Diese Webseite benutzt Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und sein Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr Informationen hier!.

OK

„Die Kölner schätzen es, wenn etwas gegen den Strich gebürstet ist“

22.10.2016 | Menschen

Name:
Robert Dragokiannakis

Geboren:
1966 in Bergisch Gladbach

In Köln seit:
1996

Beruf:
Musiker und Maler

Lieblingsort:
Das Rheinufer

Von Bergisch Gladbach aus war Köln der Nabel der Welt, der Sehnsuchtsort, der aber immerhin leicht zu erreichen war – der Ort, an dem die Sachen passierten. Anfang der 80er Jahre hatte ich meine erste Band, die „Auroras“. Ich fuhr aus Bergisch Gladbach nach Sülz, wo wir unseren Proberaum hatten. Und dann war da natürlich die Punkszene rund ums „Blue Shell“, den „Rose Club und das „Underground“. Das war für mich die große weite Welt.

Bis heute finde ich an Köln gut, dass es hier einen fruchtbaren Boden für Bands und Musiker gibt, die nicht massenkompatibel sind. Sowas wie Can zum Beispiel, aber auch Peter Licht oder Erdmöbel. Und vielleicht auch meine Band, Angelika Express. Die Kölner schätzen es, wenn etwas gegen den Strich gebürstet ist. Der Karneval hatte ja ursprünglich auch ein anarchisches Element in sich, das sich gegen die Obrigkeit wandte.

„Dachte lange, Angelika Express gehört eher nach Hamburg“

Ein Schlüsselerlebnis war für mich der Abend, an dem wir unser zweites Album rausgebracht haben, „Alltag für alle“. Wir haben uns zu dritt mit Gitarre, Bass und Schlagzeug auf den Weg durch die Südstadt bis rüber nach Ehrenfeld gemacht und Überraschungskonzerte in Bars und Kneipen gespielt. Wir waren auch in einem Restaurant. Da saßen die Leute an den Tischen und haben uns gespannt zugeschaut, was wir da treiben. Beschwert hat sich keiner. Im „Six Pack“, in dem ja traditionell elektronische Musik läuft, haben wir wilden Rockkrach gemacht. Und dennoch waren die Reaktionen durchweg positiv.

robert drakogiannakis GAG koelnbeste

Trotzdem hab ich lange geglaubt, dass Angelika Express eher nach Hamburg gehören, zu Bands der sogenannten „Hamburger Schule“ wie Blumfeld oder Tocotronic. In Hamburg sind die Musiker viel stärker vernetzt als in Köln, die stellen zusammen viel mehr auf die Beine. In Köln ist das alles viel kleiner, fast schon dörflich. Es gibt auch wenig Unterstützung von der Stadt. Bands wie wir stehen immer im Schatten dieser Ring-Event-Kultur. Und das, obwohl doch Veranstaltungen der größte Wirtschaftsfaktor in Köln sind, soweit ich weiß. Zum Glück schaffen’s trotzdem immer wieder Bands aus Köln an eine größere Öffentlichkeit, so wie gerade Annenmaykantereit und Roosevelt.

„In Mülheim bin ich mitten im prallen Leben“

Von 2000 bis 2015 hab ich im Agnesviertel gewohnt. Ich bin ziemlich bequem geworden in dieser Zeit, abends nur noch ins „King Georg“ und zurück. Seit ich in Mülheim wohne, habe ich einen ganz anderen Blick drauf. Das Leben dort war so gesättigt. Die ständig steigenden Mieten und Immobilienpreise haben dafür gesorgt, dass das Publikum auf der Straße immer gleichförmiger wurde. Wenn ich in Mülheim auf die Straße gehe, steh ich mitten im prallen Leben, alles ist viel krasser und direkter. Da laufen Punks und Hipster rum, die Kopftuchfrau klönt mit der Frau aus dem Biosupermarkt. Ich empfinde das als angenehm.

Ich finde, diese Unterschiede der Veedel sollte man in Köln wieder mehr leben. Nicht nur in Mülheim, auch in Buchheim oder in Höhenberg gibt’s interessante Ecken. Da würde man gern wohnen wollen, und da wohnen auch überall interessante Leute – aber wo geht man da abends hin? Warum gibt’s keinen geilen Liveschuppen in Dellbrück? In Mülheim, auf dem Gelände, wo jetzt das Schauspiel ist, da wär doch Platz für einen richtig guten Club. Unbedingt! In Kalk passiert schon sowas, aber Mülheim ist noch nicht da, wo es sein könnte. Da fehlt noch ein Impuls, man muss die Leute mal ein bisschen anschubsen. Ich denke gerade mit Freunden über eine Veranstaltungsreihe nach, die von einem Veedel ins nächste zieht. Alles zu zentral in Köln!

Solchen Ideen hänge ich am liebsten am Rheinufer nach. Als Kind in Bergisch Gladbach hab ich diese kurzen Wege in die Natur sehr geliebt. In Mülheim entschädigt der Rhein für die Ferne der Natur. Es sind nur ein paar Schritte, und schon ist man irgendwo, wo man für sich sein kann.

Fotos Patrick Essex
Text Sebastian Züger

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.