Frühlingskirmes Deutz: Zohus ist, wo der Wohnwagen steht.

23.04.2019 | Leben

Das Glück kannst du nicht suchen, es muss dich finden, sagt ein Sprichwort. Wer trotzdem ein bisschen nachhelfen will, hat immer um diese Jahreszeit in Köln Gelegenheit dazu. Dann ist Kirmes am Deutzer Rheinufer.

Jenny ist auf der Kirmes geboren. Hermann ist auf der Kirmes geboren. Und Michael auch. Einmal Schausteller, immer Schausteller.

„Ich gehöre zur sechsten Generation“, sagt die Kölnerin Jenny Weber. In ihrem Autoscooter House Party rumsen im Rhythmus der Charts-Musik die Wagen aneinander. „Ich habe nach der Schule ein Foto-Praktikum gemacht, um auch mal was anderes zu sehen“, erzählt sie. „Das war eigentlich auch echt super. Aber ich hab mich jeden Tag nur beeilt, damit ich möglichst schnell nach Hause kann. Dahin, wo der Wohnwagen steht.“ Die ältere ihrer beiden Töchter (17 und 21 Jahre alt) übernimmt in der kommenden Saison die Geschäftsführung von Weber’s Scheune, einem reisenden Biergarten.

Von nebenan, aus dem Inneren der Geisterstadt, dringen Todesschreie. „Wir machen das schon seit über 100 Jahren“, erzählt ungerührt Hermann Fellerhoff von der in Düsseldorf und Bedburg ansässigen Betreiber-Familie. „Ist ein harter Job, klar. Du bist viel unterwegs, aber mit Herzblut dabei.“ Und damit meint er nicht die Blutspritzer in den Gesichtern der Platzanweiser. Fellerhoff zeigt mit dem Daumen über die Schulter. „Mein Bruder ist drüben bei der anderen Geisterbahn. Und den Nachwuchs gibt’s auch schon. Der ist fünf Monate alt, liegt hinterm Kassenhäuschen und schläft.“ Sein Wiegenlied ist das Kreischen der Fahrgäste.

Auch für Michael Barth aus München ist das Geschrei seiner Gäste Musik in den Ohren. „Ich bin damit aufgewachsen und vor zwei Jahren voll in den Betrieb mit eingestiegen“, sagt er. Seine Familie tourt mit der Olympia-Looping, der größten mobilen Achterbahn der Welt, schon seit 1989 durch Europa. „Die Bahn haben wir selbst geplant und gebaut“, sagt er stolz. „Größer geht natürlich, aber nicht mobil.“ 1,25 Kilometer legen seine Besucher in gut 90 Sekunden zurück, werden dabei fünfmal kopfüber durch die Loopings geschossen.

Menschen, die auf weichen Knien seine Bahn verlassen, sind ein alltäglicher Anblick für Barth. Auf 50 LKW haben er und 14 Mitarbeiter 300 Tonnen Stahl nach Köln gekarrt und binnen zehn Tagen aufgebaut. Fünf bis zehnmal im Jahr – über München und Wien bis nach London – machen die Gleise das mit, dann brauchen sie eine Neulackierung. Sie müssen gut geölt sein und einladend bunt blitzen und blinken, damit der Laden läuft wie geschmiert.

 

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Willi Krameyer, Vorstand der Kölner Schausteller.

Auch Willi Krameyer hat einen Laden zusammenzuhalten. Seinen eigenen Grillwürstchen-Stand („Ich bin der einzige Chef, der hier auch arbeitet“) und die Gemeinschaft Kölner Schausteller, die die Osterkirmes in Deutz verantwortet. Er blinzelt gegen die Sonne hinauf zu den fünf spektakulären Loopings der Achterbahn. „Die nimmt ganz schön viel Platz weg“, sagt der GKS-Vorstand. Deshalb war diesmal nur für rund 90 Schausteller Platz, insgesamt etwas weniger als im Vorjahr. „Aber das ist natürlich was ganz Besonderes. Die Bahn war zuletzt vor 20 Jahren da und wird wohl auch so schnell nicht wieder kommen.“ Ob sich ihre Präsenz in diesem Jahr in den Besucherzahlen niederschlagen wird? „Das wissen wir noch nicht genau, aber wir glauben schon.“

