„Ich mache keine halben Sachen“

20.04.2020 | Allgemein Menschen

Name:
Benjamin Jonas Schmid

Geboren:
5. Mai 1988

In Köln seit:
August 2018

Beruf:
Student der Rechtswissenschaft

Lieblingsort:
Klettenberg

Wegen seiner Brüder fing er an zu schneidern

„Mit sechs Jahren habe ich meine erste eigene Hose genäht. Das lag daran, dass ich viele Geschwister hatte, insgesamt fünf Brüder. Von den drei älteren musste ich immer die Kleidung auftragen. Und deren Klamotten gefielen mir nicht. Meine Eltern sagten: Dann musst du dir von deinem Taschengeld was Eigenes kaufen. Irgendwann habe ich mich hingesetzt und habe angefangen, die Kleidung zu malen, die ich gerne tragen würde. Später habe ich Din-A4-Seiten zusammengeklebt, damit ich eine große Papierfläche hatte. Freihändig zeichnete ich darauf Schnittmuster.

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Mit sechs also die erste Hose. Den Stoff hatte ich von meinem Taschengeld gekauft. Die Hose hat zwar von vorn bis hinten nicht gepasst, aber ich war total stolz auf sie und habe sie trotzdem angezogen. Das sah ganz furchtbar aus, aber ich fand das cool. Ich habe weiter geübt mit dem Schneidern und wurde immer besser. Irgendwann kamen Leute auf mich zu und sagten: Das sieht ja toll aus, könntest du auch mal was für mich nähen? Oder ich sollte was ändern, was kürzer machen oder länger. Ich habe tage- und nächtelang genäht, alles per Hand.

Mit zehn oder zwölf Jahren, genau weiß ich das nicht mehr, hat mir meine Tante eine gebrauchte Nähmaschine geschenkt, die sie im Schrank stehen hatte. Meine Tante hat an mich geglaubt und mich gefördert. Und so konnte ich auch Jacken und Mäntel nähen.

„Ich wollte frei sein und früh raus in die Welt.“ 

Mit 16 Jahren bin ich zu Hause ausgezogen. Denn ich war immer schon ein Mensch, der Ziele hat; ich wollte frei sein und früh raus in die Welt. Im Schneidern war ich schon ziemlich weit. Also wollte ich jetzt noch einen anderen Beruf lernen. Ich wollte ja so vieles werden. Ich habe mir überlegt, woran hast du noch Spaß, und bin auf den Friseurberuf gekommen. Da kann man kreativ sein, ist unter Menschen und kann auch als junger Mensch Geld verdienen. Auf der Hauptschule hatte ich meinen Klassenkameraden schon die Haare geschnitten.

Mit 16 habe ich auch meine Ausbildung begonnen, in meiner Heimatstadt Ravensburg. Erst habe ich als Geselle gearbeitet, danach die Meisterschule besucht. Ich mache halt keine halben Sachen. Wenn ich etwas anfange, muss das schon professionell sein, dann muss ich auch den Meister machen. Ich wollte eine Führungsposition, weil ich merkte, am Stuhl stehen und Haare schneiden bringt mir langfristig nicht so viel.

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Er war Friseur, Steward und studiert jetzt Jura 

Mit 20 leitete ich meinen ersten Salon, das war in Friedrichshafen. Hier absolvierte ich auch meinen Zivildienst. Dann übernahm ich für zweieinhalb Jahre den zweiten Salon, jetzt in Ulm. Weil ich für eine Kette arbeitete, war es möglich, zwischen einzelnen Städten zu wechseln. Bei mir war’s regelmäßig so, dass ich morgens aufwachte und dachte: Ich habe Lust, morgen nach München oder nach Stuttgart zu ziehen. So ein Bauchgefühl. Und dann dann bin ich umgezogen.

Mit 24 habe ich einen Break gemacht und mir einen Job bei der Deutschen Bahn gesucht. Denn ich  reise gerne und wollte immer schon gerne Steward sein. Das hat etwa ein Jahr lang gedauert. Am liebsten würde ich alle meine Berufe gleichzeitig ausüben – jeden Tag einen anderen Job. Dann wollte der Friseur-Konzern mich wieder einstellen, und so habe ich meinen dritten Salon geleitet. Ich war Ausbildungs- und Lehrleiter, dann wurde ich befördert zum Bereichsleiter in Bremen und Umland. Dort habe ich statt einer Filiale 31 Filialen geführt, mit 190 Mitarbeitern. Das habe ich drei Jahre lang gemacht.

