Kinderheim: Ruhe finden im Zuhause auf Zeit

10.12.2019 | Leben

Inhaltsverzeichnis

Kinderheim: Zuhause auf Zeit

„Wenn eine Familie auseinanderbricht, sind die Kinder die Leidtragenden“, sagt Monika Langnickel, die das Kinderheim der Evangelischen Jugendhilfe Anna-Stiftung im Kölner Stadtteil Vogelsang leitet. „Wir sind kein Ersatz für die Eltern und die Herkunftsfamilie, das wollen wir auch gar nicht sein.“ Stattdessen finden Kinder und Jugendliche bei der Anna-Stiftung ein Zuhause auf Zeit.

„Meine Klassenkameraden haben sich gewundert, als ich erzählt hab, dass ich im Heim lebe“, erzählt die zehnjährige Giovanna. „Sie haben sich das nicht besonders schön vorgestellt.“ Der Grund dafür sei ein veraltetes Bild im Kopf der Menschen, das viele von Kinderheimen haben. “Sie stellen sich große Schlafsäle vor und dass wir hier alle aus einen Topf essen“, erklärt Franziska Geurink, die hier im Heim als Erzieherin arbeitet. Doch der Alltag im Kinderheim ist ein ganz anderer.

“Heimkind ist kein schöner Stempel.” Franziska Geurink

 

Nach und nach trudeln die Schulkinder am Nachmittag in der Wohnung der Gruppe „Grün“ ein. Auf dem Tisch steht eine Kanne heißer Kakao, es gibt Kekse, die erste Kerze am Adventsgesteck flackert. Die Mädchen und Jungen sind zwischen zehn und zwölf Jahre alt und spielen das Kartenspiel „Skip-Bo“.
Nach und nach trudeln die Schulkinder am Nachmittag in der Wohnung der Gruppe „Grün“ ein. Auf dem Tisch steht eine Kanne heißer Kakao, es gibt Kekse, die erste Kerze am Adventsgesteck flackert. Die Mädchen und Jungen sind zwischen zehn und zwölf Jahre alt und spielen das Kartenspiel „Skip-Bo“.

Der wahre Alltag in einem Kinderheim

Jedes Kind bringt seine eigene Geschichte mit. Sie wurden von Jugendämtern aus ihren Familien genommen, weil die Eltern überfordert waren, ihre Kinder vernachlässigt oder misshandelt haben. „Manche lebten auch bei obdachlosen Eltern oder Suchtkranken“, sagt Monika Langnickel. Außerdem nimmt das Heim auch junge Geflüchtete auf, deren Eltern sie mit Verwandten mitgeschickt oder allein losgeschickt haben.

„Die Kinder kommen zu uns und sind wie schneebedeckte Landschaften“, sagt die Heimleiterin. „Nach und nach schmilzt der Schnee, und die Landschaften kommen zum Vorschein, mit allen Kratern, allen Eigenschaften und Versehrungen.“ Mit Hilfe von Therapien werden die Kinder und Jugendliche in ihren Persönlichkeiten gestärkt und stabilisiert. In den Gruppen sollen sie lernen, Konflikte zu lösen und sich an Regeln zu halten. Viele kennen keinen geregelten Alltag mit regelmäßigen Schulbesuch und einer Tagesstruktur.

 

Heimleiterin Monika Langnickel sieht das Kinderheim als Zuhause auf Zeit: „Die Kinder sind alle zum Schutz hier im Heim.“
Heimleiterin Monika Langnickel sieht das Kinderheim als Zuhause auf Zeit: „Die Kinder sind alle zum Schutz hier im Heim.“

Momentan leben 61 Kinder zwischen 6 und 20 Jahren im Haus der Anna-Stiftung in Köln-Vogelsang. Sie sind auf drei Etagen in Wohngruppen aufgeteilt. Jedes Kind hat ein eigenes Zimmer. In jeder Wohngruppe sorgen fünf Betreuer für die Bewohner.

Das Leben im Heim ist Befreiung

Aljona lebt seit einem Jahr im Heim. Im kommenden Jahr will sie ihr Abitur machen. „Ich bin freiwillig gegangen“, sagt sie über ihr altes Zuhause bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater. „Meine Mutter hat mich schon mit einem Gürtel geschlagen, als ich in der Grundschule war, es waren ihre Erziehungsmethoden.“ Aljona kam in eine Pflegefamilie, ging wieder zurück zur Mutter. „Eine Zeit lang war es dann besser“, sagt sie. Doch dann ging es wieder los mit den Schlägen. „Ich hab morgens das Haus verlassen, wenn noch alle schliefen, und bin erst spät zurückgekommen, um ihnen nicht über den Weg zu laufen“, erzählt Aljona.

