Der verspiegelte Bunker am Bahnhof

14.09.2020 | Leben

Wer vom Breslauer Platz aus, den Bahnhof im Rücken, um sich guckt, der sieht, was man in der Innenstadt ebenso vorfindet: Busse, Autos, Touristen, Hotels und Bürohäuser. Die verspiegelte Front der Raiffeisen Waren-Zentrale Rhein Main eG fügt sich da absolut harmonisch ein. Mit ihrer Fassade aus Naturstein und champagnerfarbenem Glas ist sie nicht direkt auffällig, aber doch sehenswert. Jedenfalls nach dem Architekturverständnis der 1980er Jahre, denen ein Betrachter das Bauwerk auf den ersten Blick zuschreiben kann. Doch eigentlich soll an dieser Stelle gar kein Bürohaus, sondern einer von Kölns noch erhaltenen Hochbunkern stehen. Die Frage ist nur: wo?

Einige Bunker sind bekannt, andere versteckt

“Das Gebäude ist der Bunker”, sagt Robert Schwienbacher, der uns heute den Bunker zeigen wird. Dabei lächelt er ein wenig spitzbübisch, wie es Menschen tun, die wissen, dass sie den Überraschungseffekt auf ihrer Seite haben. Wie bitte? Der vor 40 Jahren sicher als recht elegant geltende Komplex – ein Bunker aus der Nazizeit?

Aber Schwienbacher muss es wissen. Als Vorsitzender des Vereins Crifa, Cologne Research Institute of Fortification Architecture, hat er im Corona-Jahr 2020 seinen Urlaub und sehr viel Freizeit investiert, um mit anderen Geschichtsbegeisterten in ehrenamtlicher Arbeit die Geschichte der Hochbunker filmisch zu dokumentieren. Zum Tag des offenen Denkmals ist die umfangreiche Aufarbeitung mit spannenden Reportagen, Hintergrundberichten und Zeitzeugeninterviews online gegangen. Alle 23 noch erhaltenen Hochbunker der Domstadt werden darin vorgestellt. Einige sind bekannt, zum Beispiel der in der Körnerstraße in Ehrenfeld, in dem seit einigen Jahren Kunstausstellungen und weitere Kulturveranstaltungen stattfinden.

 

Robert Schwienbacher vom Verein Crifa e.V. setzt sich für die geschichtliche Aufarbeitung der Hochbunker im Kölner Stadtgebiet ein.

Aber es gibt eben auch andere, die öffentlich kaum wahrgenommen werden. So einer ist der am Breslauer Platz. Und das, obwohl er nicht nur mit einer zentralen Lage aufzuwarten hat, sondern auch noch mit einem wirklich namhaften Kölner Architekten: Der Entwurf für das Schutzgebäude aus dem Zweiten Weltkrieg stammt von keinem geringeren als Wilhelm Riphahn. Er war vom Bauhausstil geprägt, hat für die GAG zahlreiche historische Siedlungen entworfen und den Kölnern außerdem die Bastei in ihrer modernisierten Form, die Neumarkt-Passagen und den Ufa-Palast am Hohenzollernring hinterlassen.

Nicht ganz für die Breite moderner Wagen ausgelegt

Noch während der Kriegsjahre hatte Riphahn eine Vision davon, wie Köln aussehen könnte, wenn der Bombenkrieg beendet und die Trümmer beseitigt wären. Mit diesem Weitblick machte er auch den Bunker am Breslauer Platz zu etwas Besonderem: “Riphahn hat den Bunker gleich als Parkgarage konzipiert. Das war wirklich innovativ”, sagt Schwienbacher. Dem Architekten war klar: Bombensichere Betonklötze, wie Bunker es nun einmal sind, lassen sich nicht ohne weiteres wieder aus dem Stadtbild tilgen – und Baumaterialien würden nach dem Krieg erst einmal knapp sein. Was lag also näher, als gleich die zweite Nutzung zu berücksichtigen? Der Bunker ist aus diesem Grund nicht nur mit Treppen zu allen fünf Ebenen ausgestattet, sondern auch mit befahrbaren Rampen. Die sind in den Kurven für eine Limousine von heute allerdings ein wenig knapp kalkuliert und daher jetzt mit Gummimatten an den Wänden abgepolstert: “Riphahn hat sehr weit gedacht, aber bei den Autobreiten hat er sich vertan”, kommentiert Schwienbacher.

