„Durst“ – haben die Menschen immer

23.10.2019 | Kneipen

In dieser Rubrik stellen wir einmal im Monat eine Kölner Kneipe vor. Der Durst im Eigelstein wirkt auf den ersten Blick wie eine dunkle Spelunke für noch dunklere Gestalten. Aber das ist alles nur Fassade. Denn ein Kölsch später weiß man: Diese Theke ist wie ein Lagerfeuer, um das sich Menschen versammeln, denen nach guten Geschichten durstet. Und in manchen davon ist der Tresen plötzlich weg. Was ist passiert?


Adresse:
Weidengasse 87, 50668 Köln
Tel.: 0221/136366

Öffnungszeiten:
ab 20 Uhr

Kölsch:
Gaffel vom Fass, 1,60 EUR

Besonderheit:
Silvester geschlossen

 

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„Durst“ haben die Menschen immer.

„Ich bin ein armer Mensch“, klagte einst der Meister Eder. „Warum?“ fragte sein Kobold, der Pumuckl. Der Eder schluckte matt und antwortete: „Weil ich immer so ein‘ Durscht hab‘!“ Wäre er nur in Köln und nicht in München zuhause, dem Manne wäre leicht zu helfen. In der Weidengasse unweit des Eigelsteintors laben sich trockene Kehlen an einer Tränke, die sich ihren Namen seit mehr als einem Vierteljahrhundert redlich verdient: „Durst“, nur echt mit dem grammatikalisch korrekten Artikel: „Der“.

Samstagabend. Hinter der Theke: Jochen. Vor der Theke: der Käpt’n. Stammgast seit Anbeginn,Teilzeit-Zappes, „bayerischer Portugiese“, Kölner seit 40 Jahren. Beruf: „Ich war mal Künstler.“ Heute ist er Fan von anderen Künstlern, von Michael Nowottny zum Beispiel. „Eine dolle Geschichte“, sagt der Käpt’n, und erzählt sie auch, denn dafür sind Kneipen schließlich da. Vor 20 Jahren habe der Nowottny einfach ein großformatiges Bild aufs Fensterrollo gemalt, hier im „Durst“. Der Titel, „Die 7 Todsünden“, hätte passender nicht sein können. Ein paar Jahre später habe irgendjemand – der Täter sei bis heute nicht ermittelt worden – das Rollo abmontiert. Seither galt es als verschollen. Bis Anfang 2018 irgendjemand anderes auf die Idee kam, im Keller des „Durst“ nach dem Rechten zu sehen und dabei auf das verschwundene Kunstwerk stieß. „Wahnsinn, oder?“ Das Gemälde bekam einen Ehrenplatz, hinter Plexiglas vor Schmierfinken geschützt, und die „Durst“-Bewohner feierten ein rauschendes Fest.

 

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Der Käpt’n und „Die 7 Todsünden“.

Tresenmann Jochen lächelt milde und stellt dem Käpt’n für die schöne Geschichte ein Kölsch (Gaffel, 0,2l/1,60 €) hin. Die Story kennt er natürlich. Seit sechs, sieben Jahren schmeißt er den Laden, immer mittwochs, manchmal samstags. Früher hatte er ums Eck einen Plattenladen. Heute legt er mit dem Laptop auf, obwohl sein Arbeitsplatz im „Durst“ durchaus geeignete Vinyl-Abspielgeräte vorhält. „Ich werde von den Puristen hier manchmal angefeindet, dass ich so in der Gegenwart lebe.“ Macht ihm aber nix.

Was ihm was macht, sind Idioten, Prolls und Junggesellenabschiede. „Manche Leute haben so eine Art, da kommst du als Thekenkraft gar nicht drin vor“, sagt Jochen. Für Besucher, die sich nicht benehmen können, gibt es im „Durst“ eine einfache Regel: „Raus!“ Ein Gesetz von eherner Gültigkeit. Auch Stammgäste genießen keine Sonderrechte.

Im Schummerlicht gedeiht die Phantasie

Jochen muss mal kurz verschwinden. Das Fass mit dem Grevensteiner (0,3l/2,80 €) ist alle. Im Luftzug baumeln vier Halogen-Lämpchen überm Tresen. Mal leuchtet die eine, mal eine andere, alle vier zugleich so gut wie nie. „Irgendwas mit dem Dimmer“, vermutet Jochen. Doch das Gefunzel genügt, um Gäste und Getränke eindeutig voneinander unterschieden zu können. Mehr braucht es nicht.

