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Positives über Chorweiler

22.11.2018 | Leben

Wer in Köln-Chorweiler lebt, lebt mit Klischees. Doch die meisten Bewohnerinnen und Bewohner kümmert das nicht. Sie fühlen sich in ihrem quietschfidelen Stadtteil mit den gar nicht mal so vielen Hochhäusern einfach nur eins: zuhause.

„Nächtlicher Überfall auf Kölnerin“, „Jugendliche Schlägergruppe in U-Bahnhaltestelle“, „Depot von Fahrradhehlern gefunden“, „Hochhausmarathon“. Überschriften der Website Chorweiler Panorama – jede eine Bestätigung für landläufige Klischees über den Stadtteil. Das Veedel, das einem ganzen Stadtbezirk im Kölner Norden seinen Namen gibt, hat seit Anbeginn Imageprobleme. In den 1970er Jahren frönten hier fortschrittsfreundliche Architekten und Stadtplaner der sogenannten „vertikalen Verdichtung“, bauten also himmelwärts und damit am Zeitgeist der Folgejahrzehnte vorbei. In die modernen Quader rund um den Pariser Platz zogen viele ein, die andernorts in Köln nicht fündig wurden. So entstand eine Bewohnerstruktur, die man im besten Sinne als „multikulti“, im schlechtesten als „abgehängt“ bezeichnen konnte.

Owtscharenko Litzenberger Chorweiler Mietermagazin GAG Köln
Larissa W. Owtscharenko (l.) und Alexander Litzenberger, „Chorweiler Panorama“

Larissa W. Owtscharenko, eine der Autorinnen von „Chorweiler Panorama“, hat sich hemmungslos in diesen fraglos überaus lebendigen Bevölkerungsmix aus rund 180 Nationalitäten verguckt und darüber ein Buch geschrieben. „Meine Liebe … Chorweiler“ heißt es und zeigt auf Vorder- und Rückseite die vermeintlich charakteristischen Ansichten des Stadtteils: Hochhäuser, mal grau, mal bunt. Seit 1983 lebt die gebürtige Russin in Chorweiler. Mit leuchtenden Augen sagt sie: „Ich kenne viele Leute, die gerne hier wohnen. Und viele meinen: Das ist gut so, wie es ist, das muss man nicht verändern.“

„Alle konnten gleich schlecht Deutsch. Das macht frei“.

Ihr Redaktionskollege Alexander Litzenberger drückt seine Zuneigung nüchterner aus: „Gerade Bewohner mit russischem Background können in Chorweiler leicht heimisch werden: Mit den vielen Hochhäusern sieht es genauso aus wie bei ihnen zuhause.“ Ihm selbst erging es ähnlich, als er 1996 aus Russland einwanderte und mit Serben und Türken Tür an Tür wohnte. “ Alle konnten gleich schlecht Deutsch“, erinnert sich Litzenberger. „Das machte frei im Sprechen.“

Baran Gökpinar Chorweiler Mietermagazin GAG Olko Köln
Baran Gökpinar, Café „Olko“

Möglicherweise traf er damals auf Ali Gökpinar, der als Sozialbetreuer für die Einwandererfamilien im Stadtteil zuständig war. „Mein Vater war ein angesehener Mann“, sagt sein Sohn Baran, Ende der 1980er Jahre in Köln geboren und Betreiber des Café „Olko„, einem echten Familienbetrieb, der nach Barans Großvater benannt wurde.

„Die Shishas sind unsere größte Einnahmequelle.“

Das „Olko“ ist in Chorweiler Anlaufstelle für viele und damit ein Spiegelbild des Stadtteils, den Gökkpinar liebevoll-ironisch als sein „Dorf“ bezeichnet. Hinter der penibel gepflegten Blumeneinfassung des Außenbereichs kommen ab 9 Uhr vormittags die älteren Herren zum Würfelspiel und Frühschoppen vorbei und die Mütter vom Spielplatz nebenan auf einen Latte Macchiato, mittags die Angestellten aus der Bezirksverwaltung und den anliegenden Banken und Geschäften, abends die Jüngeren zum Shisha-Rauchen. „Wir sind die älteste noch existierende Shisha-Bar Kölns“, sagt Gökpinar stolz. „Das ist unsere größte Einnahmequelle.“

Chorweiler Mietermagazin GAG Köln
Thomas Gruner (l.) und Hilmi Sagdic, Jugendzentrum „Pegasus“

Ein paar Schritte weiter quer über den Platz, an einer Versammlung älterer Herren beim klassischen Tabakrauchen und einer Teenager-Gruppe mit Bluetooth-Box vorbei, hat gerade das Jugendzentrum „Pegasus“ im Bürgerzentrum Chorweiler neu eröffnet. Die Jugendlichen haben ein Barcamp zur Klärung der Frage absolviert, was in den schönen neuen Räumen – immerhin fünf an der Zahl – passieren soll. An Stellwänden hängen die Ergebnisse des Brainstormings: Ein Airhockey oder eine Zuckerwattemaschine wünschen sich die einen, ein Bällebad, „mehr Ausflüge“ und eine Mädchenband die anderen. „Es ist ganz wichtig, dass die Jugendlichen einbezogen werden in die Gestaltung ihrer Räume“, sagt Thomas Gruner vom pädagogischen Team. „Auch wenn das Ei letztlich nicht neu erfunden wird.“

„Schreibt positiv über Chorweiler!“

Die jungen Leute hätten ganz handfeste Sorgen, sagt sein Kollege Hilmi Sagdic: „Sie wissen oft nicht, was sie wollen.“ Viele „Pegasus“-Stammgäste stammten aus sozial schwachen Familien, „aber die sollen ja vorankommen“. Zweimal pro Woche öffnet deshalb „Job aktiv“, die Berufsberatung, die den Jugendlichen bei der Jobsuche behilflich ist.

Vereine, Initiativen, auch Institutionen wie die GAG engagierten sich für die nachrückende Generation in Chorweiler, doch darüber werde, da sind sich die beiden Betreuer einig, zu wenig berichtet. „Schreibt positiv über Chorweiler!“, fordert Sagdic. „Sonst liest man auch in hundert Jahren immer nur die Klischees.“

Vera van Beveren Chorweiler Mietermagazin GAG Köln
Vera van Beveren, „Chorweiler Panorama“

Vera van Beveren, auch mit Ende 80 noch rüstige Dritte im Bunde bei „Chorweiler Panorama“ und stadtweit bekannte Chorweiler-Lobbyistin, würde diesem Aufruf nur zu gerne nachkommen, allerdings: „Wir suchen Autoren, die unsere Website mit interessanten Geschichten füllen!“ Also, nur Mut: Die Redaktion freut sich über Bewerbungen!

Fotos Thilo Schmülgen
Text Sebastian Züger

 

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