Bis in den Kurven jedoch die Gummimatten angebracht wurden, gingen Jahrzehnte ins Land: Zunächst einmal waren da natürlich die Kriegsjahre. 1942 wurde der Bunker gebaut, bis 1945 fanden Menschen hier Schutz. Mit Platz für knapp 5.000 Personen war es der größte Schutzraum der Stadt. Das lag daran, das nicht nur Anwohner hier Zuflucht fanden, sondern höchstwahrscheinlich auch viele Durchreisende, die sich zum Zeitpunkt eines Angriffes gerade im Bahnhof befanden. Darauf deutet der Standort hin, aber auch ein alter Plan aus der Zeit des U-Bahn-Baus nach dem Krieg, den Schwienbacher und seine Mitstreiter bei ihren Recherchen im Archiv gefunden haben. Dort ist zwischen Bunker und Bahnhof ein Tunnel verzeichnet, den Reisende vermutlich nutzten, um sich in Sicherheit zu bringen. Wo der Tunnel verlief ist allerdings unklar – im Plan wurde vermerkt: „genaue Lage unbekannt“.

Wer genau hinsieht, erkennt Spuren von Wänden und Sanitärräumen

Innerhalb des Bunkers schufen Trennwände Zellen von wenigen Quadratmetern. So gab es ein bisschen Privatsphäre. Löcher und Unebenheiten in den heute geweißten Wänden lassen hier und da noch erahnen, an welchen Stellen sich entsprechende Befestigungen befanden. Zugestopfte Rohre im Boden und in der Decke, die man beim einfachen Hingucken gar nicht bemerkt, deuten an, wo die sanitären Anlagen waren.

 

Hier befanden sich vermutlich Rohre für die Sanitäranlagen.

Und noch zwei Dingen sind übriggeblieben: Zum einen existiert noch ein Seilzug in einer abgesperrten Ecke, der im Bedarfsfall zum Transport von Materialien hätte genutzt werden können, zum anderen haben Reste eines aufgeklebten Plakates der NSDAP an einer Wand die Zeiten überdauert. Eine Glasscheibe schützt das verwitterte Stück Zeitgeschichte, damit es als Mahnmal erhalten bleibt. Außerdem gab es im Bunker zu Kriegszeiten 16 Schleusen. Überall wurden die Schutztore, die sie zu Schleusen machten, entfernt. Einige sind außerdem zugemauert.

Wer sich innerhalb des Gebäudes aufhält, das jetzt – wie von Riphahn geplant – ein Parkhaus ist, der sieht auch schnell, dass es mit der vermeintlichen Fensterfassade nicht weit her ist. “Nach dem Krieg wurde der Bunker entfestigt, damit er nicht mehr zu militärischen Zwecken genutzt werden konnte: Es wurden Lichtschächte hinein gesprengt”, berichtet Experte Schwienbacher. Von großzügigen Fenstern, wie man sie von außen wahrzunehmen glaubt, kann also keine Rede sein. Die Lichtschächte sind breite Spalten, die senkrecht über die gesamte Höhe des Bunkers verlaufen. Mit der Gestaltung der Außenfassade in den 1980er Jahren wurden Spiegelplatten davor gesetzt, die noch ein wenig Tageslicht durchlassen. Ohne die elektrische Beleuchtung wäre es im Inneren jedoch ziemlich düster.

 

Blick von innen auf das Spiegelglas, das von außen den Riphahn-Bunker in Köln ziert
Hier scheint nur durch die Ritzen Licht.

Lange wurde der Bunker als öffentliches Parkhaus genutzt. Mit den vielen Graffitis, die Sprayer im Laufe der Zeit hier hinterlassen haben, galt er als Ärgernis im Straßenbild. In Zeiten des Kalten Krieges könnte auch ein Materiallager vom Amt für Zivilschutz hier gewesen sein. Ob das so war, sei aber nicht hundertprozentig klar, erklärt uns Schwienbacher. „Das Amt für Zivilschutz gibt es in dieser Form nicht mehr. In seiner Nachfolge-Institution, dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, laufen derzeit zu dieser Frage Recherchen.“ Fest steht, dass Ende der 1980er Jahre die Raiffeisen Waren-Zentrale das Gebäude übernommen und modernisiert hat.

Die Fassade ist nur vorgesetzt. „Gleichzeitig wird das Denkmal erhalten“, so Schwienbacher. Der größte Teil steht den Mitarbeitern als Firmenparkhaus zur Verfügung. Im Keller ist außerdem ein Aktenlager der Raiffeisen-Genossenschaft untergebracht. Über das fünfte Stockwerk wurden zwei weitere gesetzt, die nicht Parkhaus sind. Seitlich ist ein Anbau, in dem sich Büros befinden. Passanten nehmen das alles als Einheit war.

