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Willkommen in Babylonien #5: Scooterisinthahouse!

30.05.2017 | Leben | 2 Kommentare

Das Kind hat von Oma und Opa 70 Euro Weihnachtsgeld bekommen. Und obwohl ich stark in Versuchung bin, mich für das Kind schön anzuziehen, überlege ich mir, über was es sich wirklich freuen könnte.

An altersgemäßem und weniger altersgemäßem Spielzeug fliegt hier schon alles Denkbare rum, und ihr Kleiderschrank lässt mich vor Neid erblassen. Allein die Tatsache, dass sie nur zwei Paar Schuhe besitzt, besänftigt mein Gemüt. So kann ich jeden Tag ehrlich gemeint nett zu ihr sein.

Im Internet stoße ich auf eine großartige Erfindung: die Bärchen-Gute-Nacht-Maschine! Ganz unser Geschmack, frei nach dem Motto: „Dezenz ist Schwäche“.

WARNUNG! ICH BITTE ALLE ELTERN, DIE AUGENRINGE WIE EIN PANDABÄR HABEN, DEN FOLGENDEN ABSATZ ZU ÜBERSPRINGEN!

Es stimmt wirklich: Unser Mädchen schläft durch, seit es vier Monate alt ist. Wir legen sie um 20 Uhr ins Bett, sie dreht sich um und pennt bis halb acht Uhr morgens. Wir sind uns durchaus bewusst, dass wir ein Baby für Anfänger geschenkt bekommen haben. Sie ist eben ein echter Survivor und mit dem Bewusstsein auf die Welt gekommen, dass ihre beiden Eltern-Azubis für bestimmte Dinge zu doof sind. Aus simplem Überlebensinstinkt folgt sie den Gesetzen des Darwinismus und passt sich ihrem Lebensumfeld an. Schnell hat sie herausgefunden, dass ihr Muttertier nach spätestens 21 Uhr nicht mehr in der Lage ist, sie ausreichend mit Nahrung zu versorgen und verfällt in eine Art Winterschlaf. In den seltenen Fällen, in denen das womöglich aufgrund der nahenden Klimaerwärmung nicht funktioniert, soll das Bärchen-Gute-Nacht-Licht die Konditionierung perfektionieren.

Zwei laaaaaaaaaannge Tage nach der Bestellung klingelt der Paketbote. Ungeduldig rupfe ich die Technik aus dem Karton, aber die Verpackung ist absolut kindersicher. Mit Hilfe der Kreissäge befreit der Kindesvater das Bärli aus seiner Ummantelung.

Achtung, Achtung. Hier spricht die Polizei!

Die kommenden Minuten und Stunden sehen uns fassungslos vor Freude angesichts von so viel Spaß. Das Gerät verfügt nicht nur über einen Deckenprojektor, der Bärchen und Pinguine in einem ekstatischen Reigen tanzend auf die Decke projiziert, sondern darüber hinaus über drei Programme:

  1. Naturgeräusche wie Froschgequake, Meeresrauschen und Zikadengrillen (für kleine südländische Kinder)
  2. Spieluhrmelodien von klassischen Komponisten, etwa ein gesungenes „Guten Abend, Gute Nacht“.
  3. Der absolute Hammer: die Aufnahmefunktion. Ich drücke auf den Mikrofonknopf und sage: „Achtung, Achtung. Hier spricht die Polizei! Alle anwesenden Personen unter zwei Jahren haben zu schlafen. Andernfalls müssen wir Sie festnehmen. Sie haben das Recht zu schweigen, sie haben das Recht auf einen Anwalt …“

Das Kind fängt bei meinem Behördentonfall sofort an zu heulen. Ein gutes Zeichen. Es will mir die Maschine aus der Hand reißen, aber nicht mit mir! Nur die besonnene Intervention des Vaters verhindert einen Eklat zwischen Mutter und Tochter.

Der Mann und ich haben eine Abmachung. Bis zum 13. Lebensjahr des Mädchens bin ich der „BAD COP“, er der „GOOD COP“. Danach tauschen wir die Rollen. Mit seinem Eingreifen hat er die Spielregeln verletzt. Aber er hat – zumindest in diesem einen Ausnahmefall – Recht: Flüsternd tauschen wir einige Strategieideen aus und kehren nach getroffener Entscheidung demonstrativ einig zum Kind zurück, dass das blinkende und sich drehende Bärchen gerade leidenschaftlich ableckt. Ich nehme ihr das Plastiktier freundlich ab und spreche mit zuckersüßer Stimme folgenden Satz in sein Mikrofon: „Pst, Livia, mein Hase. Pst! Die Mama ist doch hier, genau neben dir. Warum weinst du denn? Diiieee Maammmaa ist doch hier! Schlaf jetzt, mein Häschen!“ Ich lache mir ins Fäustchen vor so viel Rafinesse und kann es gar nicht mehr abwarten, das Kind ins Bett zu legen.

