„Herkunft spielt immer weniger eine Rolle“

28.01.2020 | Menschen

Name:
Hassan Fakhir

Geboren:
1978

In Köln seit:
immer schon

Beruf:
Streetworker

Lieblingsort:
Rheinstrand/Langel

In die soziale Arbeit bin ich so reingerutscht. Hauptsächlich über den Zivildienst, den ich damals im Jugendzentrum Northside geleistet habe. Aber wirklich verstanden, dass das mein Beruf sein wird, habe ich aber erst viel später.

Geboren wurde ich in Chorweiler. Meine marokkanisch-stämmigen Eltern lebten vorher in Nippes. Aus dem Haus mussten sie kurze Zeit später raus, weil der Energieversorger dort bauen wollte. In Chorweiler entstand im März 1977  ein neues Viertel und wir zogen dorthin: in eine nigelnagelneue Wohnung auf der Florenzer Straße. Die Häuser galten als sehr modern und waren anfangs sehr gefragt. Dort und später in Chorweiler-Nord habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht. Und daran habe ich so gute Erinnerungen, dass ich eigentlich nie weg wollte.

Bevor ich meine Berufung in der sozialen Arbeit fand, habe ich eine Ausbildung zum Chemikant gemacht und das Studium der Fahrzeugtechnik begonnen. Irgendwann hat es aber Klick gemacht und ich wusste plötzlich, dass die soziale Arbeit mein Ding ist. Mein Studium habe ich zwar noch beendet, doch gearbeitet habe ich in der Autobranche nie. Die Menschen in unserem Bezirk waren mein Arbeitsplatz – in wechselnden Projekten.

In der Zwischenzeit hat die GAG in Chorweiler viel bewegt: 1.200 Wohnungen übernommen, soziale Projekte angeleiert und Street- und Sozialarbeiter eingestellt. Einer davon ist Taner Erdener. Er arbeitete zunächst als Streetworker und wechselte 2017 als Sozialarbeiter ins Quartier. Ich rückte an seine Stelle. Seitdem bin ich gemeinsam mit Roman Friedrich, als Streetworker für Chorweiler-Zentrum zuständig.

“Ich bin einer von ihnen”

Diese Arbeit erfüllt mich sehr. Klar, werde ich dafür bezahlt, doch mehr als Geld bedeutet mir, dass ich Positives bei den Jugendlichen bewirken kann. Wenn ich nur einen rette, hat sich die ganze Arbeit auch schon gelohnt. Mir hilft natürlich, dass ich das Leben und die Menschen in Chorweiler sehr gut kenne. Ich bin einer von ihnen. Die Beziehungsarbeit ist immer sehr intensiv. Manchmal entwickelt sich sogar Freundschaft daraus.

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Ich investiere viel Zeit und Energie in meinen Beruf. Es ist ja so, dass ich mit Menschen arbeite, da muss man flexibel reagieren. Als Chemikant konnte ich die Maschinen übers Wochenende abstellen. Das funktioniert in meinem jetzigen Leben als Streetworker nicht. Mein privates Telefon klingelt oft genug auch nach der regulären Arbeitszeit, weil jemand dringend meinen Rat braucht. Da kann ich nicht immer einfach sagen: Ich geh‘ jetzt nicht dran.

“Geh zu Hassan, der kann dir helfen.”

Meine Arbeit kommt häufig zu mir. Die Jugendlichen wissen, dass ich sie verstehe, weil ich selbst von dort komme, wo sie herkommen. Deshalb ist es für mich einfacher, als für fremde Sozialarbeiter mit den Jungs und Mädels in Kontakt zu kommen. Meistens wird meine Nummer auch weitergegeben, wenn jemand ein Problem hat. Dann heißt es: Geh zu Hassan, der kann dir helfen.

Das kann ich zum Glück in den meisten Fällen auch. Ich gehe mit zu Ämtern oder helfe bei der Wohnungssuche. Natürlich auch bei Streit oder Problemen mit der Freundin. Neulich sagte mal jemand: Der Hassan kennt mich besser als meine Eltern. Sie wissen, dass ich für alles Ansprechpartner sein kann und meine Schweigepflicht ernst nehme.

Ich schätze den Umgang miteinander in Chorweiler sehr. Hier herrscht nicht dieser Egoismus. Loyalität wird großgeschrieben. Von außen sieht Chorweiler für manche vielleicht schrecklich aus, aber das ändert sich, wenn man mehr Einblick hat. Vielen Menschen geht es hier nicht so gut. Trotzdem helfen sie einander, wo es geht.

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In Köln fühlt man sich überhaupt schnell heimisch. Die Menschen hier sind sehr gastfreundlich. Ich bin häufig in Marokko und da ist es ähnlich. Solche Gastfreundschaft ist toll! Wer schon mal in Chorweiler gelebt hat, möchte immer wieder zurück. Oder eben erst gar nicht weg.

Ich habe mich auch in der Flüchtlingsarbeit engagiert. Wie die Menschen da mitangepackt haben, war beeindruckend. Wir haben für alle Neuankömmlinge ein großes Fest organisiert. Das war ein richtig schönes Erlebnis. Sogar die Menschen, die in Containern untergebracht waren und nun woanders in einer Wohnung leben, sehnen sich nach Chorweiler zurück. Weil die Menschen hier so warmherzig sind.

Ich erlebe hier auch, dass die Herkunft immer weniger eine Rolle spielt. Es ist eigentlich egal, ob man in Chorweiler türkische, russische, marokkanische oder deutsche Wurzeln hat. Durch die Mischung der Mentalitäten entwickelt sich inzwischen etwas ganz Eigenes. Die Jugendlichen haben gemeinsame Werte entwickelt. Dabei wurde von jeder Kultur ein bisschen was rausgepickt. Und sie alle eint ihr geliebter Stadtbezirk: Chorweiler.

Ich finde es immer ulkig, wenn wir Besuch aus einer anderen Stadt haben. Oft wundern sich die Gäste, was unser Bezirk alles zu bieten hat. Ihr habt es ja total ländlich hier, hören wir häufig. Stimmt! Hier kann man fast alles machen, was das Herz begehrt: Reiten, Fahrradfahren, Schwimmen. Ich gehe zum Beispiel super gerne an den Rheinstrand in Langel. Das ist zwar kein Geheimtipp mehr und im Sommer voll mit Leuten, aber das verteilt sich. Es ist einfach wunderschön dort zum Spazierengehen. Hier kann ich wunderbar nachdenken und mich vom Job entspannen. Ob ich den ein Leben lang machen werde, weiß ich nicht. Aber momentan kann ich mir nichts besseres vorstellen.

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Fotos: Patrick Essex
Text: Jana Mareen Züger

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