„Ich treffe gerne Entscheidungen.“

Mit 30 kam der Zeitpunkt, dass ich sagte: Ein Beruf fehlt noch auf meiner Liste, der Jurist. Das ist mein absoluter Traumberuf. Ich wollte immer Richter werden. Ich musste mich schon früh durchboxen. Schon als Kind hatte ich ein Händchen dafür, Probleme zu lösen. Auch in meinen Führungspositionen konnte ich zeigen, dass ich Menschen zusammenführen kann. Und ich bin sehr entscheidungsfreudig; ich war immer der, der den Hut aufgesetzt hat, um eine Entscheidung zu treffen. Und so habe ich im Oktober 2018 mein Studium an der Universität zu Köln aufgenommen.

Ich hatte an mehreren Unis einen Studienplatz. Und habe mich für Köln entschieden. Ich hatte die Jahre zuvor im Norddeutschland gearbeitet und wollte wieder ein wenig zurück in den Süden. Außerdem hatte ich in Köln noch nicht gelebt. Die Stadt ist eine Lifestyle-Stadt und so multikulturell, das wollte ich mal ausprobieren. Es gefällt mir auch sehr gut hier. Zuerst habe ich in Mülheim gewohnt, vor einem Jahr bin ich in Klettenberg gelandet. Auf der einen Seite habe ich hier Multikulti, auf der anderen ist es grün, ländlich und ruhig. Und zur Uni kann ich zu Fuß laufen.

Das Nähen hilft ihm durch die Coronakrise

Im Zusammenhang mit der Coronakrise habe ich mir kürzlich eine Mund-Nasen-Maske geschneidert und bin damit nach draußen. Die Leute haben mich komisch angeguckt. Ich habe mich gefragt, warum. Bis ich eine Frau angesprochen habe. Und sie fragte mich, wo ich die denn her habe. Als ich sagte, dass ich die selber herstelle, hat sich bestätigt, was ich mir schon gedacht habe: Die Leute gucken so komisch, weil sie selber kein Mundtuch haben. Wenn sie eins hätten, würden sie das auch anziehen. Hier besteht also ein Mangel, ich muss etwas tun.

Inzwischen stellen die natürlich viele Leute her. Aber ich dachte mir: Je mehr Leute das machen, desto besser. Inzwischen habe ich 150 Mund-Nasen-Masken an den Mann gebracht, ich habe noch Aufträge für 300 weitere. In jeder meiner Gesichtsbedeckungen steckt sehr viel Liebe – und sehr viel Handarbeit, jede einzelne messe ich einzeln mit dem Maßband aus. Mit Mustern halte ich mich dabei sehr zurück, die meisten sind aus unifarbenem Stoff. Das gefällt mir am besten.

„Ich will die Situation nicht ausnutzen.“  

Beim Gewerbeamt habe ich mich als Maßschneider angemeldet. Bislang biete ich die Mund-Nasen-Masken zum Selbstkostenpreis an. Einfache Modelle gibt’s ab zwei Euro, je nach Materialverbrauch. Denn ich will, dass jeder eine bekommt – und die Situation nicht ausnutzen, wie andere das tun. Für die Zukunft möchte ich weitere Designs entwickeln und mich spezialisieren. Da werde ich mit dem Preis ein wenig hochgehen – und doch sollen sie erschwinglich bleiben. Je nach Modell und Material fünf bis 20 Euro, denke ich. Eine eigene Homepage habe ich noch nicht, kontaktieren kann man mich über Instagram @bjs.modeschneider oder Facebook.

#zohus-Moment von Benjamin Jonas Schmid

Besonders toll finde ich an Klettenberg, dass hier alles so familiär ist. Das habe ich noch nirgendwo anders erlebt. Wenn ich in meinen Stammsupermarkt gehe: Die kennen mich, die sprechen mich mit Namen an. Und an der Kasse wissen die, dass ich meinen Kassenzettel mitnehmen möchte. Wenn ich in die örtliche Facebook-Gruppe schreibe, mir fehlen drei Eier, dann bin ich mir sicher, am Ende ist mein Schrank voller Eier.“

Benjamin Schmid ist nicht der einzige lokale Produzent von Mund-Nasen-Masken. Wir haben für Sie eine Sammlung an weiteren Kölner Nähgeschäften und Änderungsschneidereien zusammengestellt, die hier aktiv sind.

Text: Markus Düppengießer
Fotos: Costa Belibasakis

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