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„Köln ist für mich mehr Zuhause als Zuhause“

16.07.2019 | Menschen

Name:
Oliver Struch

Geboren:
6. Juni 1979 in Bad Schwalbach / Hessen

In Köln seit:
2007

Beruf:
Inhaber Wertheim

Lieblingsort:
Karl-Berbuer-Platz

„Meinen Lebensmittelpunkt möchte ich nicht mehr woanders haben.“

Als ich das erste Mal nach Köln kam, saß ich als Beifahrer bei meinem damaligen Chef im Auto und war leicht verkatert. Der Abend zuvor war lang und feuchtfröhlich. Wir waren schon früh aufgebrochen, um uns in Köln nach Büroräumen umzusehen. Die Firma, für die ich damals arbeitete, wollte hier eine neue Niederlassung einrichten. Ich hatte die ganze Fahrt über geschlafen. Plötzlich wusste ich irgendwie, dass wir da sind. Ich wurde schlagartig wach, als wir nach Köln reinfuhren und irgendwie habe ich mich gleich in diese Stadt verliebt. Ich wusste: Meinen Lebensmittelpunkt möchte ich nicht mehr woanders haben.

Zuvor war ich schon ein bisschen rumgekommen und hatte einiges ausprobiert. In Hessen bin ich geboren und aufgewachsen, bis ich ins Internat nach England geschickt wurde. Das war eine Militärschule – so richtig mit Drill. Danach bin ich in London hängengeblieben, habe Psychologie studiert und mich um schwierige Kinder gekümmert.

Und was kam dann? In Schelmengraben das ist ein Stadtteil von Wiesbaden, der als sozialer Brennpunkt gilt, habe ich als integrativer Erzieher im Kindergarten gearbeitet. Krasse Zeit. Ein schöner Beruf, aber das wollte ich nicht auf Dauer machen.

2002 habe ich mich dazu entschlossen nochmal zu studieren – und zwar: Marketing in San Francisco. Ich wollte Business-Man werden wie mein Vater. San Francisco ist wirklich die schönste Stadt, die ich je gesehen habe. Leider war damals George Bush Jr. Präsident, obwohl der ja mit dem heutigen Wissen irgendwie harmloser war. Aber das gesellschaftliche Klima in den USA war damals sehr anders als bei uns. Besonders im Job. Dort wurde man irgendwie immer wie ein Produkt angesehen – nicht als Mensch.

In Deutschland wird man ziviler behandelt. Deshalb legte ich einen Zwischenstopp in München ein und arbeitete für ein norwegisches Start Up. Glücklich wurde ich da aber auch nicht. Und schwups: da sind wir schon bei der besagten Autofahrt. Eben diese Firma führte mich erstmals nach Köln. Die Domstadt ist mein Zuhause geworden. Eigentlich noch mehr Zuhause als das Zuhause, aus dem ich komme.

„Hier gibt es noch richtige Spelunken.“

Toll an den Kölnern ist, dass sie ihre Stadt so lieben. Sie tragen es ständig vor sich her und wiederholen ohne Unterlass, wie schön die Stadt ist. Und sie ist es tatsächlich. Trotz der vielen Bausünden, Staus und der Klüngelei muss man diese Stadt einfach lieben. Das gilt offenbar nicht nur für gebürtige Kölner. Dieser Virus kann jeden befallen. Es ist wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung: Durch ständige Wiederholung, dass Köln toll sei, ist es das irgendwann wirklich. Ich weiß auch nicht, warum genau. Aber ich liebe Köln auf jeden Fall. Den Effzeh auch, obwohl ich meine Dauerkarte abgegeben habe. Ich war so sauer über den Abstieg. Jetzt ärgere ich mich. Liebe den FC natürlich nach wie vor. Verdammt.

Ich mag die Kneipenszene im Severinsviertel unheimlich gern. Hier gibt es noch die echten, ehrlichen Läden wie „Am Brunnen“, das ist eine richtig schöne nette Eck-Kneipe, die an dem wunderschönen Karl-Berbuer-Brunnen gelegen ist. Hier trifft sich alles: vom 80-jährigen Ur-Kölner bis zum Hipster, der sich aus dem Belgischen Viertel verlaufen hat. Hier lässt sich jeder auf einen gemütlichen Plausch ein. 

