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Das Refugium: Schocken fürs Leben

17.01.2019 | Kneipen Leben

In dieser Rubrik stellen wir einmal im Monat eine Kölner Kneipe vor. Das Refugium ist ein echter Wohlfühlort für viele Zollstocker. Das gilt auch und ganz besonders für die beiden Betreiber.

 

Adresse:
Herthastraße 1, 50969 Köln
Tel.: 0221/9362820

Öffnungszeiten:
Mo-So 15.30-1 Uhr

Kölsch:
Zunft vom Fass, 1,50 EUR

Besonderheit:
Ein Heim für Spieler

 

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Das „Refugium“ in Köln-Zollstock

„In der ersten Zeit konnten wir nirgendwo anders in Zollstock ein Bier trinken. Überall saß wer, den wir rausgeschmissen hatten.“ Uli Schönfeld schüttelt den Kopf, als könne er es selbst kaum glauben, wie schwer es sein Refugium, das er gemeinsam mit Karl Scholten führt, in den Anfangstagen hatte.

Zollstock in den 1990er Jahren hauchte gerade den Geist eines klassischen Arbeitsviertels aus. Das bunte Völkchen aus Studenten, Künstlern, Migranten und weltoffenen Alteingesessenen, das heute den Ortsteil prägt, war noch nicht da, das Zepter schwang der klassische „Kölsche Kraat“. Isso! „Wir hatten es nicht leicht, der Karl und ich, mit unseren langen Haaren“, erinnert sich Uli. „Die kamen hier rein und wollten uns ‚erstmal einnorden‘. Am Anfang haben wir mehr Leute rausgeschmissen als reingelassen.“

 

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Uli Schönfeld, einer von zwei Wirten im „Refugium“

1997 eröffneten Uli und Karl ihr „Refugium“ in dem schönen Altbau am Eingang der Herthastraße, der schon seit Anfang des Jahrhunderts als Arbeiterkneipe gedient und in dieser Funktion zwei Weltkriege unbeschadet überstanden hatte. Über das Musikangebot – viel Blues, etwas Jazz und gut abgehangener Rock -, vor allem aber über ihre Beharrlichkeit, sich nicht entmutigen zu lassen, fanden die beiden Wirte schließlich ihr Publikum. „Wir waren beständig“, sagt Uli. „Wir haben unverdrossen jeden Tag der Woche bis 1 Uhr nach geöffnet, auch wenn kein Mensch da war.“

Und so ist das auch heute noch, nur dass die Momente, in denen einer der Wirte Dienst schiebt ohne was zu tun zu haben, der Vergangenheit angehören. Um 15.30 Uhr öffnet entweder Uli oder Karl die Tür. Dann finden sich meist die etwas älteren Semester ein, mitunter solche, die den frühabendlichen Kneipengang früher noch auf dem Heimweg von der Arbeit pflegten.

 

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Karl Scholten, einer von zwei Wirten im „Refugium“

„Etwa zwischen 20 und 21 Uhr tauscht sich das Publikum dann weitgehend aus“, hat Karl beobachtet. Abiturienten, Studenten, Absolventen und Berufseinstiger, Kreativschaffende und klassisch Berufstätige – heute ist zum Beispiel der Polizisten-Stammtisch zu Besuch – machen das „Refugium“ zu ihrem Wohnzimmer.

Das „Refugium“ gilt als Hochburg der „Schocker“. Große Jungs wie Uwe „tripple one magic“ Malowski knallen mit Wonne einen der ehrbar abgewetzten Lederbecher auf die Tischplatte. Wer drei Einsen würfelt, hat den „Schock“ und die Runde gewonnen. „Das ist nicht nur Glück, das hat auch was mit Taktik zu tun“, erklärt Uwe. „Demnächst ist Stadtmeisterschaft. Da bin ich natürlich dabei.“

Die Schocker und Zocker, die sich auch am Dartbrett zum Schach oder eine Partie Billard im Nebenraum verabreden, sind das Rückgrat des „Refugium“. Uli weiß das: „Wir haben nicht das Problem, dass uns die Gäste wegsterben. Im Gegenteil: Viele junge Leute entdecken diese Kultur gerade wieder. Und wir passen da wohl gut rein: Wir sind keine anonyme Bistro-Kette, wir sind aber auch anders als die klassische Eckkneipe.“

 

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Ein gepflegte Runde Billard mit René (l.) und Tom.

René, der nur ein paar Häuser weiter wohnt, ist mit seinen kurzen weißen Haaren zwar augenscheinlich nicht mehr der Jüngste, aber noch relativ unsicher im Umgang mit Queue und Kugeln. „Ich hab erst vor ein paar Monaten damit angefangen“, sagt er. „Deshalb liegt von mir auch noch soviel.“ Sein Gegner Tom putzt ihn freundlich von der Platte und erzählt dabei von seinem früheren Leben als professioneller Fotograf. Er tippt auf ein Bild an der Wand: „Hier, das ist von mir. Das ist Ronnie O‘Sullivan, der beste Snooker-Spieler der Welt.“

Mit seiner Mischung aus gut Gezapftem (Zunft-Kölsch, Erzquell-Pils, Schneider Weisse, Guiness und Kilkenny vom Fass), rund 20 Sorten Whiskey, einfacher Küche („Bei uns muss niemand woanders hingehen, nur weil er Hunger hat“) und dem verspielten Flair, das sich in der über die Jahre gewachsenen Deko aus Bierdeckeln, Fundstücken und Postkarten aus aller Welt ausdrückt, ist Ulis und Karls „Refugium“ in Zollstock ein echtes Unikum – und damit konkurrenzlos.

„Wir leben hier.“

Mit „Rückzugsort“ könnte man den Kneipennamen übersetzen, und das ist es auch. Hier ist die Heimat seiner beiden Wirte, und das spürt man. „Wir verbringen unsere Zeit hier“, sagt Uli, „wir leben hier.“ Seit einigen Jahren wohnen sie auch hier, jeder in einer der beiden Wohnungen über den Kneipenräumen. „Das ist unser soziales Umfeld hier.“

Dazu gehört auch, dass das „Refugium“ weitgehend Karnevals-frei Zone ist. Uli aus dem Westerwald und Karl vom Niederrhein haben keine jecken Gene mitbekommen. „Wir haben dann schon geöffnet, aber es ist halt wie immer.“ Vermutlich genau deshalb kommen trotzdem auch zu Fastelovend Narren in den Laden. „Aber eher zum Runterkommen, auf einen Absacker.“

Weil sich die beiden Wirte die Arbeit gerecht aufteilen und einige Helfer mit anpacken, sind auch die nötigen Ruhetage drin. Einmal im Jahr, das ist der Brauch, ziehen die beiden gemeinsam um die Häuser und ziehen Bilanz. „Für uns ist es gut ausgegangen“, sagt Uli. „Sogar ziemlich gut.“ Die alte Weisheit, sie stimmt eben: Wer sich treu bleibt, bleibt länger.

Fotos: Patrick Essex, Thilo Schmülgen
Text: Sebastian Züger

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