„Ich würde mich nie zurücklehnen und denken: jetzt reicht’s“

02.01.2020 | Menschen | Ein Kommentar

Name:
Helmut Brügelmann

Geboren:
1952

In Köln seit:
immer schon

Beruf:
Diplom Betriebswirt

Lieblingsort:
Mein Dauerkartenplatz beim Effzeh

„Das Haus meiner Urgroßeltern lag in Rodenkirchen direkt am Rhein. Dort habe ich die ersten Jahre meiner Kindheit verbracht. 1963 zog ich mit meiner Familie in den Hahnwald. Ein Paradies für mich: viele Freunde, mit denen ich auf der Straße oder im Grünen spielen konnte. Mit 16 Jahren wurde ich auf ein Internat in Bayern geschickt. Zwischen Köln und dem Süden bin ich in der Folge immer wieder hin- und hergependelt. Nach der Schule ging das Pendeln weiter.

In unserem Familienunternehmen gab es die Regel, dass man sich seine Sporen erst einmal woanders verdienen musste. Das machte ich unter anderem in Reutlingen und Aschaffenburg. Bis mein Vater sagte: Du kannst zu uns kommen! Ich zog also mit meiner damaligen Frau nach Köln. Dort entstand in der Firma gerade ein neuer Bereich, den ich übernahm: Brügelmann Objekt Services. Bis heute beliefert die Firma Seniorenheime, Hotels, Gaststätten und Wäschereien mit Textilien. Leider fühlte sich meine Frau in Köln überhaupt nicht wohl. Wir zogen zurück nach Aschaffenburg. Unserer Ehe half das nicht, wir trennten uns zwei Jahre später.

Die strahlenden Gesichter bei unserem Weihnachtsfest sind mein größter Lohn.

Als ich 1993, frisch getrennt, zurück in meine Heimat kam, lernte ich die Ordensschwester Helene Siebert kennen. Sie kam damals zu uns in die Firma, um Pullover für Obdachlose zu kaufen. Sie erzählte mir von der Weihnachtsfeier, die sie seit 1963 für Obdachlose im Alten Wartesaal veranstaltete und lud mich ein: Zieh dir ’ne Jeans an und hilf mit! Das mache ich bis heute jedes Jahr an Heilig Abend, und es bereitet mir riesige Freude. Wenn sich die Leute glücklich verabschieden und frohe Weihnachten wünschen, dann geht mir das Herz auf. Soziales Engagement hilft also nicht nur anderen, sondern man profitiert auch selbst davon.

1998 starb mein Vater. Danach leitete ich die Firma gemeinsam mit meinem Onkel. 2012 entschieden wir, dass sich die Familie aus der Geschäftsführung zurückzieht. Da war ich 60 Jahre alt. Es war eine gute Entscheidung. Ich bin stolz, dass meine Tochter in meine Fußstapfen getreten und als Gesellschafterin in die Firma eingestiegen ist. Zwar bin ich immer noch fast täglich dort, aber nicht mehr im Tagesgeschäft. Ich schaue nur ein bisschen nach dem Rechten. So ganz lässt es mich eben nicht los.

Ich wollte meine Tage nicht in der Jogginghose vor dem Fernseher verbringen.

Als ich mich aus dem aktiven Geschäft zurückzog, habe ich mir gesagt: Das war’s jetzt aber noch nicht!  Ich brauchte eine sinnvolle Aufgabe und stieg deshalb richtig in das soziale Engagement ein. Neben dem Weihnachtsfest für Obdachlose im Alten Wartesaal habe ich mich für den Köln-Kalker Mittagstisch engagiert. Ich war für alles zuständig – außer fürs Kochen: Hausaufgabenhilfe, Organisation und Koordination für 120 bis 150 Kinder. Bis 2017 habe ich das gemacht, dann wurde der Verein leider aufgelöst.

Langweilig wird mir deshalb nicht. Ich bin glühender Effzeh-Fan mit Dauerkarte – und bald ziehe ich wieder um. Wenn ich richtig gezählt habe, bin ich 19 Mal umgezogen. Jetzt steht das 20. Mal bevor: mit meiner 3. Ehefrau. Egal, wo ich gerade lebe – Köln ist und bleibt meine Heimat. Richtig gerne bin und lebe ich im Belgischen Viertel. Hier gehe ich spazieren, walke durch den Stadtgarten oder quatsche mit Leuten auf dem Brüsseler Platz. Ich bin meistens der Älteste, daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Außer bei uns im Haus. Da wohnt auch Alfred Biolek, der hat noch ein paar Tage mehr auf dem Buckel als ich.

Die Arbeit hält mich fit und macht mir riesigen Spaß.

Ich hatte Glück im Leben und möchte jetzt gern etwas zurückgeben. Deshalb engagiere ich mich noch in drei weiteren Vereinen:

Die Roten Funken sind praktisch meine Familie. Zwischen mir und meiner jetzigen Frau hat es bei der Vereinsarbeit gefunkt. Jutta Schulte lernte ich 2015 kennen. Wir hatten sofort einen guten Draht zueinander.  Alle zwei Wochen verteilen wir freitags Lebensmittel und warme Suppe am Dom. Bei der Suppenküche und den Street Angels kümmere ich mich um die Finanzen, erledige Organisatorisches und Bürokratisches wie die Vereinsgründungen. Außerdem ist es meine Aufgabe, den Kontakt zur Stadt und zu den Spendern zu pflegen. Dank meiner Arbeit beim Förderverein kenne ich natürlich den einen oder anderen und kann auch mal unbürokratisch um Hilfe bitten.

Anfang 2019 habe ich den Kölner Ehrenamtspreis „KölnEngagiert 2019“ verliehen bekommen. Das macht mich ein bisschen stolz. Die Stadtverantwortlichen haben offenbar gemerkt: Da macht einer was. Diese Auszeichnung spornt mich noch mehr an. Ich würde mich nie zurücklehnen und denken: jetzt reicht’s.“

Fotos: Patrick Essex
Text: Jana Mareen Züger

Einen Kommentar für “„Ich würde mich nie zurücklehnen und denken: jetzt reicht’s“”

  1. Stefan Brass sagt:

    SEHR,SEHR EHRLICH UND INTERESSANT ZU LESEN. DAS IST UNSER HELMUT WIE ICH IHN WAHRNEME. FLEISSIG,EHRLICH UND STETS HILFSBEREIT UND WACHSAM!!!ER HAT IMMER EIN OFFENES HERZ UND OHR FÜR JEDEN, BEHÄLT DEN ÜBERBLICK,AUCH WENN ES STRESSIG WIRD. ZUM LACHEN MUSS ER NICHT IN DEN KOHLEKELLER GEGEN,GANZ BESTIMMT NICHT. 👍👍👍

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