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„In Köln sind Freunde wirklich Freunde“

02.11.2017 | Menschen

Name:
Brigitte Wicharz

Geboren:
1949 in Bensberg

In Köln seit:
immer schon

Beruf:
Hauptschullehrerin i.R.

Lieblingsort:
Höhenberg

Als ich 14 Jahre alt war, hatten meine Eltern eine Idee: Das Mädchen sollte mal ’n bisschen Englisch lernen. Aus dem „Bisschen“ sind dann sieben Jahre geworden.

Aber der Reihe nach: Geboren bin ich in Bensberg. In Köln gab’s zu der Zeit kein Krankenhaus in der Nähe, die waren ja alle kaputt vom Krieg. Hier in Höhenberg bin ich in den Kindergarten gegangen, St. Elisabeth – den gibt’s heute noch. Und in die Volksschule Weimarer Straße, die gibt’s auch noch!

Mein Vater war Elektromeister, meine Mutter Buchhalterin. Ich war die einzige Tochter. Wär ich hier geblieben, wär ich ’ne verwöhnte Panz geworden. Also war das alles in allem schon eine gute Sache, dass ich mit 14 nach Amerika gegangen bin. Ich musste von einem Tag auf den anderen selbstständig werden.

Meine Tante lebte mit ihrer Familie in Redwood City, einer kleinen Stadt in der Nähe von San Francisco. Die hatten da zwei Supermärkte, und es war klar, dass ich mit anpacke. Ich kam mit ein bisschen Schulenglisch dort an und musste mich schnell eingliedern. Da blieb gar keine Zeit für Heimweh. Ich war zwar in einem deutschen Haushalt, aber wenn Besuch da war, wurde Englisch gesprochen. Da war meine Tante echt brutal.

Heimweh kam später. Mir fehlte nicht unbedingt der Dom, sondern eher dieses einfach mal eine Stunde zusammensitzen oder spontan was unternehmen – oder im Restaurant noch ein bisschen sitzen bleiben, auch wenn man schon bezahlt hat … Gemütlichkeit, Spontaneität – das ist schwierig für die Amerikaner. Mit 17 war ich für sechs Wochen in Köln und war ganz erstaunt: Die Leute hatten dort so viel mehr Zeit als in Amerika!

Was mir aber vor allem fehlte, waren echte Freundschaften. Die Amerikaner, die ich dort kennengelernt habe, sind Bekannte geblieben. In Köln ist das anders. Freunde heißen hier nicht nur so, das sind wirklich Freunde!

Mein Englisch ist immer ein bisschen kölsch geblieben.

1970, mit 21 Jahren, kam ich wieder zurück nach Deutschland. Mit den Hippies in San Francisco hatte ich nichts am Hut gehabt. Und mein Englisch ist immer ein bisschen kölsch geblieben. Ich hatte die Schule abgeschlossen und eine Ausbildung als Lehrerin hinter mir. Das Studium haben sie hier aber nicht vollständig anerkannt. Maximal 14 Stunden pro Woche durfte ich die Kinder „versauen“, für mehr war ich nicht zugelassen. Dann kam eines Tages der Schulrat zu mir und sagte auf Kölsch: „Mensch, Mädchen, mach doch noch die zwei Jahre, dann kannste hier richtig einsteigen.“ Also hab ich das gemacht.

Ich hab nicht geheiratet und keine Kinder. Ich wollte nie was anderes sein als Lehrerin. Die Kinder in der Schule, das waren meine Kinder. Zu vielen habe ich heute noch Kontakt. Und obwohl ich mit Leib und Seele Lehrerin war, wollte ich nicht, dass mein Leben nur aus Arbeit besteht. Ich will auch was vom Leben haben, mal die Füße hochlegen, Urlaub machen, Freunde treffen. Dafür hab ich immer Zeit gefunden.

Vielen Menschen fehlt sowas, so eine innere Zufriedenheit. Ich glaube, die habe ich von meinem Opa geerbt. Der hatte nach einem schlimmen Unfall keine Beine mehr. Aber er hat nie geklagt und ist über 90 Jahre alt geworden. Von ihm habe ich gelernt, positiv zu denken. Man kann sich nämlich entscheiden, wie man drauf ist. Ich lass mich nicht unterkriegen durch irgendwelche Erwartungen von außen. Das Wichtigste ist immer, dass man sich selbst treu bleibt.

Nach 42 Jahren hab ich aufgehört mit der Schule und bin direkt hierhin, ins Seniorennetzwerk Höhenberg. Wir machen einmal im Monat ein Stadtteilfrühstück, einmal im Monat Ausflüge – mal größere, mal kleinere, mal zum Altenberger Dom und mal an die Nordsee. Und natürlich betreuen wie die Museumswohnung der GAG in dieser denkmalgeschützten Siedlung.

Manchmal wird was wegrationalisiert, worüber man besser nochmal nachgedacht hätte.

Schade, dass dieser Baustil heute nicht mehr gepflegt wird – vielleicht ist er zu teuer. Früher gab es viele kleine Geschäfte bei uns, vom kleinen Eisenwarenhandel bis zum Nähladen. Heute haben wir nicht mal mehr eine Drogerie hier. Manchmal wird was wegrationalisiert, worüber man besser nochmal nachgedacht hätte. Aber so ist das eben, die Dinge ändern sich. Es hilft nichts, das zu beklagen.

Ich klage sowieso nicht. Nächste Woche fahr ich in den Urlaub. Ich fahre gerne weg, meistens zweimal im Jahr auch immer noch in die USA. Es ist eine Tür offen geblieben nach dorthin. Und das ist doch sehr schön!

Alle Infos zur GAG-Museumswohnung in Höhenberg lesen Sie in unserem Folder, hier als PDF zum Download.

Fotos Patrick Essex
Text
 Sebastian Züger

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