„Ich habe vor nix Angst.“

09.10.2019 | Menschen

Name:
Klaus von Wrochem

Geboren:
1940

In Köln seit:
1970

Beruf:
(Straßen-)Musiker und Komponist

Lieblingsort:
Mein Garten an der Südbrücke

Nächstes Jahr werde ich 80 Jahre alt. Gerade hatte ich eine Augenoperation. Toll, wieder richtig sehen zu können. Toll ist auch, dass man da heutzutage immer noch was machen kann. Allerdings – dass die Menschen immer älter und immer mehr werden, das ist ja fast so schlimm wie die Klimakatastrophe. Aber ich habe den Glauben, dass wir alle gut auf dieser Erde leben könnten, wenn wir nur gut miteinander umgehen würden.

Klaus der Geiger Marius Peter kulturkirche ost Köln GAG

Die Mutter Erde war schon immer mein Thema, obwohl ich die meiste Zeit in der Großstadt gelebt habe. Vielleicht ja genau deswegen. Für Leute auf dem Land ist die Natur was ganz Normales. Hier in Köln muss man für gute Luft kämpfen, für jeden Baum, für eine gute Lebensqualität.

Ich hab’s ausprobiert, auf dem Land zu leben. Ich bin in Dipoldiswalde aufgewachsen, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Dresden. Zu Kommunen-Zeiten war ich in Hersbruck in Bayern und im Bergischen Land. Ich bin mit Frau und Kindern im Opel Kadett durch die Vereinigten Staaten gereist und später – im Bauwagen mit Traktor vorne dran – durch Deutschland. In die große Stadt ging’s damals nur zum Geldverdienen.

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Nach Köln kam ich schon als 12-jähriger. Meine chronisch klammen Eltern brachten meinen Bruder und mich Anfang der 1950er Jahre bei einer wohlhabenden Pflegemutter in Köln-Marienburg unter. Ich hatte zwar schon vorher Geigenunterricht, aber hier entdeckte ich das Instrument erst so richtig für mich. Später kam ich wieder, um bei Max Rostal Violine und bei Karlheinz Stockhausen Neue Musik zu studieren.

Seit rund 50 Jahren lebe ich jetzt in Köln. Hier habe ich geheiratet, hier sind meine fünf Kinder groß geworden. Ich bin ganz froh, dass es Köln geworden ist und nicht Berlin, wo ich noch Verwandtschaft habe. Köln ist in Ordnung, Berlin ist schwierig. Et hätt noch immer jot jejange – das ist die Grundhaltung in Köln. Das ist ganz angenehm, aber auch ein Problem: Politik spielt hier im Alltag meistens keine große Rolle.

Ängste machen das Leben langweilig.

Aber auch in Köln hat sich viel verändert in den letzten Jahrzehnten, wie überall. Auch hier ist alles ordentlicher geworden, alles ist überwacht, kein Platz mehr für Anarchie. Zu viele Menschen haben Angst vor der Zukunft. Das geht auf Kosten der Phantasie. Ängste machen das Leben langweilig.

Ich selber habe eigentlich vor nix Angst. Außer vor mir selber. Aber das ist normal. Und überhaupt lassen Ängste im Alter nach – durch mehr Erfahrung, mehr Gewöhnung, mehr Akzeptanz, weniger Ehrgeiz. Man muss sich nicht mehr ständig beweisen.

Auch vor dem Tod muss man keine Angst haben. Der ist für mich eine ganz natürliche und sinnvolle Einrichtung. Es gibt eigentlich gar kein Sterben, es gibt nur Veränderung. Mein Körper wird Futter fürs Leben. Das ist meine Vorstellung.

Bei der Seele wird’s komplizierter. Die Religionen erzählen uns vom ewigen Leben. Das hat man auch, aber nicht als Mensch. Wenn du ein Verhältnis zu Mutter Natur hast, geht für dich das Leben immer weiter, nur halt in anderer Form. Aber die Menschen wollen immer Menschen bleiben. Sie haben hier den Himmel auf Erden, aber begreifen es nicht.

