„In Köln darf Fünfe auch mal grade sein“

03.05.2017 | Menschen

Name:
Joachim Thiele

Geboren:
1980 in Köln-Kalk

In Köln seit:
immer schon

Beruf:
Anwalt für Straf- und Verkehrsrecht und Dozent

Lieblingsort:
Dünnwalder Waldbad

Aufgewachsen bin ich in Köln, erst im Agnesviertel und später im Rechtsrheinischen. Ich hab nach dem Abi Jura hier an der Kölner Uni studiert. Die Studienplatzvergabestelle hatte für mich eigentlich Trier vorgesehen. Ich bin da auch hingefahren, ganz open-minded, aber das war irgendwie so ein grauer, trister Tag, mir hat das da alles nicht gefallen und für mich war klar: Hier will ich nicht hin. Ein halbes Jahr später hat‘s dann geklappt: Ich durfte in Köln studieren.

Etwa zur gleichen Zeit bin ich in die Freiwillige Feuerwehr in Köln eingetreten. Während der Ausbildung an der Feuerwehr- und Rettungsdienstschule in Köln hab ich dann buchstäblich Feuer gefangen. Man lernt so viele unterschiedliche Menschen kennen, bekommt Einblicke, die man sonst nie hätte, der technische Aspekt ist auch spannend und man macht auch einfach was Sinnvolles. Mittlerweile bin ich seit über 16 Jahren dabei. Da kommt man schon so auf rund 40 Einsätze im Jahr. Seit Anfang des Jahres trete ich allerdings beruflich bedingt ein bisschen kürzer. Aber die Jugendabteilung ist stark, da wächst genug Nachwuchs heran.

Die KVB ist auch gar nicht soo schlecht, wie alle sagen

Zurzeit wohne ich auch noch im Rechtsrheinischen, direkt am Waldrand. Das hat jede Menge Vorteile: Das ist noch ein echtes, in sich geschlossenes Veedel mit einem ganz dörflichen, ländlichen Charakter. Trotzdem ist man mit der KVB in 20 Minuten am Dom. Die KVB ist auch gar nicht soo schlecht, wie alle sagen. Dazu das Waldbad und der Wildpark in der Nähe. Und natürlich sind die Mieten günstiger. Trotzdem hätte ich schon nochmal Lust, in die Stadt rein zu ziehen, in die Südstadt, Klettenberg oder ins Agnesviertel, wo ich als kleiner Junge gewohnt habe. Köln hat auch in Zentrumsnähe viele Orte, an denen man gut und ruhig leben kann.

An Karneval ist das natürlich schwierig. Ich bin an Weiberfastnacht beim letzten Mal im Kwartier Latäng gelandet und war echt erschrocken. Da setzen sich die meisten auf der Zülpicher Straße ja nur ein lustiges Hütchen auf, um sich volllaufen zu lassen. Mit Karneval hat das nix zu tun.
In Deutschland kenne ich keine andere Stadt, in der ich dauerhaft leben möchte. Wenn ich überlege, wo ich noch leben wollen würde kommen mir aber sofort Palma de Mallorca oder Paris in den Sinn. Aber bisher hat mich nichts aus Köln vertrieben. Und ich hätte nichts dagegen, wenn das so bleibt.

Dieser Blick auf die Stadt mit dem Dom … Die Düsseldorfer haben sowas nicht

„Köln is’n Jeföhl“, sagen ja immer alle. Und das stimmt auch irgendwie. Aber was dieses Gefühl nun genau ausmacht, ist schwer zu beschreiben. Wenn ich zum Beispiel von Holland oder Belgien aus auf Köln zufahre und dann öffnet sich vor einem die Kölner Bucht – dieser Blick auf die Stadt mit dem Dom, aber auch mit ihrem Dreck und all ihrem Unsinn, der ist einfach unbezahlbar. Die Düsseldorfer haben sowas nicht. Ich weiß das, ich war mit einer Düsseldorferin liiert.

Man kann natürlich versuchen, dieses Jeföhl rational zu begründen. Da ist zum Beispiel die große Vielfalt. Köln hat die größte türkische Community außerhalb der Türkei. Sowas geht nur, wenn die Bewohner mitspielen, die kölsche Toleranz ist mehr als eine Behauptung. Ich glaube, 90 Prozent der Kölner oder vielleicht auch der Rheinländer insgesamt sind tatsächlich besonders offen und herzlich. Vielleicht, weil hier seit Jahrhunderten alles durchkommt – von West nach Ost und umgekehrt. Wenn mich einer fragt, was ich bin, sage ich: „Zuerst Europäer, dann Deutscher und dann Kölner.“ Köln ist wirklich mittendrin. Der Kölner richtet es sich ein mit den Umständen und macht sein eigenes Ding draus. Das ist auch eine Form von Toleranz. Manchmal vielleicht aber auch schon Ignoranz. Die Grenze ist fließend.

Das hat Vor- und Nachteile. Ich halte es aber grundsätzlich für was Gutes, dass in Köln Fünfe auch mal grade sein dürfen. Gerade auch im Job, z.B. in der Justiz. Es gibt hier ein sehr positives Miteinander zwischen Anwälten, Staatsanwälten und Richtern, das kenne ich so aus anderen Regionen nicht. Man spricht sogar von der „Kölschen StPO“, also einer pragmatischen Handhabung der Strafprozessordnung, die so es so nur in Köln gibt. Diese zeichnet sich durch eine gewisse Lockerheit, aber auch durch mehr Kommunikation zwischen den Parteien und einen gesunden Pragmatismus aus. Dies führt – davon bin ich überzeugt – zu weniger Förmelei und gerechten Ergebnissen. Recht und Gesetz sind ja schließlich kein Selbstzweck, es muss in erster Linie immer um die betroffenen Menschen und Gerechtigkeit gehen.

joachim thiele gag koelnbeste

Screenshots Christian Esquerre
Text
Sebastian Züger

 

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