„In Köln fehlt ein Ort, an dem das philosophische Gespräch zu Hause ist.“

29.06.2020 | Menschen

Name:
Markus Melchers

Geboren:
1963

In Köln seit:
Noch nie, er lebt in Bonn.

Beruf:
Philosophischer Praktiker

Lieblingsort:
Flora, Prätorium, Kulturkirche Ost

Markus Melchers ist ein Philosoph, der zu den Menschen kommt

„Seit 1998 betreibe ich mein Angebot Sinn auf Rädern. Ich habe damals natürlich gehofft, dass das Konzept lange trägt, aber habe es nicht erwartet. Mein mobiler Ansatz von Philosophie sucht den größtmöglichen Abstand zum therapeutischen Ansatz. So kam es zum Angebot der Philosophischen Cafés, die ich bis heute mehr als 300-mal veranstaltet habe. Aber es ist eine sehr kleine Marktlücke, in der ich unterwegs bin. Es gibt vielleicht 150 philosophische Praktiker in Deutschland, und gerade mal eine Handvoll kann davon leben.“

„Viele Menschen wissen nicht mehr, wem sie glauben sollen.“

„Mit unserem Angebot erreichen wir sehr unterschiedliche Menschen. In der Hochphase der Corona-Einschränkungen riefen mich viele Menschen an, die nicht mehr wussten, wem sie glauben sollten: welchen Wissenschaftlern, welchen Politikern, welchen Journalisten. Ich habe versucht, ihnen zu vermitteln, dass ihre Verunsicherung ein gutes Zeichen ist, dass sie wach und kritisch bleiben sollten. Genau das tun Wissenschaftler ja auch: Sie richten ihre Bewertungen an Fakten aus. Fakten aber können sich ändern und deshalb auch die Bewertungen.“

Markus Melchers beantwortet eine philosophische Frage.

Er sagt, dass wir jetzt neue Ansätze und Konzepte brauchen

„Solche Gespräche können rasch sehr persönlich werden. Mehr Menschen als sonst suchen gerade nach neuen Lebensentwürfen. Viele sind einsam. Ihnen fehlt die Geselligkeit, das gemeinsame Nachdenken. Ich merke das daran, dass sich die Anfragen in jüngster Zeit häufen. Und daran, dass prominente Philosophen wie Richard David Precht, Markus Gabriel oder Jürgen Habermas in der Öffentlichkeit wieder präsenter sind. Sie werden gefragt, sie sollen einordnen, was gerade passiert.“

Er hilft bei der Suche nach Antworten

„Besonders beunruhigend empfinde auch ich die Ungewissheit, wie lange dieser Zustand andauert. Hört das jemals wieder auf? Wie lange müssen wir auf einen Impfstoff warten? Kommt er überhaupt? Was passiert mit uns, wenn die Krise Alltag wird?

Das sind existenzielle Fragen, denen wir unvermittelt gegenüberstehen. Dafür sind wir philosophischen Praktiker Experten. Unsere Aufgabe ist es, bei der Suche nach Antworten zu helfen.“

„Medizin oder Jura? Mich haben andere Fragen mehr interessiert.“

„Ich wusste schon als Teenager, dass ich Philosoph werden will. Was ist die Welt? Wie funktioniert Erkennen? Das waren spannende Fragen für mich. Ein Lehrer an meiner Schule versuchte mich zu überzeugen, dass ich erstmal Medizin oder Jura studieren sollte – und dann vielleicht noch Philosophie. Aber ich wollte nicht zuerst das Falsche machen, ich wollte gleich meiner Neigung folgen. Und das habe ich nie bereut.“

Besucher des Philosophischen Cafés in der Kulturkirche Ost in Köln

Er kommt mehrmals im Jahr in die Kulturkirche Ost in Köln

„In Köln veranstalte ich drei- bis viermal im Jahr das Philosophische Café in der Kulturkirche Ost. Hier bin ich ungeschützt: Ich kenne die Leute nicht, die kennen mich nicht. Das ist eine sehr offene Art des Denkens, ich habe kein Institut, keine bestimmte Lehre, der ich verpflichtet bin. Die Leute kriegen einfach Markus Melchers – so, wie er ist.

Im Philosophischen Café begegnen wir uns wie früher in den Salons. Das waren Räume, in denen man sich zum freien Gedankenaustausch traf und über zwei, drei Stunden mit anderen Menschen über ein Thema diskutierte. Wo gibt es so ein zweckungebundenes gemeinsames Nachdenken heute noch?“

Markus Melchers während eines Philosophischen Cafés in der Kulturkirche Ost in Köln

#zohus-Moment von Markus Melchers

„In Köln habe ich nie gelebt. Ich bin in Koblenz geboren, in Herzogenrath aufgewachsen und habe in Bonn studiert. Aber Köln überstrahlt alles. Egal wohin man als Rheinländer kommt, man wird immer als erstes auf den Kölner Karneval angesprochen.

Früher gab es hier das Café Central. Heute fehlt in Köln ein solcher Ort, an dem das philosophische Gespräch zu Hause ist. In Bonn gibt es immerhin das Kulturbistro Paule, in dem ich einmal im Monat ein philosophisches Café anbiete. Ist ja nicht so weit weg von Köln …“

Markus Melchers vor der Kulturkirche Ost in Köln

Text: Sebastian Züger
Fotos: Costa Belibasakis

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