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Willkommen in Babylonien #3: Jorinde und ihr Papa

30.03.2017 | Leben

Acht Wochen nach Livia haben der Mann und ich eine gewisse Routine mit dem Kind entwickelt und trauen uns zu, die Frühförderung des Nachwuchs in Angriff zu nehmen. Teil 1 unseres Ausflugs zum Babyschwimmen.

Das mit dem Riestern haben wir bisher noch nicht so richtig auf die Reihe bekommen, haben uns jetzt als Eltern jedoch einige Gedanken um unsere Zukunft gemacht und in langen nächtlichen Gesprächen einen ausgeklügelten Plan entwickelt: Wir investieren in unsere Tochter. Dank unserer Förderung ihrer multiplen Potenziale wird sie mal eine ganz GROSSE werden, eine erfolgreiche und vor allen Dingen SEHR DANKBARE Karrieristin, trotz ihres Einzelkind-Daseins mit hervorragenden sozialen Kompetenzen vor allem hinsichtlich der älteren Generation ausgestattet. Am lukrativsten erscheint uns eine Karriere als Tenniswunderkind. Da wird sie viel Asche machen und außerdem viel unterwegs sein. Vielleicht nimmt sie uns ja ab und zu mal mit.

Wir beiden Eltern sind, vorsichtig ausgedrückt, nicht soo sportlich. Wir müssen also das fehlende Genmaterial durch viel Training ersetzen. Nach ausgiebiger Recherche finde ich heraus, dass es keine Tenniskurse für zweimonatige Kinder gibt, ebenso wenig wie Zirkeltraining, das wir uns eigentlich für den Aufbau einer soliden Allgemeinkondition ausgedacht haben. Es bleibt also nur das Babyschwimmen in die Physiotherapie des St. Vinzenz-Krankenhauses, das unsinnigerweise nur einmal wöchentlich stattfindet. Wie soll das Kind denn so richtig gut werden?

Wer muss mit ins Schwimmbecken?

Schnell merken wir, dass Frühförderung weniger dem Kind, sondern weit mehr den Eltern große Opfer abverlangt. Schon vor der ersten Stunde streiten wir uns darüber, wer mit ins Becken muss. ICH scheide aus, weil ich acht Wochen nach der Körperkatastrophe unmöglich in weniger als mindestens zwölf Meter lange Stoffbahnen gehüllt in ein Schwimmbad gehen kann. Der Mann bringt vor, dass er Haare auf dem Rücken habe und fürchte, ich könne ihn nie wieder ernsthaft als Sexualpartner in Betracht ziehen, wenn ich ihn einmal beim Planschtraining gesehen habe. Wir einigen uns darauf, dass wir Warmwachsstreifen kaufen und uns im Becken abwechseln.

Nach der ersten Anprobe eines Bikinis aus der Zeit vor Livia bestelle ich online einen Schwung Tankinis in den Größen 38 und 40. Ein Tankini ist ein zweiteiliger Badeanzug wie ein Bikini, allerdings reicht das Top bis zum Höschen. Ich habe das letzte Mal im Alter von sechs Jahren einen Badeanzug getragen und bin psychisch einfach noch nicht so weit, meiner Bikinifigur für immer Lebewohl zu sagen, auch wenn die Realität mir das in knallhartem Gossenslang nahelegt.

Es ist Samstag. Bei dieser ersten Schwimmstunde machen wir uns ausnahmsweise alle gemeinsam auf den Weg. Während ich mich in der Gruppenumkleidekabine in meine Kutte werfe, zieht der Mann dem Kind eine Schwimmwindel an. Nebenan brabbelt ein Elternpaar brabbelt mit seiner sechs Monate alten Tochter in unverständigen Lauten und zieht dazu seltsame Gesichter.

Es gibt ein paar ungeschriebene Gesetze innerhalb der Elternspezies. Diese sind unveräußerlich und gelten für alle Eltern ungeachtet ihrer Herkunft, ihres sozialen Standes und des Umfangs ihres Aktienportfolios:

  1. Eltern sind immer total nett zueinander. Auch wenn man von völlig anderen Planeten kommt und sich mal so gar nix zu sagen hat. Smalltalk mit an Manie grenzender Freundlichkeit ist Pflicht.
  2. Eltern interessieren sich immer für die Brut anderer Eltern. Auch wenn dieses Interesse noch so geheuchelt ist .

