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56 Jahre Stadtgedächtnis

25.07.2019 | Leben

Im Rundschau-Archiv liegt Historisches und Kurioses aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Es ist eine kleine Zeitreise: Wer bis in das zweite Untergeschoss des Rundschau-Hauses vordringt, taucht ein in die Jahre zwischen 1946 und 2002. In Büchern, Aktenordnern, Zeitungsbänden und Tausenden von Fotos lässt sich hier jedes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte nachvollziehen, das aus der Kölner Betrachtung heraus wichtig war. Die kalten Kellerräume beherbergen das Archiv der Kölnischen Rundschau seit ihrer Gründung 1946. Ursprünglich befand es sich in einem der oberen Stockwerke, in Reichweite der Redaktion. Seitdem 2002 alles auf eine digitale Archivierung umgestellt wurde, verlor es jedoch im täglichen Gebrauch an Bedeutung. Seinen neuen Platz fand es im Tiefkeller, wo früher die Waschräume der Drucker waren, solange die Rundschau noch in der Stolkgasse gedruckt wurde – in jenem Teil des Hauses, in dem heute die Polizeiwache ist. Während sich also die Welt oberhalb des Kellers in vieler Hinsicht geändert hat, ist sie zwischen den unterirdischen Regalen und Schubfächern einfach gleich geblieben. Das macht die Räume auch zu einem Lehrstück darüber, wie Recherche vor Beginn des digitalen Zeitalters funktionierte.

In verschiedenen Bereichen konnten sich die Redakteure Hintergrundwissen für ihre Geschichten aneignen: im Zeitungslager, im Themen- und im Redaktionsarchiv. Im Zeitungslager sind in Sammelbänden sämtliche Ausgaben der Rundschau erfasst, die jemals erschienen. Sie liegen sortiert nach Monaten und sind ein Zeugnis ihrer Zeit. Beim Durchblättern der Seiten erfährt der Leser nicht nur Politisches und Lokalhistorisches. Einen Blick wert sind auch die Werbeanzeigen, die zwischen den Zeilen viel über das Denken und Rollenverständnis vergangener Tage verraten. „Elastik-Chic: Für deinen Mann“, schmeichelt etwa ein Hersteller von Miederwaren, und ein anderer zeigt Putzkittel mit dem Slogan: „Schice Hauskleider in praktischer Kasakform“.

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In einem gesonderten Regal im Bereich des Zeitungslagers finden sich auch kleine Kuriositäten, die dem Verlag gelegentlich von Lesern zugeschickt wurden, zum Beispiel ein Gesundheitslexikon und ein allgemeines Konversationslexikon, bestehend aus ausgeschnittenen Zeitungsabschnitten. Solche Projekte für Abonnenten gehörten früher zum Konzept des Blattes: Sammelwerke, für die an fester Stelle immer ein Platz vorgesehen war. Leser konnten sich den täglichen Eintrag ausschneiden und erhielten so im Laufe einiger Monate oder eines Jahres durch ihre Zeitung ein komplettes kleines Lexikon für den Hausgebrauch.

Recherche ohne Internet – das war früher völlig normal

Zentrales Nachschlagewerk für den journalistischen Alltag war das Redaktionsarchiv. Während einer Recherche heute oft einfach ein schneller Blick ins Internet vorausgeht, mussten Reporter und Redakteure früher erst einmal Akten wälzen, wenn sie sich mit einem Thema vertraut machen wollten. Im alphabetisch geordneten Register der Fundbücher suchte man das Stichwort, um das es sich bei der Recherche drehte. Dabei musste man schon einmal verschiedene Suchbegriffe durchspielen. So sind etwa einige Firmen namentlich erfasst, andere hingegen unter der jeweiligen Branche verschlagwortet. Einen Eintrag „GAG“ findet man beispielsweise nicht, sondern nur einen zum „Wohnungswesen“.

Ob „Puppenspieler“ oder „Handel, Gewerbe und Industrie“: Jedem Thema im Schlagwortregister ist eine Zahlen-Buchstaben-Kombination zugeordnet. Diese galt es dann zu suchen – in langen Reihen schwarzer Schubfächer aus Karton, von denen die ältesten noch aus den 1940er Jahren stammen. In ihnen liegen Mappen, gefüllt mit Pappen, auf welche die säuberlich ausgeschnittenen Artikel zu den verschiedenen Themen aufgeklebt sind. Diese Lösung erwies sich jedoch auf die Dauer als äußerst platzraubend. Später wurden daher die Sammlungen zwar weiterhin auf ähnliche Weise systematisiert, man verwahrte aber nur noch die dünnen Zeitungsblätter, ohne sie aufzukleben.

