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Klassische Klänge auf Pegelniveau

05.02.2019 | Leben

Typisch kölsche Eigenwilligkeit: Während andere Städte für ihre Konzertsäle Prachtbauten errichten, die kaum groß und prächtig genug sein können, haben sie ihre Philharmonie in Köln unter die Erde gelegt.

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Es rumpelt und klappert. Ketten rasseln, Holz schlägt auf Holz. Wo es sonst so melodisch zugeht, wenn Männer und Frauen in Abendkleidung virtuos auf wertvollen Instrumenten Musik machen, sind jetzt handfestere Arbeiten gefragt: Aufräumen in der Philharmonie. Drei Männer in praktischer Kleidung sammeln ein, was auf der Bühne steht. Das Halbrund, auf dem der Flügel steht, füllt sich mit Stühlen, Notenständern, dem Podest des Dirigenten – und versinkt plötzlich langsam im Boden. Mitten in der Bühne entsteht ein klaffendes Loch, bis sich gemächlich das leere Modul wieder nach oben schiebt und das Parkett sich schließt. Weiter geht es mit den nächsten Utensilien, die das Orchester bei seiner vormittäglichen Probe zurückgelassen hat, bis nach und nach alles in den Tiefen der Philharmonie verstaut ist.

Dorthin, in die geheimsten Räume von Kölns unterirdischem Konzerthaus, darf niemand außer den Inspizienten, also dem Team, das hinter und unter der Bühne für reibungslose Abläufe sorgt. Zu dem, was sich hier verbirgt, gehört die komplizierte Technik, mit der sich die Module der Philharmonie-Bühne in unterschiedlicher Konfiguration zusammenbauen lassen. Auch mehrere Steinway-Konzertflügel warten, sorgsam eingehüllt in ihre Schutzdecken, in den Tiefen des Philharmonie-Kellers auf ihren jeweiligen Einsatz. „Je nach Konzert werden unterschiedliche Klangfarben gebraucht“, erklärt Arne Meinhardt vom Künstlerischen Betriebsbüro. Weil ein Pianist sein Instrument weniger gut mitnehmen kann als ein Geiger oder Flötist, ist es wichtig, dass das Konzerthaus möglichst alle Wünsche bedienen kann.

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Während Meinhardt spricht, hört man von oben ein schnarrendes Geräusch. „Sehen Sie: Das ist keine Einbildung. Man hört es wirklich“, sagt er – bezugnehmend auf das alte Streitthema Heinrich-Böll-Platz. Nach Fertigstellung der Philharmonie im Jahr 1986 hatte sich gezeigt, dass die Verlegung des Saales unter die Erde in einer Hinsicht nicht ganz so glücklich gelöst war. Man hört nämlich unten, was oben auf dem Pflaster passiert. Jeder Rollkoffer meldet lautstark, dass jemand auf dem Weg zum Bahnhof ist oder von dort kommt. „In den 80er Jahren trugen die meisten Menschen ihre Koffer noch. Der Rollkoffer war das Statussymbol des Flugkapitäns“, gibt Meinhardt zu bedenken. Seitdem sich das drastisch geändert hat, muss mit großem Aufwand dafür gesorgt werden, dass Musiker und Konzertbesucher hier unten Ruhe haben. Während jedes Konzerts und jeder Probe steht Personal an den Platzrändern und hindert Passanten daran, einfach im Windschatten des Museums Ludwig querfeldein zu laufen.

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Wie entstand eigentlich die Idee, ganze Sinfonie-Orchester und ihre Konzerte mit jeweils bis zu 2.200 Besuchern unter die Erde zu verbannen? Da kamen mehrere Interessen der Kölner Kulturwelt zusammen. Zunächst war da die Stiftung des Ehepaars Irene und Peter Ludwig. Die Sammlung der Schokoladenfabrikanten und Kunstsammler war ursprünglich im heutigen Museum für Angewandte Kunst untergebracht, sollte aber um zahlreiche Werke von Picasso erweitert werden, sofern man einen Platz dafür fände.

Große Konzerte fanden in der Nachkriegszeit im Gürzenich statt. Der war jedoch zu klein und hinsichtlich der Akustik nicht gut genug, um echte internationale Größen nach Köln zu locken. Die Architekten Peter Busmann und Godfrid Haberer legten schließlich einen Entwurf vor, der beide Probleme in einem Zug löste: ein zentrales Gebäude, das groß genug für das Museum Ludwig war, gleichzeitig den Blick auf den Dom frei ließ und tief in der Erde einen klanglich beeindruckenden Konzertsaal barg.

„Wenn der Rhein seinen normalen Pegel hat, ist die Bühne auf einer Höhe mit dem Wasser.“

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„Der Saal ist in eine Betonwanne gesetzt“, erläutert Meinhardt und ergänzt: „Wenn der Rhein seinen normalen Pegel hat, ist die Bühne auf einer Höhe mit dem Wasser.“ Dafür, dass es im Saal nicht stickig wird, sorgt ein Belüftungssystem, das mit dem Hauptbahnhof verbunden ist. Jeder Stuhl im Zuhörerbereich steht auf einem schwarzen Stahlstutzen mit Löchern, aus dem frische Luft in den Raum dringt. Das kann schon mal für Irritationen sorgen – etwa, als eine Nostalgie-Dampflok am Bahnhof hielt und es im Konzertsaal plötzlich nach Rauch gerochen hat.

Noch eine Besonderheit der Philharmonie: Künstler haben im Backstage-Bereich zwar kein Tageslicht, dafür aber kurze Wege. So braucht der Dirigent nur wenige Schritte bis zu seiner Umkleide zu gehen, in welcher ihn mit kubischen Möbeln der nüchterne Chic der 80er Jahre empfängt. Das wirkt wenig mondän, ist bei den Künstlern aber trotzdem beliebt. „Es gibt Häuser, in denen die Dirigentenumkleide zwei Stockwerke vom Saal entfernt liegt. Das ist hier komfortabler gelöst“, so Arne Meinhardt.

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Mehr Infos über die Philharmonie gibt es hier.

Fotos: Klaudius Dziuk
Text: Johanna Tüntsch

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