Willkommen in Babylonien #4: Das Hutzelweibchen

09.05.2017 | Leben | 3 Kommentare

In Teil 2 unseres Ausflugs zum Babyschwimmen lernen wir die, naja, etwas extravagante Schwimmlehrerin kennen.

Zu Teil 1 bitte hier entlang

Die Tür geht auf. Eine Frau mit der Silhouette einer Stecknadel mit riesiger Wollmütze auf dem Kopf betritt den Raum, der zu seinem subtropischen Klima zurückgekehrt ist, und ruft aufgedreht:

„Hallllooo! Seid ihr der Babyschwimmkuuuuurrrssss? Sorry, ich bin zu spät, ich komm noch von einem Kurs in Weyertal, und dann hatte ich soo einen Hunger und musste noch was essen. Ihr könnt schon mal ins Beckkääääään.“

Mein Mann erstarrt zur Eissäule und wird blass, jedenfalls soweit ein Italiener blass werden kann. Er raunt mir zu „Oh Gott. Ich kenn die!“ und guckt, als habe ihm unsere wenige Monate alte Tochter gerade ihren ersten Freund vorgestellt. Ich klettere mit Livia in das klitzekleine Becken. Der Märchenpapi hüpft mit seinem Schneeweißchen hinterher. Ich beschließe, dass das Babyschwimmen ab sofort doch ausschließlich eine Sache zwischen Vater und Tochter sein wird. Ich leiste hier gerne meinen Beitrag zu einer gesunden Papa-Kind-Beziehung. Immerhin mag Livia die lauwarme Pippibrühe und strampelt fröhlich. Ich nehme mir fest vor, kein Wasser zu schlucken.

Das Hutzelweibchen kommt aus der Umkleidekabine. Ich bin geschockt. Als Kind war ich mit meinen Eltern im Urlaub oft am Gardasee. Dort gab es eine Klinik für Magersüchtige. Offenbar ist eine Insassin ausgebüxt und nach Deutschland geflüchtet. Wer schickt denn eine Schwerst-Anorexiekranke zu frischgebackenen Müttern und Vätern ins Becken? Tolle Idee!

Das Strichmännchen hüpft auf mich zu. „Halllooooooo! Ich bin die Ramonaaaa. Und wer bist duuuuuu?“ Meint sie mich oder das sprachlose Mädchen? Ramona hat im kleinen Gesicht einen riesigen Mund, in dem ein Schneidezahn fehlt. Schnell sage ich: „Das ist Livia“ und deute auf das Kind. Eigentlich will ich sagen: „SIE WAR’S! SIE WILL SCHWIMMEN. Ich hab damit nix zu tun!“ Hilflos blicke ich zum Beckenrand, aber der Mann sitzt zusammengesunken auf der Zuschauerbank und rührt sich nicht.

Das Hutzelweiblein reißt den defekten Bagger auf und klärt mich auf: „Mir fehlt ein Schneidezahn. Hab ich beim Leichtathletikturnier verloren. Das Provisorium fällt immer raus, wenn ich esse, und deswegen lass ich es jetzt draußen. Letzte Stunde mussten die Eltern und ich den Zahn aus einem Snickers ziehen, das schon im Mülleimer lag. Haaaaaaaahaaaaaaa! Witzig, ne?“

„Niemand taucht meine Tochter unter!“

So eine elende Lügnerin! Als ob die Schokoladenriegel essen würde! Da wir ihr aber hilfos ausgeliefert sind, beschließe ich zu schweigen. In der Absicht, die Situation irgendwie zu retten, tauche ich das Kind kurz unter. Ramona ruft: „Nein! Tauchen machen wir später!“ Da fährt Leben in meinem Mann am Beckenrand. Er brüllt: „Niemand taucht meine Tochter unter! Sowas machen wir in meiner Heimat mit einem unerwünschten Katzenwurf! Dafür bezahl ich kein Geld!“ Ramona kreischt begeistert: „Woher kommst du denn? Kennen wir uns nicht irgendwo her?“ Der Mann stellt sich sofort wieder tot, aber das nützt nun nichts mehr. Ramona sirent hysterisch: „Lass mich raten: Dein Kind heißt Livia! Du bist ein Römer! Du bist ein Römer! Ich hab Latein auf Lehramt studiert! Ich verstehe diese Kultur! Ich liiiiebe diese Kultur! Wir müssen zusammen essen gehen. Nein, noch besser: wir kochen zusammen!“

