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Warten und Bangen bei Bombenalarm

13.03.2019 | Leben

Im „Röhrenbunker“ am Reichenspergerplatz suchten im Zweiten Weltkrieg Kölnerinnen und Kölner Schutz, die unterwegs von Fliegerangriffen überrascht wurden.

In der Wiese vor dem Oberlandesgericht am Reichenspergerplatz verstecken sich zwei unspektakuläre Bodengitter, die hinabführen – nicht nur in die dunkle Tiefe unter der Erde, sondern auch in dunkle Zeiten der Geschichte. Hier entstand im Zweiten Weltkrieg ein Schutzraum, in dem bei Bombenangriffen auf 135 Quadratmetern bis zu 180 Personen Zuflucht suchen konnten.

„Nach Zeugenaussagen ist die Anlage auf 1942 zu datieren“, sagt Jürgen Schneider vom Cologne Research – Institut für Festungsarchitektur (CRIFA). Vor einigen Jahren kam sogar eine ältere Dame zu einer Besichtigung, die als Kind zwischen den kalten Mauern um ihr Leben gebangt hatte. Ein Flyer des Vereins hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt. „Sie sagte: Ja, das kenne ich! Sie erinnerte sich daran, dass sie hier zweimal Schutz gesucht hatte, als sie mit ihrer Schulklasse im Zoo gewesen war und es einen Angriff gab“, erzählt Schneider.

Treppabwärts geht es zunächst in einen kleinen Vorraum, der als Schleuse für mögliche Angriffe mit biologischen oder chemischen Waffen konzipiert war. In einem solchen Fall wäre verseuchte Kleidung in einem Stahlschrank deponiert worden, der bis heute dort steht. Durch eine luftdichte Tür geht es in die eigentlichen Aufenthaltsbereiche. Das sind fünf lange Gänge, die verwinkelt zueinander angeordnet sind.

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Nackte Wände, karge Holzbänke: Das war alles, was die Menschen hier erwartete. „Angstbunker“ wurde der ungastliche Ort im Volksmund genannt. Tatsächlich handelt es sich aber nicht um einen Bunker im eigentlichen Sinne, sondern um einen Deckungsgraben. „Ein Bunker ist darauf konzipiert, einer direkten Bombardierung bestimmter Stärke standzuhalten“, erklärt CRIFA-Vorsitzender Robert Schwienbacher. So stabil, dass er einem direkten Angriff widerstanden hätte, war der „Angstbunker“ nicht. Nur eine etwa 40 Zentimeter dicke Schicht Stampfbeton und etwas Erdreich schirmen die Aufenthaltsräume nach oben hin ab. Die vergleichsweise unsichere Bauart ist übrigens auch der Grund für die Form der Anlage. Wäre eine der Röhren getroffen worden, hätte das eine enorme Druckwelle im Erdreich erzeugt. Bei gerader Bauweise wäre dann möglicherweise die gesamte Anlage zu Schaden gekommen. Durch die gewinkelte Anordnung der Gänge wurde das Risiko minimiert. Die Druckwelle durch eine Detonation in einer der Röhren hätte die anderen nur wenig betroffen.

Eine solche Situation blieb jedoch aus – auch während des schwersten Angriffes, den Köln während des Zweiten Weltkrieges zu verzeichnen hatte. Er fand statt in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942. Als „1000-Bomber-Angriff“ ging er in die Geschichte ein, da in dieser Nacht 1000 Flugzeuge in England gestartet waren, die alle Köln als Ziel hatten. Der Kölner Raum war damals die größte Chemieregion Europas und als solche kriegswichtig. Der Angriff dauerte anderthalb Stunden. Tausende Wohnungen wurden dabei zerstört.

„Mit dem Krieg aus der Luft verfolgte Arthur Harris, der Oberkommandierende der Royal Air Force, das Ziel, einen Regimesturz herbeizuführen, indem man versuchte, die Bevölkerung zu zermürben“, so Schwienbacher.

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Die größte Bedeutung bei einem Luftangriff hatten die Keller unter den Wohnhäusern: Hier harrten während der Angriffe die meisten Menschen aus. In einigen Altbauten sind heute noch Durchstiege in die Nachbarhäuser zu sehen, durch die man sich hätte retten können, wenn der Aufstieg im eigenen Haus blockiert gewesen wäre. Etwas Ähnliches gibt es in der Schutzanlage am Oberlandesgericht: eine in die Wand eingelassene Mauer, die man bei Bedarf hätte aufschlagen können. Im Hohlraum dahinter verläuft ein senkrechter Aufstieg, durch den man wieder nach oben gekommen wäre, wenn der Weg durch die Eingänge verschüttet gewesen wäre. Bis heute ist er mit Sand gefüllt, der zu Kriegszeiten einen bestimmten Zweck hatte: Dadurch war der Aufstieg von oben her nicht zu blockieren und blieb ein Fluchtweg für den Notfall. Erst durch das Aufschlagen der Öffnung würde der angestaute Sand herausrutschen und den Weg nach oben freigeben.

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Die Stadt Köln ließ Anfang der 1940er Jahre eine ganze Reihe weitere Anlagen errichten, die von öffentlichen Plätzen aus gut zu erreichen waren, zum Beispiel unter dem Stadtgarten, am Deutzer Bebelplatz, am Helmholtzplatz in Ehrenfeld und am Rande des Friedhofs Melaten. Die wenigsten von ihnen sind heute noch in ihrem damaligen Zustand erhalten.

Den Schutzraum am Reichenspergerplatz jedoch kann man in Führungen so besichtigen, wie er 1945 zurückgelassen wurde – samt seiner Original-40er-Jahre-Toilette und der handbetriebenen Lüftungsapparate. Davon gab es zwei, die mit einer Pumpe in Gang gesetzt und gehalten werden mussten, um ausreichend Sauerstoff in die luftdicht verschlossenen Röhren zu bringen.

Bis 1979 nutzte das Oberlandesgericht die unterirdischen Räume als Aktenlager. Erst 2009 wurden sie von Mitgliedern des Cologne Research – Institutes für Festungsarchitektur „wiederentdeckt“ und für Besuche zugänglich gemacht.

Eine Übersicht über Führungen durch den Röhrenbunker und die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier.

Fotos: Klaudius Dziuk
Text: Johanna Tüntsch

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