Das Mädchen verbrachte viel Zeit in der Bibliothek, um im Warmen zu sein. „Ich hab viel gelesen, auch Fachbücher über Biologie und Mathe.“ Nach dem Abitur möchte sie Chemielaborantin werden. Aljona empfindet ihr Leben im Heim wie eine Befreiung, wie sie sagt. „Ich muss mir nicht ständig Sorgen machen, ob ich nach Hause kann oder nicht, hier habe ich einen Platz.“

Erwachsenwerden in der Verselbstständigungsgruppe

Hong lebt seit sieben Jahren im Kinderheim und ist inzwischen 18 Jahre alt. Mittlerweile ist er in der Verselbstständigungsgruppe, in der sieben Jugendliche wie in einer Wohngemeinschaft zusammenleben. Hong steht also kurz vor dem Schritt in ein eigenverantwortliches Leben. „Als Hong als Elfjähriger zu uns kam, war er sehr in sich gekehrt und traurig“, sagt Monika Langnickel. Heute ist er selbstbewusst und aufgeschlossen: Er ist Heimsprecher, kümmert sich also um die Sorgen und Probleme der anderen Kindern und hat gerade eine Ausbildung zum Koch in einem Kölner Hotel begonnen.

Hong ist zwar in Köln geboren, doch seine Mutter ist aus China geflüchtet. Deshalb hat er noch keinen unbefristeten Aufenthaltstitel, sondern nur eine Duldung. Er will die Ausbildung schaffen und hofft dann auf eine Festanstellung. Die Vorstellung, nach China ausgewiesen zu werden, ist für Hong mehr als schwierig. Er kann weder die Sprache richtig sprechen noch hat er dort Verwandte, die er kennt. Monika Langnickel sagt, sie würde notfalls den Klageweg mit ihm gehen, wenn es so weit kommen sollte. „Die Kinder sind alle zum Schutz hier im Heim“, sagt sie.

 

Besondere Wünsche und Talente werden gefördert, so gut es geht. Hong hat schon als Kind gern auf einem Klavier geklimpert, er bekam im Heim Unterricht und kann heute ziemlich gut spielen. Nur vor Publikum traut er sich das noch nicht.
Besondere Wünsche und Talente werden gefördert, so gut es geht. Hong hat schon als Kind gern auf einem Klavier geklimpert, er bekam im Heim Unterricht und kann heute ziemlich gut spielen. Nur vor Publikum traut er sich das noch nicht.

Geld- und Sachspenden werden immer benötigt

Um die Bindung zwischen Eltern und Kindern zu stärken, organisiert die Stiftung einwöchige Eltern-Kind-Freizeiten. Die Wohngruppen fahren jeden Sommer in den Urlaub, machen Rad- und Wandertouren. Finanziert werden die Freizeitangebote durch Spenden. Auch Musikunterricht wie Hong ihn bekommen hat oder Besuche im Kino können nicht vom dem Geld bezahlt werden, das die Stiftung aus öffentlichen Zuschüssen bezieht. Neben Geldspenden freut sich die Stiftung auch über Sachspenden. „Wir brauchen vor allem für die Älteren wie Hong, die kurz vor dem Auszug stehen, immer einen kompletten Hausrat, Töpfe, Geschirr, Möbel“, sagt Heimleiterin Langnickel.

Gemeinsam engagieren wir uns für unser #zohus!

Die GAG Immobilien AG versendet ihre Weihnachtsgrüße seit drei Jahren digital. Den durch den wegfallenden Versand gesparten Betrag spendet die GAG für einen guten Zweck. In diesem Jahr darf sich die Evangelische Jugendhilfe Anna-Stiftung über das Geld freuen.

Außerdem waren unsere Mitarbeiter 2019 als Weihnachts-Elfen im Einsatz: Mit den Wünschen der Kinder und Jugendlichen haben wir den Weihnachtsbaum in der Empfangshalle geschmückt. Jeder Mitarbeiter, der mitmachen wollte, durfte einen Wunsch erfüllen – und nach nur einem Tag hing keiner mehr am Baum. Wir wünschen Ihnen und den Kindern und Jugendlichen ein fröhliches Weihnachtsfest!

Autor: Maria Hauser
Fotos: Patrick Essex

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