Dass ich mich hier so wohlfühle, liegt sicherlich auch an meinen jetzigen Job als Inhaber des Wertheim. Auf fünf Etagen vermieten wir komplett eingerichtete Arbeitsplätze für Teams und Einzelpersonen. Immer passend zum individuellen Bedarf: tageweise, wochenweise oder auch klassisch monatlich. Bei uns kann man arbeiten, aber auch relaxen und feiern. Wir bieten ein breites Spektrum an Netzwerk Treffen und  kulturellen Veranstaltungen.

Wie ich dazu kam? Ich hatte Glück. Ich wollte mit meinem Vater und meiner damaligen Freundin gemeinsam ein Hotel bauen. Wir suchten nach einer geeigneten Baulücke in Köln. Aber das war hoffnungslos. Wir fanden nichts. Bis wir fast zufällig am Hansaring 12 vorbei kamen und erfuhren, dass dort ein Haus zum Verkauf stand. Meine Eltern erwarben es zusammen – und trennten sich zwei Wochen später.

Meine Ex-Freundin Kathrin, die heute meine zuverlässige und treue Geschäftsführer-Kollegin ist, hat Innenarchitektur studiert und jahrelang große und teure Hotels geplant. Wir haben das Gebäude komplett von rechts auf links gedreht, saniert und aufgestockt. Das Haus, erbaut 1886, sollte seine Würde zurückbekommen. Das war unser Ziel. Und das haben wir auch hinbekommen, finde ich. Wie Ying und Yang: Katrin sehr strukturiert – ich mit einer ausgeprägten Vorstellungskraft. Sie ist als Innenarchitektin, die gerne Menschen bewirtet, für die Einrichtung zuständig – ich für die Kunst im Haus. Das hat sich gut ergänzt und wir verstehen uns immer noch super.

„Mehr Seele für das Haus“

Den Hotelbetrieb haben wir nach einer Versuchsphase eingestellt. Irgendwie war es nicht in unserem Sinne, dass die Leute manchmal nur für eine Nacht da waren. Wir wollten mehr Gemeinschaft und mehr Seele im Haus. So entstand das Wertheim, benannt nach dem Geburtsort meines Vaters. Ein Ort für Slow Working.

Dieser Begriff soll nicht wörtlich übersetzt werden. Also: Wir meinen nicht langsam im Sinne von faul, sondern von bewusst und voller Dankbarkeit. Dass man es genießen kann zu arbeiten – in einer schönen, liebevoll gestalteten Umgebung mit anderen Menschen, denen das ähnlich viel bedeutet. Dass man seine Arbeit liebt und einfach gerne tut. So wie Slow Food und eben nicht Fast Food, bei dem man minderwertige Essen in sich hineinschlingt und davon krank wird. Das Wort Arbeiten ist in Deutschland sehr negativ behaftet, obwohl hier im europäischen Vergleich verhältnismäßig wenig gearbeitet wird.  Oft hört man: Ich muss, ich muss, ich muss!

Wir wollen ein anderes Bewusstsein für Arbeit erschaffen und mit mehr Dankbarkeit und Achtsamkeit arbeiten. Eine wichtige Zutat zum Slow Working ist Entspannung. Ich praktiziere Transzendentale Meditation zweimal täglich. Gerne auch mal auf dem Dach vom Wertheim oder in meinem Lieblingsraum im Haus, den ich nach meiner Mutter benannt habe: Marlis-Martha Luise – kurz MaMaLu, die leider schon verstorben ist. Die Meditation gibt mir unglaublich viel Kraft und Energie. Ich freue mich jeden Tag darüber, hier arbeiten zu können. Und mein Wissen einzubringen, das auch durch meine früheren Fehler und Scheitern zustande gekommen ist. Auch dafür bin ich sehr, sehr dankbar.

Fotos: Costa Belibasakis
Text: Jana Mareen Züger

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