Der Vater des anderen Mädchens winkt Livia, die ihrem Alter entsprechend apathisch rumliegt und grenzdebil in die Gegend schielt, enthusiastisch zu und lallt:

„Hallihallo! Hallihallo! Na, wen haben wir denn da? Naa? Was bist du denn?“

Da mein Kind aus Altersgründen noch nicht im Stande ist, diese tief philosophischen, an den Grundlagen der Anthroposophie kratzenden Fragen erfüllend zu beantworten, schweigt es. Ich tue es ihm nach und gebe mir Mühe, nicht allzu verwirrt zu dreinzuschauen. Ich hoffe, er erwartet keine Antwort. Wie sollte die auch lauten? Vielleicht so: „Guten Tag, sehr erfreut. Darf ich mich vorstellen? Mein Namen ist Livia Christine Scandale und ich wohne in Köln-Nippes.“

Während mein Kind, das nackt auf dem Wickeltisch liegt, und ich in existentialistischen Gedanken versinken, haut der fremde Vater die nächsten Fragen raus:

„Was bist du denn? Ein kleines Mädchen oder ein Junge?“

Der Vater ist ein Mittvierziger mit Hornbrille und etwas längeren Haaren als gemeinhin üblich, also ein für diesen Stadtteil typischer Vertreter der bildungsnahen gehobenen Mittelklasse. Wie hat er wohl sein Kind gemacht? Ich schweige irritiert und deute auf das, wie ich finde, eindeutige Geschlechtsmerkmal meiner Tochter. „Ach so“, sagt er.

Peinlich berührt werfe ich der Mutter seiner Tochter einen mitleidigen Blick zu. Plötzlich ist mir vollkommen egal, wie ich in meinem Tankini aussehe. Es gibt offenbar schlimmere Dinge als meinen Schwabbelbauch. Ich atme tief aus und lasse ihn nach unten plumpsen.

Der Mann gibt nicht auf: „Und wie heißt du denn?“ Meint der jetzt mich oder das Kind? Er schaut auf sie, aber er muss doch wissen, dass sie noch nicht sprechen kann. Ich vermute außerdem, dass sie nicht den leisesten Schimmer hat, wie sie heißt, auch wenn wir ihr es jeden Tag sagen. Er wiederholt die Frage tantrisch flüsternd mit hoher Stimme. Endlich gibt er auf. Er stellt die Stimme tiefer und schaut zu mir: „Wie heißt sie?“ – „Livia“, antworte ich wahrheitsgetreu.

Nach endlosen Sekunden des Schweigens, in denen die Raumtemperatur fast bis auf den Gefrierpunkt abfällt, ereilt mich eine Ahnung: Auch ich soll fragen, wie seine Tochter heißt. Also okay: „Wie heißt deine Tochter?“ Ich habe nichts gegen Regeln, wenn sie dem Gemeinwohl dienlich sind. Beide Eltern antworten im Chor: „Jorinde. Das ist Niederdeutsch für Gregoria.“

Ich denke an das Grimm’sche Märchen von Jorinde und Joringel und stelle mir vor, dass Livia mit Rotkäppchen, Rapunzel und Dornröschen in den Kindergarten geht. Irgendwie eine schöne Vorstellung. Gleichzeitig wird mir klar, wie einfallslos ich den Namen meines Kindes hingerotzt habe. Die Kleine tut mir leid und ich beschließe, mich für die nächste Unterhaltung dieser Art besser vorzubereiten: „Sie heißt Livia. Das ist ein altrömischer Name. Wie Claudia, aber das heißt Die Hinkende, das wollten wir ob des bösen Omens nicht, obwohl wir unser Kind natürlich in einen integrierenden Kindergarten schicken werden. Livia ist die weibliche Form von Livius. Wissenschaftler sind sich noch nicht einig darüber, ob es nun Die Bleiche heißt oder eine Ableitung des Worts für Olivenbaum ist. Wir denken darüber nach, zur Klärung dieses Sachverhalts eine Studie in Auftrag zu geben.“ Willkommen in Babylonien!

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Text Ilka Dischereit
Illustration Livia Scandale

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