Ich habe schon immer versucht, solche schwierigen und großen Themen in meinen Liedern zu verarbeiten. Auch auf der neuen Platte Imma dolla mit dem Gitarristen Marius Peter sind wieder welche drauf, zum Beispiel Fallobst über die Proteste im Hambacher Forst, das Geldlied, das Bauwagenlied oder die Bagger von Rheinbraun.

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Auf unserem ersten gemeinsamen Album Piadolla hatten wir ja ein paar Stücke von Astor Piazzolla dabei. Das war tolle Musik, um darüber zu improvisieren. Jetzt haben wir uns Niccolò Paganini vorgenommen, der macht es einem nicht ganz so einfach. Ich übe seine Stücke schon eine ganze Weile, weil das gut ist für die Körpertechnik. Paganini macht dich zu einem guten Geiger, seine Musik ist wie Training, wie eine Sportübung. Und dabei ist er trotzdem ein interessanter Komponist: lustig und laut und manchmal dramatisch wie in der Oper. Knallromantisch eben, 19. Jahrhundert, das merkt man an den Harmonien, die sind noch ganz tonal. Bei Piazzolla im 20. Jahrhundert sind dann noch ganz andere Einflüsse hinzugekommen, zum Beispiel aus Popmusik, Blues und Jazz.

Ich habe immer gern improvisiert, schon als Kind. Für meine Geigentechnik war das weniger gut. Und es ist auch nicht immer einfach fürs Publikum. Impro klingt nicht immer gleich gut. Das Suchen gehört auch dazu, das ist dann formlos, ohne Struktur, ohne Groove. Das klingt stellenweise – auf gut Deutsch gesagt – richtig scheiße. Aber ich bin sowieso nicht der Meinung, dass Musik immer nur schön klingen muss, das macht überhaupt keinen Sinn. Im Gegenteil: Das Schöne braucht das Hässliche, um daraus wachsen zu können.

Ich brauche Freiheit in meinem Leben.

Das gilt auch für Köln. Hier in der Südstadt gibt es schon auch ein paar schöne Ecken – den Tituspark zum Beispiel, oder den Volksgarten. Unser Schrebergarten an der Südbrücke war wunderschön, völlig verwildert. Was man da an Pflanzen gesehen hat – unglaublich! Ich war oft dort, um Musik zu schreiben. Aber außer mir und ab und zu ein paar Freunden ist da niemand rein gegangen, da musste man sich mit der Machete durchschlagen. Jetzt haben wir ein bisschen aufgeräumt, es gibt eine Wiese. Ist aber immer noch sehr schön.

Ich brauche diese Freiheit in meinem Leben. Ich war fast 45 Jahre lang Straßenmusiker und habe das total genossen. Aber man ist quasi vogelfrei, ohne jede Absicherung, ganz unten in der Gesellschaftsordnung. Man spielt den Leuten was vor – und die können einem was geben oder auch nicht. Reich wird dabei keiner, man kann kaum davon leben. Aber diese Freiheitsmomente – das kann sich keiner vorstellen, wie toll das ist. Heute hat sich das Ordnungsamt durchgesetzt. Es ist so langweilig geworden in den Einkaufsstraßen. Keine Kultur mehr, nur noch Kommerz. Genau wie im Karneval. Der alte kölsche Karneval ist schon lange weg. Das ist alles heute nicht mehr schön, nicht mehr lustig.

Aber das soll überhaupt nicht heißen, dass ich will, dass alles immer so bleiben muss, wie es ist. Ich lebe hier in Köln, hier sind meine Freunde, meine Familie, meine Kundschaft. Hier gibt es Dinge, die schlecht laufen, und Dinge, die toll sind. So ist das eben, wenn man wo zuhause ist. Und genau das ist Köln: meine Heimat.

Fotos: Thilo Schmülgen, Günter Zint, privat
Text: Sebastian Züger

Trailer zum Album „Imma dolla“ von Klaus der Geiger und Marius Peter

Das Cover-Artwork stammt von David Ritterbach.

Klaus von Wrochems nicht mehr ganz neue, aber immer noch lesenswerte Autobiographie „Klaus der Geiger – Deutschlands bekanntester Straßenmusiker erzählt“ im KiWi-Verlag erschienen

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