„Das Ding ist 30 Jahre alt, aber richtig geil.“

Der erste Eindruck gibt ihm Recht. Um 14 Uhr öffnet die Osterkirmes an diesem Karsamstag 2019 erstmals ihre Pforten. Der Sonnenschein könnte strahlender nicht sein. Schnell füllen sich die Wege zwischen den Ständen mit buntem Volk. „Ich bin mit ein paar Nachbarn hier – vor allem wegen der Achterbahn“, sagt Tobias Weinland, mit seinem Nasenring und den vielen Tattoos ein Blickfang. „Das Ding ist 30 Jahre alt, aber richtig geil. Irgendwie sind die alten Achterbahnen schneller als die modernen. Ich weiß auch nicht, warum das so ist.“

Für Linda Sahin ist die Deutzer Kirmes ein Anlass, aus Koblenz anzureisen und ihre Freundin Diana Ritz in Köln zu besuchen. „Wir bleiben, bis es dunkel ist“, sagt sie. „Wir wollen das Feuerwerk sehen.“ Johann Schuster freut sich einfach, mit seinem Sohn über das Rheinufer zu schlendern, das an diesem Tag so anders aussieht als sonst. „Machst du ein Foto von uns?“ fragt er. Bitte sehr!

Unweit des Europa-Riesenrads sitzt Volkan Yücel im kleinsten Stand des Volksfests. Zur Begrüßung sagt er nicht „Hallo“, sondern „Wie heißt du denn?“ Er schreibt Namen und, wenn’s sein muss, ganze Gedichte auf winzige Reiskörner. Dieses zum Beispiel:

„Hinter einem Eisengitter
liegt ein Herz, das weint ganz bitter.
Heb‘ es auf, vergiss es nicht!
Denn es heißt: Ich liebe dich!“

GlüXreis ist also dafür da, aus winzigster Fläche die größtmöglichen Gefühle rauszuholen. „Hab‘ ich mir selbst ausgedacht“, sagt der Duisburger, der Wirtschaftsrecht studiert und auch sonst viel ausprobiert hat im Leben. „Damit bin ich seit 20 Jahren unterwegs: auf Stadtfesten, Märkten – überall, wo die Menschen nett sind.“

„Die Riesenbären gehen heute weg wie irre.“

Es lohnt sich also manchmal durchaus, genau hinzuschauen. Dann findet man am Tombola-Stand zwischen rund 2500 Kamelen, Flamingos und Teddys auch Jürgen Stromberg. „Die Riesenbären gehen heute weg wie irre.“ Dabei liegen die gar nicht im Trend. „Vergangenes Jahr waren Einhörner ganz vorn, jetzt sind es Alpakas. Und Elefanten, wegen dem Kinofilm.“ Er zupft die riesigen Ohren eines Plüsch-Dumbos zurecht. „Ist der nicht niedlich?“ fragt er eine junge Frau und drückt ihr das Tier in die Hand. Sie gibt ihrem Freund einen Kuss. Er hat die Lose gekauft.

Ein anderes Plüschtier hatte doppelt Glück. Erst wurde es gewonnen, dann verschenkt. „Das Einhorn haben wir gerade am Eingang in die Hand gedrückt bekommen“, staunt Torsten Röll. „Voll nett. Dann muss ich meiner Tochter gar keins schießen.“

Das Frühlings-Volksfest am Deutzer Rheinufer dauert 2019 vom 20. April bis zum 5. Mai. Alle Infos auf der Website der Stadt Köln.

Fotos: Patrick Essex
Text: Sebastian Züger, T. A. Hauser

 

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Maja mag eigentlich gar keine Zuckerwatte, aber süße Fotos.

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