Viele bewegende Berichte – nur nicht zu diesem Bunker

Was Schwienbacher und seine Mitstreiter zu diesem Bunker nicht ermitteln konnten, sind Zeitzeugen. Das mag deshalb so schwer gewesen sein, weil jene, die hier Schutz suchten, vielleicht nur für die Dauer eines Angriffs in der Domstadt weilten und dann wieder in den nächsten Zug stiegen. Zu vielen anderen Hochbunkern haben sie aber eindrucksvolle persönliche Schilderungen aufzeichnen können. „Wir haben mehr als wir für das aktuelle Projekt aufnehmen konnten”, sagt Schwienbacher. Er ist froh über jede einzelne der Dokumentationen: „Die Menschen, die das noch erzählen können, sterben ja aus.” Mal entstanden Kontakte über mehrere Ecken, mal zufällig – sogar auf dem Friedhof.

Das Ergebnis ist ein Potpourri aus zahlreichen biographischen Schnipseln zur Stadtgeschichte. So konnte ein 87-Jähriger die Entlausungsstation im Dombunker schildern, als wäre es gestern gewesen. Ein anderer beschrieb seine Zeit als „Pimpf“, wie in der Hitlerjugend die 10- bis 14-Jährigen genannt wurden. Die Pimpfe wurden gezwungen, judenfeindliche Lieder zu singen, während sie am Deportationslager in Müngersdorf vorbeimarschierten. „Da fühlten sich selbst die Kinder unwohl”, gibt Schwienbacher wieder. Der Blick einer alten Frau in dem Lager habe den Jungen, wie dieser heute als alter Mann berichtete, noch lange verfolgt. Wieder andere beschrieben, wie sie in den Trümmern spielten, zum Teil mit höchst gefährlichen Fundstücken wie etwa den hochentzündlichen Stabbrandbomben, deren Feuer nicht mit Wasser zu löschen war. Einer der Zeitzeugen erinnerte noch, dass ein Spielkamerad bei einer solchen Tour seinen Arm verlor und am Bauch schwer verletzt wurde.

Aufwändige Arbeiten – Verein hofft auf Spenden

„Mit Abstand zum Krieg“ haben die Vereinsmitglieder ihr digitales Filmabenteuer genannt, zudem sie Interessierte anlässlich des Tages des offenen Denkmals einladen. “Der Krieg ist heute so weit weg, so abstrakt, dass viele gar keinen Respekt mehr davor haben. Deswegen ist es so wichtig, Erinnerungen weiterzutragen“, erklärt Schwienbacher seine Motivation.

Mit viel Geld aus den eigenen, privaten Kassen haben er und seine Mitstreiter Technik gekauft, mit der sie ihr Filmprojekt umgesetzt haben. Bis zu 18 Stunden am Tag hat er selbst gearbeitet, um das Projekt pünktlich fertig zu haben. Die Stadtverwaltung unterstützte ideell und mit Genehmigungen die Arbeiten, finanzielle Förderung gab es jedoch nicht. Der Verein hofft deswegen auf Spenden, denn ganz aus eigenen Mitteln die aufwändige historische Aufarbeitung zu stemmen, sei schwer. „Vor der Pandemie kamen durch Führungen an verschiedenen geschichtlichen Schauplätzen Gelder zusammen, doch Führungen finden derzeit nur in begrenztem Umfang statt“, erklärt Schwienbacher.

Anträge stellen bei der Verwaltung, filmen, recherchieren in Archiven, Texte schreiben und sprechen, Bildsequenzen zusammenschneiden, Musik aussuchen: Alle Schritte, die für einen professionellen Film auch anfallen würden, sind sie gegangen. Stolz ist der Crifa-Vorsitzende unter anderem darauf, dass das Team im Riphahn-Bunker am Bahnhof den Zugang zum Tunnel gefunden hat, der zu den Gleisen führen muss. Der sei zugemauert, sagt er, doch der Klang beim Draufklopfen war so hohl, dass er keinen Zweifel habe. Geöffnet haben sie die Mauer aber nicht: “Wir forschen lieber immer erst mal.“

www.hochbunker.koeln

Fotos: Klaudius Dziuk
Text: Johanna Tüntsch

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