„Nichtstun ist langweilig“

26.10.2017 | Menschen

Name:
Gerda Seibt

Geboren:
1925 auf der Insel Fehmarn

In Köln seit:
1958

Beruf:
Hauswirtschafterin

Lieblingsort:
Schrebergarten in Longerich

Mein Mann kam als Soldat auf meine Heimatinsel Fehmarn. Wir lernten uns in einer Wirtschaft kennen, da war ich Köchin. Nach dem Krieg bekam er zuerst, 1950, eine Arbeit an der Mosel, und fünf Jahre später bei der Deutschen Bahn in Köln. 1958 sind wir dann mit der ganzen Familie nachgekommen.

Das war erstmal eine Umstellung. Vom Land in die Stadt und doch ins Dorf: nach Bilderstöckchen. Ich wohne immer noch in der gleichen Wohnung im 3. Stock. Vor zwei, drei Jahren wurde die Wohnung im Erdgeschoss frei und einige Freunde und die Familie meinten: „Zieh doch runter! Ist doch nicht so anstrengend, immer die vielen Treppen.“ Aber ich dachte, in meinem Alter ist das doch Quatsch. Lange hab’ ich da ja eh nichts von. Jetzt bin ich 92, also hätte es sich eigentlich doch gelohnt. Aber es weiß nun mal keiner, wie alt man wird. Und überhaupt: Das Treppensteigen hält mich fit. Vielleicht bin ich deshalb so alt geworden! Das Wohnen in der 3. Etage und unser Schrebergarten, die sind mein Lebenselixier. Seit fast 60 Jahren schon.

Wenn man gar nichts tut, ist das ja auch langweilig

Wenn meine Gesundheit es zulässt, arbeite ich jeden Tag mit meinem Sohn Rudi im Schrebergarten. Außer sonntags – da haben wir frei. Zuviel für mein Alter? Nö! Wenn man gar nichts tut, ist das ja auch langweilig. Es muss alles immer schön sein, denn jeder aus dem Verein kommt meinen Garten bestaunen. Viele sagen ich hätte den grünen Daumen. Das stimmt wohl auch. Mein Blumenbeet blüht von Frühling bis Herbst, und mit meinem Gemüse versorge ich die ganze Familie. Spargel, Kartoffeln, Kräuter, Kürbis, Bohnen und, und, und. Das baue ich alles an. Und das mit – wie gesagt – 92 Jahren.

Zwerg_1920_1080

Im Winter bin ich auch nicht faul: Dann kommen meine Zwerge dran. Zuerst einmal schleife ich sie alle gründlich ab: Die alte Farbe muss runter. Danach male ich sie, einen nach dem anderen, wieder schön an, damit sie im Sommer wieder adrett aussehen. Fünfzehn Gartenzwerge habe ich. Den mit der Quetschkommode, den mit der Laterne… Ach, in vielen, vielen Variationen. Allesamt habe ich sie von meinen Kindern und Enkeln zum Geburtstag geschenkt bekommen. Jedes Jahr einen. Fünfzehn Jahre lang. Dann habe ich gesagt: „Jetzt ist Schluss. Es reicht. Nun möchte ich mal was anderes geschenkt bekommen.“

Foto: Patrick Essex
Text & Zwergfoto: Jana Züger

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.