitete das Essen sogar noch auf einem altmodischen Bollerofen zu. „Das war eine richtige Oma, die meistens zu Hause einen Kittel trug“, sagt er schmunzelnd.

Ihre erste Wohnung hatten die Müllers im Haus Am Rosengarten 79 a – gleich neben dem Bäcker, schräg gegenüber vom Brunnen „Treuer Husar“. Für die kleine Margareta war das ein idealer Standort, denn am Brunnen zu spielen machte ihr und den Nachbarskindern Spaß. Aber auch sonst wurde es auf den Straßen nicht langweilig.

Ein möglicher Treffpunkt war immer der Rosenhof, auf dem Jahrzehnte später auch ihre Enkel noch gerne tobten. „In meiner Kindheit war dort ein riesiger Sandkasten“, erzählt sie. Man spielte Verstecken, Nachlaufen, „Hüppekästchen“ und Klicker, sprang Seil, lief auf Stelzen, fuhr mit Rollschuhen und dem „Holländer“. „Der Holländer war so etwas wie ein Holzauto, man musste sich hin- und herbewegen, um damit voranzukommen“, beschreibt sie. Rollschuhlaufen, das sei ihr Liebstes gewesen. Aber auch im Winter fiel den Bickendorfer Pänz einiges ein, um sich die Langeweile zu vertreiben: Sie rodelten mit dem Schlitten durch den Grünen Brunnenweg oder gingen in den Blücherpark, um auf dem Weiher Schlittschuh oder im Park mit Skiern zu laufen.

 

Heute tobt Enkel Michael Stolley nicht mehr über den Rosenhof. Mit seiner Großmutter verbringt er trotzdem noch viel Zeit.
Heute tobt Enkel Michael Stolley nicht mehr über den Rosenhof. Mit seiner Großmutter verbringt er trotzdem noch viel Zeit.

Zwei Zimmer für 37,30 Mark

Anfang der 30er Jahre zog Familie Müller um, blieb aber in der Rosenhofsiedlung. „Am Rosengarten haben wir in der ersten Etage gewohnt. Die erste Etage war damals immer die teuerste. Aber mit der Zeit der großen Arbeitslosigkeit verlor auch mein Vater seine Arbeit. Deswegen zogen wir in den Hainbuchenweg 3, ins Parterre. Als Mieter der untersten Wohnung waren wir dafür zuständig, die Straße sauber zu halten. Aus diesem Grund waren die Parterrewohnungen günstiger“, berichtet die Seniorin.

Wenig später erfolgte ein weiterer Umzug, dieses Mal wieder in die erste Etage, und zwar in den Akazienweg. Für monatlich 37 Mark und 30 Pfennig wurde hier eine 2-Zimmer-Wohnung angemietet. Den Vertrag hat Margareta Müller-Wolf noch heute – und auch die Wohnung, die sie vor über zwanzig Jahren von ihrer Mutter übernommen hat.

Viele Erinnerungen sind mit diesen Räumen und den umliegenden Straßen verknüpft. Die lebhafte Dame mit den strahlend blauen Augen weiß noch genau, wo früher welcher Laden war. Dort, wo heute die Büros der GAG sind, war Stüssgen, aus dem nach dem Krieg eine Supermarktkette wurde. Am Rosenhof befand sich ein Friseursalon, den ein Tanzoffizier der Luftflotte betrieb.

Es gab zahlreiche Lebensmittelgeschäfte, sogar einen Feinkostladen – aber keiner von ihnen sei so eindrucksvoll gewesen wie Kaiser’s Kaffeegeschäft auf der Venloer Straße. „Das war die Krönung für Bickendorf“, schwärmt sie noch heute: „Ein traumhafter Laden! Da habe ich manchmal an der Tür gestanden, nur um zu gucken. Es gab große, glänzende Messingbehälter für Zucker, Reis, Kaffee – das war einfach unwahrscheinlich schön!“ Für ein paar Pfennige konnte man dort Bonbons aus großen Gläsern kaufen, die dann sorgsam in kleine Papiertütchen gewickelt wurden.

Die junge Margareta war meist mit ihren Freundinnen aus der Nachbarschaft unterwegs, die sie bis heute namentlich erinnert: „Da war Cläre, deren Vater ein Schuhgeschäft und eine Schusterwerkstatt hatte, Leni mit dem Laden in der Vitalisstraße, und Resi, meine einzige wirkliche Freundin, die vor sieben Jahren gestorben ist. Wir sind immer befreundet geblieben.“

Zum Tanzen ging man in die Gartensiedlung, in den Friedrich-Ebert-Saal, der damals Hermann-Göring-Saal hieß. „Aber am Häuschensweg gab es noch einen anderen Saal. Der hatte die beste Tanzfläche überhaupt“, begeistert sich die Bickendorferin: „Dort streute der Sohn des Inhabers ständig Seifenflocken auf den Boden, damit er schön glatt war!“ So glitt man über das spiegelblanke Parkett. Freundschaftliche Kontakte mit jungen Männern aus Ehrenfeld oder Neuehrenfeld wären für die Bickendorferinnen dabei nicht in Frage gekommen: „Die Stadtteile waren wie feindliche Brüder“, beschreibt Margareta Müller-Wolf: „Ein Mädchen aus Bickendorf konnte nicht mit einem Jungen aus Ehrenfeld oder Nippes losgehen! Nein, nein, wir gingen nicht so weit weg. Es war eng begrenzt hier in Bickendorf.“