Ich suche die Decke nach der verstecken Kamera ab. Aschenputtels Vater stellt zum ersten Mal eine zum Anlass passende Frage: „Können wir mal anfangen?“ Ramona schnappt sich was vom Beckenrand. Es ist eine schwarze Babypuppe, die meine Mutter liebevoll als „Neger-Susi“ bezeichnen würde. „Das ist Lisa, mein Baby!“ Mich überkommt Panik. Ich drücke das Kind an mich. Wir stellen uns in einen Kreis. Ramona fängt an zu singen: „Heeerrrschaaueeen! Hallo! Heeeerschauen! Hallo! Heeerrrschauen! Haaalllooo! Wir fangen an zu planschen!“ Sie legt die Hand suchend an die Stirn, winkt mit der anderen und reißt ihre Augen auf. „Du musst mitsingen!“ Ich bin paralysiert. „Du musst mitsingen!“ Sie schwenkt Black-Lisa hin und her. „Mitsingen!“ Ich schwenke das Kind ebenfalls hin und her und bewege lautlos die Lippen. Ich schäme mich wie noch nie in meinem ganzen Leben. Dabei gab es Anlässe genug!

Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp

Als nächstes müssen wir alle mit den Kindern im Kreis hüpfen und „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen lauf Galopp“ playbacken. Beim Vorbeihüpfen erblicke ich Livias Vater, der mich mit offenem Mund anstarrt. Ich werfe alle Hoffnung über Bord, dass er je wieder mit mir sexualverpartnert sein möchte.

Nach weiteren zehn oder zwanzig Liedern flüchte ich aus dem Wasser in die Umkleidekabine und zische dem Mann im Vorbeigehen zu: „RAUUUUUUUUSSSSS!“ Ich ziehe mir einen anständigen Kittel an, während der Mann das Kind versorgt, das munter brabbelnd auf dem Massenwickeltisch liegt.

Den Heimweg legen wir schweigend zurück. Wir legen das Kind ins Bett, das fünf Stunden am Stück durchschläft und danach so ausgeglichen wirkt wie nie zuvor. Ich finde den Mut für die Frage, die mich schon lange quält: „Woher kennst du … ES? Machst du eine Therapie, von der ich nichts weiß? Stellst du Zahnprothesen her und vertickerst sie an der Uni?“ Der Mann berichtet von einem Besuch des Hutzelweibchens in seinem Restaurant und wie es die Angestellten mit Extrawünschen zur Weißglut trieb. Ich frage ungläubig: „ES … isst?“ Der Mann nickt. „Salat mit Pute. Auf Gutscheinbuch. Und möchte eine Rechnung darüber haben. Geht aber nicht, weil Gutschein. Das ist zwei Jahre her. Seitdem steht ES jede Woche auf der Matte. Wegen der Rechnung.“

Eine Woche später. Der Mann ist dran. Frisch epiliert steht er mit zwei Müttern im Becken, von denen die eine ein Tweety- und ein Köln-Wappen-, die andere ein riesiges „Marvin forever!“-Tattoo trägt. Mit hochrotem Gesicht bewegt er die Lippen zu „Heeerschauen! HALLLLooo!“ Ich liege hinterm Beckenrand und mach mir vor Lachen fast ins Tankini-Höschen. Willkommen in Babylonien!

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Text Ilka Dischereit
Illustration Livia Scandale

3 Kommentare

  1. Dorothee sagt:

    Danke dafür. Ein wunderbarer Start in den Tag.

  2. Iris sagt:

    Ich liebe die Art, wie du schreibst! Bitte mehr davon.

  3. Kristina sagt:

    Herrlich Ilka, genauso ist es! Hab sehr gelacht!

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