Ich muss an so manche besoffene Karussell-Nacht denken

20 Uhr. Aus dem Wohnzimmer ertönt der Gong der „Tagesschau“. Ich bette die Kleine in ihre Kissen, mache den Delfingesang an und das Blinkebärchenlicht aus. Ich fürchte nämlich, dass ihr vom orgiastischen Reigen der Bären und Pinguine an der Decke übel werden könnte. Ich muss an so manche versoffene Karussell-Nacht denken, aber das gehört nicht hierher. Wie gewohnt pennt das Kind binnen drei Minuten ein. Was hab ich nur für ein Glück!

Zwei Stunden später dann der ultimative Test. Sie verliert ihren Schnuller und beschwert sich klagend. Im Affentempo eile ich herbei, stecke ihn zurück ins Mäulchen und flitze wieder aus dem Raum. Vermutlich zu schnell: Die Kleine schreit wie am Spieß. Ich aber bleibe entspannt im Wohnzimmer, greife zur Fernbedienung der Bärchen-Gute-Nacht-Lied-Anlage und drücke den Blinkestern. Sofort ertönt: „Pst, Livia, mein Hase …“. Das Kind verstummt, dreht sich um und pennt weiter. Es ist unfassbar!

Als der Mann nach Hause kommt, überlegen wir uns weitere Sätze für das Wundermaschinchen. Unsere Top 3:

  1. Livia! Wir wissen ganz genau, dass du Dope in deinem Bett rauchst! Unter dir befindet sich ein mit Wasser gefüllter Aschenbecher. Dorthin legst du die Tüte unverzüglich und dazu 5 Euro Schweigegeld!
  2. Ich kann tote Menschen sehen!
  3. Auch wenn du immer noch mit Mama und Papa das Schlafzimmer teilst, könntest du in gewissen Situation wenigstens so tun, als ob du schlafen würdest!

Wicked!

Um drei Uhr nachts, wir schlafen längst, fällt der Kleinen wieder der Nuckel aus dem Mund. Sofort beginnt sie, sich lauthals zu beschweren. Wie gewohnt will der Mann im Dunkeln zum Bettchen tapsen, doch JETZT zeigt sich die wahre Stärke des Bärchen-Gute-Nacht-Lied-Spenders: Der eingebaute Bewegungsmelder setzt die Anlage in Gang. Der Deckenprojektor dreht sich wie wild, dazu ertönt ein ganzer Froschteich und der kleine Psychobär blinkt wie bekloppt. Das Mädchen steht quietschvergnügt im Bett, dreht sich zu Johannes Brahms‘ ungarischen Tänzen und drückt im ungeraden Kindertakt auf eine Pinguintaste, die die Lärmkulisse um Scratches mit meiner Stimme ergänzt: „Pst, Livia. Die Maaaam, die Maaaaa, die Mam, ist hier, hier, hier.“ Im Schlaf wähne ich mich auf einem Scooter-Konzert, fahre hoch und rufe „Wicked!“ Der Mann brüllt „Scheiße“, das sprachbegabte Kind kreischt vergnügt „Zsseissa“. Schlafend kann ich mich nun nicht mehr stellen, nur noch tot. Und das tue ich.

Zufrieden schläft das Kind wieder ein, verlangt allerdings bereits zwei Stunden später nach einer Zugabe. Ich beschließe, in der nächsten Nacht das Bärchen Bärchen sein zu lassen und stattdessen mit der Blockflöte am Kinderbett „Sah ein Knab ein Röslein“ zu spielen. Das sollte ihr die neuen Marotten ganz schnell austreiben. Willkommen in Babylonien!

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Text Ilka Dischereit
Illustration Livia Scandale

2 Kommentare

  1. Yvonne sagt:

    Super ! Das Leben mit Kindern wird halt nicht langweilig!

  2. Frauke sagt:

    Grossartig ???? ???? ???? ???? ????, das Warten hat sich gelohnt!!!!!!

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