Es gibt Unterlagen zur städtebaulichen Situation in Köln, zur Bundespolitik, über die wirtschaftliche Entwicklung, zum Karneval, zum Sport und zu gesellschaftlichen Phänomenen. In mancher Hinsicht sind es heute weniger die Inhalte, die faszinieren, als vielmehr die Feststellung, was überhaupt früher Anlass zur Berichterstattung und Archivierung war: „Mischehen“ etwa – bezogen auf evangelisch-katholische Partnerschaften.

Anekdötchen, die das Internet nicht kennt

Neben den Themenmappen gibt es Ordner mit Länderinformationen, Chroniken, Nachschlagewerke und die „Personenordner“. In ihnen sind, ebenso wie in den Themenordnern, nicht nur Rundschauberichte erfasst, sondern auch eine Auswahl aus weiteren, bundesweit relevanten Zeitungen und Magazinen. Es gehört zum besonderen Charme der Sammlung, dass hier auch vieles verewigt ist, das online nicht zu finden und längst in Vergessenheit geraten ist. Wie schlüpfrig oder seriös sollten Büttenredner in den 60er Jahren sein? Welcher Festkomiteepräsident musste sich als Straßenrowdy vor Gericht verantworten? Wo feierte Romy Schneiders Stiefvater Hans Herbert Blatzheim ausschweifend seinen Geburtstag? Hier kann man es nachlesen.

Ein weiterer Bereich des zeitgeschichtlichen Kleinods ist das Foto-Archiv. Es ist der einzige Teil der Sammlung, der heute noch aktiv genutzt wird – etwa, wenn ein Nachruf geschrieben wird, aber auch zum Beispiel, wenn es um die stadtgeschichtliche Entwicklung geht. „Hier lagern rund eine Million Bilder“, verrät Rundschau-Fotograf Günther Meisenberg. Viele wurden direkt für die Rundschau aufgenommen, aber es sind auch solche darunter, die von Agenturen geliefert wurden.

Viele Fotos bis heute unveröffentlicht

Bis um die Jahrtausendwende herum der Heinen-Verlag auf die Arbeit mit Digitalfotografie umstellte, waren analoge Kameras und Filme das Werkzeug der Fotografen. Filme waren teuer, die Entwicklung aufwändig – entsprechend sorgsam der Umgang mit dem Material. Das hatte auch Einfluss auf die Fotografie. „Es entschleunigt, wenn man nicht digital fotografiert. Man schaut dann ganz anders. Heute macht man bei einem Termin hundert Bilder. Damals verschoss man vielleicht einen halben Film“, beschreibt Meisenberg den Wandel seines Metiers. Nicht nur die Abzüge, sondern auch Negative und sogar eine Reihe von Dias sind hier hinterlegt.

Einige Aufnahmen sind bis heute unveröffentlicht. Auf anderen sieht man noch die Anzeichnung der Redakteure, aus der sich erkennen lässt, welcher Bildausschnitt in die Zeitung kam: von Konrad Adenauer, Trude Herr auf der Bühne und privat, Franz-Josef Antwerpes in seinem Weinberg, Sophia Loren und vom Dalai Lama, als er 1995 den damaligen Kölner Oberbürgermeister Norbert Burger besuchte.

Um die Vielzahl der Aufnahmen dauerhaft zu sichern und durch eine erweiterte Verschlagwortung auch leichter verfügbar zu machen, wird im Verlag derzeit über eine vollständige digitale Archivierung des Fotoarchivs nachgedacht. „Wir befinden uns dazu in Gesprächen mit einem technisch versierten Partner“, sagt Verlagsleiter Hermann Steveker. Gelegentlich stellen Vereine oder auch Sachbuchautoren eine Anfrage, um das Archiv nutzen zu können. Für die tagesaktuelle Berichterstattung greift kaum noch jemand darauf zurück. Es ist eine Zeitkapsel – voller Geheimnisse und ungehobener Schätze in Wort und Bild.

Text: Johanna Tüntsch
Fotos: Klaudius Dziuk

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