Bewegte Zeiten während des Krieges

Nachdem sie 1938 die Volksschule abgeschlossen hatte, nahm sie eine Lehre auf. Gegen den Willen des Vaters hatte sie durchgesetzt, in einer Lebensmittelhandlung zu lernen. Als ihr das nach einem halben Jahr zu anstrengend wurde, kannte der Vater kein Pardon: „Du wolltest das anfangen, ich habe dir gesagt, was zu bedenken war – nun machst du die Lehre auch zu Ende!“ Sie fügte sich – und absolvierte gleichzeitig abends die Höhere Handelsschule. Zu den Stationen, an denen sie während des Krieges arbeitete, gehörte auch das EL-DE-Haus. In dem als Wohn-und Geschäftshaus errichteten Gebäude am Appellhofplatz befand sich während des Dritten Reichs die Kölner Gestapo-Dienststelle. Es gilt als Inbegriff nationalsozialistischer Schreckensherrschaft in Köln und ist heute Sitz des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln. „Man musste ja dort arbeiten, wo man hingeschickt wurde“, sagt sie: „Und ich kann es nicht anders sagen, es war dort ein angenehmes Arbeiten. Brutale Vernehmungen habe ich dort nicht erlebt.“ Allerdings gab es eine unschöne persönliche Situation für sie als junge Frau: Im Spätdienst bestellte einer der Gestapo-Komissare sie zu sich ins Büro – und empfing unmissverständlich sie im Bademantel. „Sie bilden sich wohl ein, ich wäre ihr Mülleimer“, herrschte sie den Mann an. Auf diese Situation führt sie es zurück, dass ihr bereits nach wenigen Monaten gekündigt wurde. Offiziell hieß es, dass sie als „politisch unzuverlässig“ gelte, da sie ein freundliches „Guten Morgen zusammen“ dem Hitlergruß vorzog.

Verunsichert von der Kündigung packten Tochter und Mutter umgehend nachts die Taschen und machten sich auf ins Bergische Land. Bei Verwandten in Hunsheim blieben sie bis zum Kriegsende. Dann setzte sich Margareta aufs Rad, strampelte die 62 Kilometer bis nach Köln und sah nach, ob die Wohnung noch stand. Sie hatte Glück: Bickendorf trafen während des gesamten Krieges nur wenige Bomben. Frei war die Wohnung auch. „Gestern sind gerade die Amis abgezogen“, berichtete eine Nachbarin. Die Besatzer hatten sich in der leerstehenden 2-Zimmer-Wohnung einquartiert.

 

Noch heute erinnert sich Margareta gern an ihre Jugend in der Rosenhofsiedlung.
Noch heute erinnert sich Margareta gerne an ihre Jugend in der Rosenhofsiedlung.

Wohnungsübernahme auf Wunsch der Mutter

Von da an blieb die Wohnung in der Hand der Familie. Nach ihrer Hochzeit lebte Margareta Müller-Wolf mit ihren Töchtern zwar später auch viele Jahre lang in anderen Kölner Stadtteilen, doch ihre Eltern waren bis ans Lebensende im Akazienweg zu Hause. Bevor im Jahr 2000 im Alter von fast 102 Jahren ihre Mutter verstarb, hatte diese sie gebeten: „Behalte doch die Wohnung!“ Die Tochter hatte Bedenken. „Überlege es dir“, sagte sie. Margareta Müller-Wolf bewohnte zu dem Zeitpunkt in Bickendorf eine geräumige Wohnung, in der sie über einen Balkon, eine Speisekammer, ein Gästezimmer und andere Annehmlichkeiten verfügte, welche die Bickendorfer Wohnung nicht hat. Doch sie brachte es nicht übers Herz, sich dem Wunsch der Mutter zu widersetzen: „Sie wollte ja, dass die Wohnung in der Familie bleibt.“

Täglich dreht sie ihre Runden durch die Straßen und stellt dabei fest, wie sich das Viertel verändert. „Früher kannten sich die Leute, begrüßten sich mit Namen und hielten ein Schwätzchen. Heute stellen sich die Zugezogenen gar nicht mehr vor, das ist bedauerlich! Es ist dadurch weniger familiär. Aber insgesamt gefällt es mir in Bickendorf immer noch gut.“ Auch vor einer Schaukelpartie auf dem Spielplatz, in dessen Sand sowohl sie als auch ihre Enkel und Urenkel gebuddelt haben, scheut sie nicht zurück – für das Foto zumindest.

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In der gemütlich eingerichteten Wohnküche lassen sich auch heute noch die Enkel und Urenkel gerne bekochen oder auf einen „runden Teller“ einladen. „Bickendorf, das ist für mich meine Jugend. Hier war die schönste Zeit“, verrät Michael Stolley, der inzwischen im Hahnwald im eigenen Haus lebt. Seiner Großmutter hat er schon oft angeboten, dass sie dort bei ihm, seiner Frau und seinen Kindern wohnen könnte. Aber für die alte Dame kommt das nicht in Frage: „Hier habe ich doch alles, was ich brauche!“

Text: Johanna Tüntsch
Fotos: Costa Belibasakis

Einen Kommentar für “Seit vier Generationen auf dem gleichen Spielplatz”

  1. Elvira Scheider sagt:

    meine Großmutter war Erstbezug Wachholderweg. Auch ich habe die schönsten Erinnerungen an die Siedlung.Und ja, auch der Rosenhof war mein bevorzugter Spielplatz.

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