Diese Webseite benutzt Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und sein Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr Informationen hier!.

OK

Bei Köln krieg ich Herz-Bum-Bum

20.10.2016 | Menschen

Name:
Elisabeth Psujka

Geboren:
1937 im Kreis Kattowitz (Polen)

In Köln seit:
1986

Beruf:
Rentnerin

Lieblingsort:
Ihr Nähladen in Köln-Dellbrück

Anfang der 80er Jahre ist mein Sohn aus Polen nach Deutschland geflohen. Das war ein harter Schlag für mich. 25 Jahre haben wir uns immer gesehen, und dann war er plötzlich nicht mehr da. Vier Jahre später ist mein Mann gestorben. Da habe ich meinen Koffer gepackt und meinen Sohn in Köln besucht. Und dann bin ich einfach dageblieben. Ich sage immer, das war meine Lebensverlängerung. Denn kurz danach flog in Tschernobyl der Reaktor in die Luft. Kattowitz ist nicht so weit weg davon.

Zuerst kam ich nach Unna-Massen ins Aufnahmelager. Ich habe angefangen, dort Köchin zu lernen. Es ging mir gut da, ich wollte gar nicht unbedingt nach Köln. Aber dann kam mein Enkelkind Jenny und mein Sohn brauchte jemanden, der auf sie aufpasst. Also habe ich mich um sie gekümmert.

Die Menschen hier in Köln waren von Anfang an nett zu mir. Es hat mir geholfen, dass ich schon ganz gut Deutsch konnte. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war ich auf einer deutschen Schule gewesen. Aber mein Deutsch war ein bisschen eingerostet. Um es aufzufrischen, bin ich in einen Sprachkurs gegangen. Da habe ich viele Leute kennengelernt, mit denen ich mich angefreundet habe.

„Deutschland ist anders als Polen“

Seit 30 Jahren wohne ich in Buchheim. Das ist schon irgendwie mein Zuhause. Aber es ist in Deutschland anders als in Polen: Dort, wo ich herkomme, sind alle Nachbarn automatisch Freunde. Hier schließt jeder lieber seine Tür zu und bleibt für sich. Zum Glück habe ich eine gute Freundin, die auch aus Polen ist. Mit der bin ich viel verreist. Jetzt geht das leider nicht mehr.

elisabeth_psujka

Ich bin schon lange in Rente, aber ich will nicht aufhören zu arbeiten. Ich arbeite, seit ich 14 Jahre alt bin. Zuhause werd ich verrückt! Deshalb hab ich immer noch meinen Nähladen in Dellbrück. Jeden Tag fahre ich mit der KVB von Buchheim dorthin. Hier kommen die Leute zu mir, man unterhält sich, erfährt ein bisschen was. Ich brauche das.

Schon als junges Mädchen habe ich angefangen, Kleider zu schneidern. Ich war ziemlich erfolgreich. Ich war die Designerin im Kreis Kattowitz, ich hatte soooo viele Kunden! Heute lassen sich nicht mehr so viele Leute ihre Kleider von Hand schneidern. Aber es gibt trotzdem genug zu tun für mich.

Meine Enkelin ist inzwischen eine erwachsene Frau. Sie besucht mich ziemlich oft. Dann gibt’s Kaffee und selbstgebackenen Kuchen. Wer weiß – vielleicht helfe ich ja bald noch mit, ihr Kind großzuziehen?

„Kölsch verstehe ich bis heute nicht“

Ich denke schon manchmal an Kattowitz, aber Heimweh nach Polen habe ich nicht. Ich war ab und zu mal am Meer dort. Ich hoffe, das klappt nochmal. Ich liebe es herumzubummeln. Das mache ich auch in Köln gerne. Ich mag eigentlich alles an Köln. Nur Kölsch verstehe ich bis heute nicht.

Am Wochenende fahre ich manchmal mit der Bahn ins Zentrum und genieße die Stadt. Ich trinke einen Kaffee und gehe in den Dom. Wenn ich den sehe, macht mein Herz wirklich Bum-Bum. Was waren das für unglaubliche Architekten, die den gebaut haben! Da muss jeder Millimeter genau passen, damit der nicht umfällt!

Sonntags gehe ich in den Gottesdienst. Ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Ich danke Gott, dass ich mit meinen 81 Jahren noch so gesund bin. Ich hab’s ein bisschen mit dem Herzen und etwas allergischen Husten vom Nähen, aber sonst geht’s mir sehr gut. Danke der Nachfrage!

Fotos Christian Esquerre, Patrick Essex
Text Sebastian Züger

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.