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„Die Kölner sind heute nicht weniger politisch als früher“

17.12.2018 | Menschen

Name:
Manfred Post

Geboren:
1946

In Köln seit:
immer schon

Beruf:
Enthusiast für Rock- und Popkultur

Lieblingsort:
Im Hintergrund

Ich wollte immer die Welt verändern. Auch heute noch, mit meinen 72 Jahren. Deswegen zieh‘ ich mich auch nicht zurück. Ich bin immer noch aktiv in der Rock- und Popszene unserer Stadt. Ich wüsste auch keinen Grund, wieso ich mich mit meinen Kontakten und meinem Wissen nicht weiter einbringen sollte.

Hier bei Arsch huh zum Beispiel (hier gibt’s ausführliche Infos über den Verein). Ich war von Anfang an mit dabei, 1992, bei den allerersten Treffen im Stadtgarten, habe vor dem allerersten Konzert auf dem Chlodwigplatz mitgebibbert, ob jemand kommt. Und dann waren es 100.000 Menschen, die ein Statement gegen die Anschläge von Hoyerswerda und Rostock setzen wollten. Leute wie Willy Millowitsch, BAP, Jürgen Becker, Klaus Bednarz, die Bläck Fööss, Elke Heidenreich und die Höhner standen zusammen auf der Bühne.

Dabei hatten wir nur sechs Wochen, um alles vorzubereiten. Ein Riesenerfolg, der nicht zuletzt dem 2013 verstorbenen Karl-Heinz Pütz als Hauptorganisator und -initiator zu verdanken ist. Bis heute ist das das Prinzip von Arsch huh: Die Bekanntheit der Künstler zu nutzen, um möglichst viele Leute zu erreichen und Klartext zu reden.

„Selbst hab‘ ich nie Musik gemacht.“

Ich war damals schon Rockbeauftragter im Kulturamt der Stadt Köln. Von 1989 bis 2013 hab‘ ich den Job gemacht. In Berlin hatten sie in den 80er Jahren sowas schon, also wollten die Kölner das auch. Ein Glücksfall für mich. Ich konnte meine Leidenschaft für Musik und Kultur beruflich ausleben. Selbst hab‘ ich nie Musik gemacht, das will keiner. Ich bin bis heute mehr der Typ im Hintergrund, der Organisator.

Angefangen hab‘ ich ganz woanders: als Chemielaborant, Anfang der 60er Jahre. In der Schule lief’s damals nicht so gut. Nachdem ich zweimal sitzen geblieben war, musste ich runter – ohne Abschluss. Bei Bayer haben sie mich trotzdem genommen. Das war eine super Lehre, aber auch eine harte Schule. Morgens um 7.30 Uhr ging’s los, um 17 Uhr war Schluss. Eine Zeit lang hab“ ich danach abends bis 22 Uhr noch gelernt, um meine Mittlere Reife nachzumachen. Und morgens dann wieder um halb acht ins Labor …

Bei sowas gibt’s nur zwei Möglichkeiten: Du brichst ein, oder du hältst durch und stehst danach mit beiden Beinen fest im Leben. Das war bei mir zum Glück der Fall. Und dabei wurden meine Haare immer länger, ich trug Parka, wie das für uns damals üblich war, und hörte Piratensender von Schiffen, die vor der holländischen Grenze kreuzten. In den normalen Radiosendern lief ja keine neue Popmusik.

Manfred Post Köln koelnbeste GAG
Links im Bild: Manfred Post Anfang der 1960er Jahre.

 

In irgendeinem Sommer Mitte der 60er war ich zum ersten Mal in England. Eigentlich wollten wir Jungs Urlaub in Holland machen, Campen auf Terschelling. Dann waren wir aber wohl ein bisschen laut, der Betreiber warf uns raus und rief die Polizei. Ich verbrachte eine Nacht in der Zelle und hab‘ mich richtig schlecht gefühlt. Am nächsten Morgen durfte ich für 35 Gulden Bußgeld wieder gehen, aber wir mussten die Insel sofort verlassen.

Eigentlich waren wir nach der Aktion pleite. Aber wir hatten einfach keine Lust, nach Hause zu fahren, haben unsere letzten Kröten zusammengekratzt und sind rüber nach England. Dort waren wir unter anderem in Bournemouth und in Blackpool, haben die Hollies und die Walker Brothers spielen sehen.

Rock’n’Roll und Links- und Sozialist-Sein, das gehörte für uns jungen Leute damals zusammen. Ich hab mich unter anderem im Republikanischen Club engagiert, da haben wir zum Beispiel Flugblätter gedruckt für unser Ziel: einen sozialistischen Staat. Ich dachte damals, so in 10 bis 20 Jahren kriegen wir das hin.

Seit 1967 bin ich in der SPD. Ich war unter anderem Bildungssekretär bei den Falken, der sozialistischen Jugend, und ab Mitte der 80er Jahre bei der Initiative Kölner Jazz. So kam ich dann letztlich zum Amt des Kölner Rockbeauftragten. Inzwischen macht diesen Job mein Nachfolger Till Kniola, aber für mich gibt’s immer noch genug zu tun.

Mit dem Popkultur e.V. zum Beispiel betreiben wir in Kooperation mit dem Kulturamt den Bau von Proberäumen. Wir kümmern uns um alles, bringen Stadt und Investoren zusammen, besorgen Gutachten, beaufsichtigen den Bau und schließlich die Vermietung. Rund 100 Proberäume haben wir derzeit in Betrieb, in Dellbrück entstehen gerade 15 weitere.

„Ich sehe überhaupt nicht schwarz.“

Ich finde es extrem wichtig, dass Kulturpolitik nicht nur die städtischen Institutionen wie Oper, Theater und Gürzenich Orchester unterstützt, sondern auch die freie Szene. Denn letztlich erreicht man dort ein viel viel größeres Publikum. Jeder noch so kleine Schützenchor ist wichtig, weil er dazu beiträgt, die Struktur unserer demokratischen Gesellschaft zu erhalten und soziale Werte zu vermitteln.

Aber um das mal klar zustellen: Ich sehe überhaupt nicht schwarz. Die Kölner sind heutzutage nicht weniger politisch interessiert als früher. Das merke ich, wenn ich zum Beispiel an der Theke mit Leuten diskutiere. An vielen Stammtischen gab’s schon immer rechtes Gedankengut. Durch das Internet haben diese Leute jetzt einen Riesen-Lautsprecher in die Hand bekommen. Da muss man Kante zeigen. Wer auf der falschen Seite steht, muss das gesagt bekommen. Dafür ist es nötig, dass die Leute, die für Demokratie sind – und das sind bestimmt immer noch mindestens 80 Prozent der Menschen in diesem Land – den „Arsch huh“ kriegen, aufstehen und sich bemerkbar machen.

Manfred Post Köln koelnbeste GAG

 

Fotos: Patrick Essex, Manfred Post
Text: Sebastian Züger

Absolut hörenswert: 2016 hat Manfred Post der Reihe „Erlebte Geschichten“ auf WDR5 ein Interview gegeben.

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