Im Schummerlicht gedeiht die Phantasie. Die von Jochens Kollege Jürgen zum Beispiel, Autor und Schauspieler von Beruf und im „Durst“ der Montagswirt, was ihm eine besondere Aufgabe hat zuwachsen lassen: Einmal wöchentlich hat er das Zitat auf der Kreidetafel durch ein neues zu ersetzen. „Die Autoproduktion muss weg. Sie muss anderen Verkehrsphilosophien Platz machen“ steht da gerade, gesagt vom jüngst verstorbenen Designer Luigi Colani.

Jürgen hat in seinem reichen Leben selbst Zitier-Würdiges hervorgebracht. „Der Tag als unser Tresen verschwand“, heißt ein aus „Durst“-Sicht geradezu dystopisches Werk aus seiner Feder, von dem es eine Hörbuchversion gibt, die er auf Nachfrage über die durchaus manifeste Theke schiebt. Die „Drei Gesänge aus der freien Republik Rheinland“, so der Untertitel, hat er mit Guido eingelesen, bekannt als Nachfolger des Peter Lustig im „Löwenzahn“. Auch Kinderstars haben ein Privatleben, und Guido ist nicht die einzige Quasi-Lichtgestalt, die gern Zeit in den diskreten Schatten des „Durst“ verbringt. Wer die anderen sind? „Welche anderen?“ flunkert Jürgen und zwinkert lustig. Er weiß von nichts. Und das ist auch gut so. Denn egal, ob trinkfester TV-Darsteller, weltgewandter Philosoph, türkisch-stämmiger Teetrinker oder kölsch-kurdischer Kebap-Verkäufer – im „Durst“ sind alle gleich.

Außer Ecki vielleicht. Der Gleichste unter Gleichen, selten da, aber immer anwesend. Denn ohne ihn kein „Durst“. Ecki ist der Visionär, der schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert erkannte, dass auch in einem Veedel voller „Luden in Trainingsanzügen und ihren Perlen“ (Jochen) Menschen manchmal einfach nur Schmacht auf ein Kölsch haben. 1993 eröffnete er den „Durst“, zwei Jahre später war er urplötzlich verschwunden. Ein paar Tage später meldete er sich telefonisch bei Jürgen: aus Irland.

Dort lebt Ecki bis heute und schaut nur ab und zu vorbei. Seinen Kumpels hat er seine Schöpfung handstreichartig vermacht. Sie haben sich seinem Erbe als würdig erwiesen – bis heute und zum jüngsten Tag.

 

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Der Proffi, der Chef-Chef vom „Durst“.

Chef im „Durst“ ist immer der, der gerade Dienst hat. Einer aber muss den Chef-Chef machen, denn eine Kneipe ist mehr als nur Bier zapfen. „Da steckt ein ziemlich hoher Verwaltungsaufwand dahinter“, sagt eben dieser Chef-Chef, den alle „Proffi“ nennen; vermutlich, weil er einer ist. „Ohne guten Steuerberater kannst Du’s vergessen.“ Er selbst, Jahrgang 1963, ist studierter Sozialwissenschaftler. Die Objekte seiner Forschung muss er nicht suchen, sie kommen von selbst – spätestens, wenn die Kehle brennt. „Bei uns kannst du dich an die Theke stellen, egal welche Hautfarbe du hast, wie alt du bist und was du machst“, sagt er. „Ich bin allen gegenüber offen.“

Eine Haltung, die sich als krisenfest erwiesen hat. „Wir haben seit 1993 kaum was verändert, und wir werden auch nicht viel verändern“, sagt der Proffi. „Manchmal sind ganz viel junge Leute da, und ich hab‘ keine Ahnung, warum. Zuletzt kannte ich gerade mal ein Fünftel der Gäste. Aber das ist ein gutes Zeichen.“ Denn ein Wirt, der alle seine Trinker kennt, kann seinen Laden bald dicht machen.

Was ist das Erfolgsgeheimnis des „Durst“? Proffi weiß es nicht. „Vielleicht, dass bei uns die Leute so sein können, wie sie sind.“ Und eines, soviel ist gewiss, werden sie auch in hundert Jahren noch sein: durstig.

Fotos: Patrick Essex
Text: Sebastian Züger

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Bisher in unserer Serie über Kölsche Kneipen:

Das Weimarer Stübchen in Köln-Höhenberg
Das Haus Zeyen in Köln-Deutz
Das Flora 6 in Köln-Nippes
Das Refugium in Köln-Zollstock
Die Braustelle in Köln-Ehrenfeld
Neppes Fünkchen’s Kultur in Köln-Nippes
Das Thiebolds Eck in Köln-Innenstadt

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