Willkommen in Babylonien #2: Die Nummer mit den Körperteilen

30.03.2017 | Leben | Ein Kommentar

Das Projekt Milchpatenschaft war gescheitert, bevor es begonnen hatte. Meine letzte Hoffnung auf einen nachschwangerschaftlichen 5-Sterne-Body: Rückbildung.

Ich redete mir ein, meine Gebärmutter sei an allem schuld. Sie war es schließlich, die während der Schwangerschaft von Birnen- auf Medizinballgröße angewachsen war. Nachdem man den Inhalt rausgeschnitten hatte, labberte das Ding wie eine bekiffte Qualle in meinem sowieso schon viel zu großen Bauchraum herum. Meinen übrigen Organen erging es kaum besser. Seit Ende der Tragezeit irrten sie auf der Suche nach der alten Heimat in meinem Mutterleib umehr. Besonders leid tat mir meine Leber. Wegen der Zwangsabstinenz war sie total abgemagert.

Ich meldete mich zur Rückbildungsgymnastik an. Weil ich einen Kaiserschnitt hatte, durfte ich allerdings erst später hin als konventionell gebärende Mütter. Diese Tatsache war für mich im Vorfeld ein Argument gegen die herkömmliche Entbindung gewesen: Man darf sich länger vor dem Sport drücken.

Pünktlich zur zwölften Woche n. L. (nach Livias Geburt) saß ich mit drei Mütterkolleginnen auf einer Isomatte im Kursraum des Cranach-Gesundheitszentrums. Zwischen uns strampelten pupsende Babys. Seltsamerweise trug niemand außer mir Sportklamotten. Dabei hatte ich mir extra für diesen Anlass bei Tschibo welche gekauft. Die hatten Yoga-Woche und tolle zartrosa Trainingshosen und hellgrüne Wickeloberteile, die hervorragend zu einer frischgebackenen, glücklichen und ausgeschlafenen Mutter passen. Außerdem besaß ich 26 Schlafshirts, aber nur eine Sporthose.

Ein trainierter Beckenboden nützt beim Kamasutra

Kursleiterin Ulrike, gelernte Hebamme, erklärte mir vor Beginn des Unterrichts, wie ich meinen Beckenboden aktiviere und trainiere. Eigentlich war das bei mir nicht soo nötig, weil das Kind die Muskeln beim Rausschneiden nicht belastet hatte. Allerdings hatte es in der Schwangerschaft drauf gelegen. Und außerdem hatte ich mir sagen lassen, dass dieses Ding für das Nachturnen bestimmter Stellungen des Kamasutra nützlich sei, und falls ich jemals wieder ein Sexualleben haben sollte …

Ich musste mich mit den Händen unterm Po auf die Matte setzen und die Muskeln um meine Sitzhöcker anspannen. So trainiert man wohl den oberen BB. Dann sagte Ulrike, dass ich meinen Unterleib immer so anspannen solle, als wollte ich einen Pipistrahl unterbrechen. Das kann ich, weil es mir bei öffentlichen Toiletten immer so peinlich ist, wenn ich so lange pinkeln muss, dass die Nebentüren währenddessen mehrfach auf- und zugehen. Ich halte den Pinkelstrahl dann immer an und tu so, als ob ich drei verschiedene Besucher bin.

Dann verlangte Ulrike, ich solle meine Scheide nach oben einziehen. Ich wurde ein wenig rot und versuchte ein dem Anlass angemessenes Gesicht zu machen: gekräuselte Stirn und spitzer Mund, dazu Luft anhalten. Ich hoffte, es würde niemandem auffallen, dass ich nur fakte. Mein Gott, was hatten die anderen Frauen bei der Geburt nur mitmachen müssen, wenn sie anschließend zu so etwas fähig waren!

Die eigentliche Kursstunde begann mit ein paar harmlosen, entspannenden Schulterkreisen- und Dehnübungen. Danach suchten wir – auf den Matten liegend – unseren Beckenboden. Oder sagen wir es mal so: ICH suchte ihn. Ich spannte einfach alle inneren unteren Muskeln an, die ich finden konnte, und hoffte, dass der BB dabei war. Bei mir war da ja ALLES sehr untrainiert, insofern würden die Übungen auf jeden Fall zu irgendwas gut sein.

Ich stellte mir eine Kamera in der Decke vor und kam mir blöd vor. Um irgendeinen Nachweis zu erbringen, dass ich Sport trieb, machte ich mein „Scheide-Hochzieh-Gesicht“ und in rhythmischen Abständen leise vor mich hin. Außer mir machte das niemand.

„Zieht eure Acht zusammen!“

Jedes Mal, wenn Ulrike „Scheide“ sagte, musste ich giggeln. Das passiert mir auch, wenn ich das Wort „Penis“ höre, aber das kam im Cranach-Gesundheitszentrum nie vor. Wenn man den imaginären Pipistrahl wegkneifen sollte, hieß das bei Ulrike: „Zieht eure Acht zusammen!“

Ich beschloss, die Rückbildungsgymnastik für ein Nickerchen zu nutzen. Fiel hier keinem auf. Und falls doch, dann würde ich einfach behaupten, dass ich mit geschlossenen Augen nachgedacht hatte. Tat ich ja auch. Zum Beispiel darüber, weshalb der Beckenboden „Acht“ genannt wird. Ich stellte mir das wie bei den „Körperwelten“-Exponaten vor. Wenn die auf Reisen gehen, werden die bestimmt in großen Teilen auseinandergenommen und am nächsten Ort wieder zusammengebaut. Wie bei Ikea liegt jedem Exponat eine Aufbauanleitung bei. Jeder Spender durfte zu Lebzeiten testamentarisch festlegen, in welcher Reihenfolge seine Körperteile nummeriert werden. Ich würde meinem Mund eine 1 verpassen, weil ich damit ununterbrochen reden und genießen darf. Augen und Ohren bekämen eine 2 und eine 3, danach wären Arme und Beine an der Reihe.

Ich weiß, es gibt so Sex-Angeber, die ihren Genitalien eine 2 oder 1 geben würden, aber ich möchte kein sexgeiler Torso sein. Obwohl – einstellige Zahlen hätte die untere Etage bei mir schon auch. Bis auf den Beckenboden. Ich war schließlich bis zu meiner Mutterschaft herrlich ohne ausgekommen. Willkommen in Babylonien!

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Text Ilka Dischereit
Illustration Livia Scandale

Einen Kommentar für “Willkommen in Babylonien #2: Die Nummer mit den Körperteilen”

  1. Rigipsdübel sagt:

    Das ist ja mal ein informativer, sorgfältig mit Liebe zum Detail geschriebener Artikel. Vielen Dank! 🙂

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